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Primus-Heinz Kucher, Rebecca Unterberger: „Akustisches Drama“.

Radioästhetik, Kultur und Radiopolitik in Österreich 1924-1934.
Bielefeld: Aisthesis 2013.
239 Seiten, kartoniert;
zahlreiche Abbildungen; EUR 34,80.
ISBN 978-3-89528-928-6.

Dass Entstehung und Entwicklung der (jeweils) neuen Medien nicht nur das Leben der Menschen bis in ihren Habitus hinein verändert, sondern auch Kunst und Literatur prägen, umformen, jedenfalls beeinflussen, ist bekannt – im 19. Jahrhundert etwa mit den fotografischen und phonografischen Aufzeichnungsystemen bis hin zu Film, Fernsehen und zuletzt Internet. Dazu gehört auch der heute nicht mehr ganz so aktuelle Rundfunk (ursprünglich „Rundspruch“ genannt), eigentlich ein junges Medium, das gerade einmal 90 Jahre alt ist. Als erstmals am 2. September 1923 in Wien eine Radiostation auf Sendung ging, wenige Wochen bevor dies auch in Berlin geschah, und 1924 die „Radioverkehrs AG“ (Ravag), die erste große Sendeanstalt Österreichs, eingerichtet wurde, war dies Auftakt zu einem folgenreichen Medienereignis. Es wird im vorliegenden Band erstmals vorgestellt – mit rund 60 Textzeugnissen aus dem ersten Radiojahrzehnt, also von 1924 bis zur historischen Zäsur von 1934, und zwei flankierenden Aufsätze dazu.

„Akustisches Drama“ – dieses in der Mediendiskussion der Zeit immer wieder aufgegriffene Schlagwort, das dem Band den Titel gegeben hat, stammt vom großen Medienexperten der Zwanziger Jahre, Béla Balázs. Er verstand darunter die „Darstellung des Lebens nur für das Ohr“ (S. 19), wobei es aber nicht oder nicht allein um neue Vermittlungsformen für alte Künste ging, sondern eben um dem neuen Medium angemessene ästhetische Innovationen: „Das Radiodrama“, prophezeit Balázs, „wird eine eigene Kunst werden und sich wie der Film […] einmal zu hohen poetischen Möglichkeiten emporringen“ (S. 19). Das ist optimistisch und formuliert die großen Erwartungen, die an den Rundfunk gestellt worden sind. Dass es dabei nicht allein um ästhetische, sondern auch um politisch-kulturelle Aspekte ging, verdeutlichen frühe Debatten um eine radikale Demokratisierung des Mediums, um freien Zugang zum Radio und um eine uneingeschränkten „Freiheit des Experimentierens“ (S. 15). Zu Recht wird in dem Band darauf hingewiesen, dass hier erste Überlegungen zu einer Emanzipation der Zuhörerschaft und einer Neubestimmung der Sender-Empfänger-Relation angestellt worden sind, Überlegungen, für die in der Weimarer Republik, wenn auch etwas später als die Wiener, Bertolt Brecht steht. Dass das Radio allen gehören solle, ist eine angesichts heutiger Debatten über das Internet ungemein aktuelle Forderung aus der Frühzeit des Rundfunks.

Das wichtigste Organ dieser Debatten war die Wiener Zeitschrift Radiowelt, die zumindest anfangs sozialdemokratisch orientiert war und aus der eine Vielzahl von Dokumenten abgedruckt wird, neben anderen einschlägigen Periodika wie die eher konservative Radio-Woche oder Radio-Wien. Abgedruckt werden aber auch Texte aus anderen Zeitschriften, soweit sie sich der Radio-Debatte widmen, etwa aus dem Prager Tageblatt, das über eine eigene Radiobeilage verfügte, oder aus der Bühne. Die konsultierten Zeitschriften sind im Übrigen akribisch aufgeführt (S. 233). Dass, notabene, es die Radiowelt war, die für radikale Forderungen steht, und nicht die kommunistische Rote Fahne, die sich lange Zeit um das neue Medium so gut wie gar nicht gekümmert hat, gehört zu den vielen Überraschungen des vorliegenden Buches.

