Johannes Gelich: Wir sind die Lebenden.

Roman.
Innsbruck: Haymon, 2013.
240 S.; geb; EUR (A) 19,90.
ISBN 978-3-7099-7030-0.

Leseprobe

Autor

Johannes Gelich hat ein Faible für hermetische Versuchsanordnungen. War es in „Chlor“ von 2006 ein Hallenbad, in dem der „frei gesetzte“ Protagonist seine Zeit verbrachte, so waren es in dem 2008 erschienenen Salzburger Festspiel-Roman „Der afrikanische Freund“, in dem Kulinarisches mit unverstellt mörderischen Urtrieben gekreuzt wurde, verzweigte Burgzimmerfluchten. Und nun, in „Wir sind die Lebenden“ – längere Zeit wurde dieses Buch unter dem weitaus passenderen Titel „Nirwana“ angekündigt – eine gerade einmal zwei Kabinette umfassende Portierwohnung in Wien. Darin liegt auf einem Schlafkanapee weitgehend immobil Nepomuk Lakoter. Infolge eines Unfalls ist er in die Horizontale gezwungen. Bei ihm handelt es sich um so etwas wie einen Lebenskünstler. Respektive einen zivilisatorisch nihilistischen Oblomow. Er ist schon vor der Matura in ein Stadium der Langsamkeit, der Geschwindigkeitsverzerrung und der erfolgreichen Arbeitsresistenz verfallen. Seine Existenz als Künstler, der sich nicht um die Kunst kümmert und seit langem keine Zeile zu Papier bringt, statt dessen nach Gusto auf der Sitar spielt und sich mit Joints in wohligen Halbschlummer versetzt, sichert ein geerbtes Zinshaus, das in sicherer Entfernung in Baden steht. Seit langem hat er es nicht mehr aufgesucht noch sich darum ansatzweise gekümmert. Daher befindet es sich auch im fortgeschrittenen Stadium der Verwahrlosung. Seine Mieter protestieren mehrfach schriftlich bei ihm. Doch er pflegt das zu tun, was schon immer sein Lebens-Rezept war: nichts. Im Alltag hilft ihm, dem ewig Zeternden, dem Bohemien ohne Bohème, dem Ziellosen, der jedes Ziel denunziert, eine rumänische Haushälterin namens Amalia. Soweit dies Lakoter zulässt. Denn sein Kabinett geht langsam in Staub unter, Bücher spielen kaum noch eine Rolle. Er lebt in den Tag hinein. Bis ihn seine höchst aktive und clevere Schwester, eine studierte Juristin und erfolgreiche Immobilienhändlerin, der das Zwillingshaus neben Nepomuks Anwesen gehört, mit Teilentmündigung bedroht und mit der Zwangsverwaltung seines Zinshauses. Woraufhin Nepomuk einen Freund überreden kann, nach Baden zu fahren, in kürzester Zeit Handwerker zu engagieren und zumindest optisch Aktivität zu signalisieren. Als Amalia dann noch ankündigt, auf Verwandtenbesuch nach Rumänien zu reisen, droht Nepomuks so selig gepflegte Indolenzinsel und der Zeit entfallene Existenz endgültig Schaden zu nehmen. Denn Amalia schlägt als Aushilfe eine jüngere Verwandte vor, die Mittdreißigerin Ana, hübsch, klug, jedoch von einer partiellen Gesichtslähmung gezeichnet.

Als Ana in Nepomuk Lakoters Leben eintritt, bricht sein emphatisch verteidigtes und gegen die Welt gerichtetes existenzielles Kartenhaus zusammen. Denn er verliebt sich Schritt für Schritt in Ana, die in einer Bar arbeitet und dort auch als Chansonnière auftritt. Nepomuk, dessen Eltern durch ein großes Begräbnisunternehmen zu Wohlstand gekommen waren, vermag jedoch das Glück nicht auszuhalten. Er pflegt weiterhin quälende rhetorische Sekkaturen, auf Grund derer sich Ana verletzt und brüsk von ihm abwendet. Als die beiden wieder zusammenzufinden scheinen, flieht Nepomuk. Eine heile Welt – das Buch spielt im Jahr 2011 in den Monaten, die auf die Atomreaktorkatastrophe in Fukushima folgten – ist ihm dermaßen ungeheuer, dass er zum emotionalen Ungeheuer mutiert, zum Gefühlseskapisten, und sich am Ende allein in einen Schutzraum im Wald zurückzieht.
Flieht er aber nicht eher vor sich selber, dieser beredte Oblomow? Dieser Resistenzapostel, dem alles gleich lächerlich erscheint: die bürgerlich tätige Welt, die Menschen darin, die eigenen Aktivitäten wie: Kunst erschaffen, als Sänger einer Rockband auftreten, sich verlieben, Status, Sinn, Sinnlosigkeit?

Es ist kein kleines Kunststück, wie Johannes Gelich diesen zerrissenen Charakter anlegt. Wie er diesen ewigen Disputanten und Reklamanden sympathisch zeichnet – abgedruckt sind einige von Lakoters Protestbriefen, in denen er beispielsweise zu lange Warteschlangen in einem gewissen Supermarkt als Absicht beklagt oder ultimativ die Einführung von Einkaufswägen einfordert, die mit 50 Cent- statt mit 1 Euro-Münzen in Bewegung zu versetzen sind. Wie er ihn selbst in seinen Thomas-Bernhard-Suaden einfühlsam portraitiert, wie er ihm einen ganz eigenen Tonfall zwischen spätinfantilem Nichtsnutz, arrogantem Raunzer, sehnsüchtig Hoffendem und An-sich-Verzweifelndem gibt, das zeugt von mehr als nur Talent. Johannes Gelich zeigt sich vor allem in den Dialogen als lebendiger, vielleicht aktuell bester Konversationsschreiber Österreichs. Das hat Witz, das hat Esprit, das ist böse in den Karikaturen des Kreises um Lakoter – ein sexsüchtiger Touristenguide, ein abgründig harmloser Performancekünstler. Und doch geht Gelich mit seinen Personen nie denunziatorisch um. Dass in diesen Petitessenkosmos dann doch das Große, das Globale einbricht – das Katastrophische des Unglücks in Japan –, fügt dem Ganzen, gelungen bis in kleine dramaturgisch abschweifende Details, eine schwarzbittere Grundierung bei.
Johannes Gelich erweist sich mit „Wir sind die Lebenden“ als ironischer, verspielter wie erbittlicher Erzähler. Bleibt nur zu hoffen, dass er seinem neuen Verlag in Innsbruck treuer bleibt (und umgekehrt) als in der Vergangenheit, jeder seiner Romane erschien bis dato in einer anderen Stadt.

Alexander Kluy
20. März 2013

Originalbeitrag
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