Es bietet in fünf Abteilungen „Programmatische Texte zur Radiokultur- und Radioästhetik-Debatte“, so die Generalüberschrift. Im Einzelnen geht es bei den jeweils 10 bis 20 Textdokumenten um „Frühgeschichte – Positionierungen – Visionen“, um „Ästhetisch-künstlerische Fragestellung und Potentiale“, „Schriftsteller über das Radio – Radio und Literatur“, um „Radio – (Kultur) Politik“ und um „Interviews“. Letztere Rubrik, die umfangreichste, ist besonders aufschlussreich und auch amüsant zu lesen. Sie bietet Interviews, die die Radiowelt mit Künstlern und gelegentlich auch Künstlerinnen (mit Maria Jeritza sowie mit der Frauenrechtlerin Eugenie Schwarzwald) über das neue Medium geführt hat und über die z.T. im Wortlaut referiert wird. Die Spanne der Befragten reicht von Karl Schönherr und Thomas und Klaus Mann über Martin Andersen-Nexö, Egon Erwin Kisch, Ilja Ehrenburg und Franz Werfel bis zu Ernst Krenek, Alban Berg, Arnold Schönberg, Kurt Weill und last but not least Charlie Chaplin.Diese illustre Namenliste korrespondiert mit derjenigen im Kapitel „Schriftsteller über das Radio“, in dem Karl Kraus, Felix Salten, Otto Soyka, Kisch, Arnolt Bronnen, Anton Kuh und Fritz Brügel zu Wort kommen – und Alfred Polgar mit den Worten: „Ich habe einen kleinen Radioapparat, er heißt Nora, aber wir rufen ihn Mieze“ (S. 111).

Auffällig sind die großen Erwartungen, die an den Rundfunk, laut Bronnen „heute die größte Macht für alle Künste des Wortes“ (S. 110), gestellt werden – sei es, dass das Radio helfen solle, so Felix Salten, „die Annäherung der Völker zu fördern und den Ausbruch blutiger Kriege hindern zu helfen“ (S. 105), oder aber dass man „manchmal bei atmosphärischem Glück“, so Fritz Brügel in seinem Radio-Song, der 1932 auf der Titelseite von Rundfunk für alle erschienen ist, „Moskau hört / mit einem Lied, das den Walzer stört: / ‚Wacht auf, Verdammte …‘“ (S. 115). Der bedeutende sozialistische Kritiker Fritz Rosenfeld fordert in einem Bericht zum Arbeiter-Rundfunktag 1932 vom Rundfunk, nicht allein Reportagen aktueller Fußballspiele, Volksfeste, historischer Umzüge usw. zu bringen, sondern gerade auch politische Berichterstattung zu liefern, „den Rundfunk wirklich zum aktuellen Berichterstatter“ und „den Hörer zum Zeugen Lebendigen, also unbestimmbaren Lebens zu machen“ (S. 128). Rosenfeld verweist dabei auf Russland, wo es Gang und Gäbe sei, dass Veranstaltungen, „in denen Fragen von allgemeinem Interesse behandelt werden, durch den Rundfunk der großen Öffentlichkeit“ mitgeteilt würden (S. 128).

Das Radio als „wirklich demokratisches Instrument“, als „Instrument der öffentlichen Kontrolle“ (S. 128) – dies Postulat führt zurück zu den bereits aufgeworfenen Fragen der frühen Positionierungen des Rundfunks innerhalb der anderen Medien und im ästhetisch-kulturellen Feld der Zwanziger und frühen Dreißiger Jahre. Die Herausgeber bieten dafür in ihren Beiträgen informative Hinweise und Analysen. Der Klagenfurter Literaturwissenschaftler Primus-Heinz Kucher, spiritus rector des FWF-geförderten Projektes „Moderne und Antimoderne in der österreichischen Literatur der Zwischenkriegszeit“, in dessen Kontext dieser Band erarbeitet wurde, zeichnet in seinem Einleitungsessay minutiös Theorie und Praxis der frühen Rundfunkbewegung nach. Rebecca Unterberger, wissenschaftliche Mitarbeiterin im genannten FWF-Projekt, bietet ein sorgfältig erarbeitetes Profil der Radiowelt. Insgesamt macht das Buch deutlich, wie lebendig Radioästhetik, Kultur und Radiopolitik in Österreich 1924 bis 1934 waren, aber auch, dass es doch erheblicher und aufwendiger Recherchen bedurfte, um dieses bisher unbekannte Kapitel in Literatur und Kultur der österreichischen Zwischenkriegszeit in den Blick zu bekommen. Vielleicht hätte man sich noch weitere Informationen über die Arbeiter-Radio-Bewegung gewünscht oder auch über die Praxis der neuen Literaturgattung des Hörspiels. Nichtsdestotrotz – dieses Buch ist eine Fundgrube.

Walter Fähnders
19. März 2013



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