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Leseprobe: Nadine Kegele - Annalieder.

 

Das Licht löste sich im Nachmittag auf und ließ den Raum hart werden, die Bauklötze, gelb, grün und rot, grau. Tobias lag auf dem ausgezogenen Sofa. Er stöhnte kurz auf, als träume er etwas besonders Langweiliges, er ließ sie wissen, dass er noch am Leben war, Kleinkinder sollten nicht auf dem Bauch schlafen. Maria legt ihre Beine auf den Stuhl gegenüber, sie klopfte der Zigarettenschachtel auf den Kopf, einmal, zweimal, und steckte sich die erste, die ihr zwischen die Finger kam, in den Mund. Sie sollte nicht rauchen, als Mutter, vor allem nicht, wenn sie ihre Kinder stillte, aber auch die Kinder sollten nicht hier sein, dachte sie. Aus der Tasse stieg Rauch auf, als hätte der Kaffee Feuer gefangen. Er hatte am Morgen die letzte Milch verbraucht und ihr gerade in die Augen gesehen dabei, er wusste, sie trank ihren Kaffee nach dem ersten Stillen. Als er die leere Packung in die Spüle warf hatte er gelächelt. Auf dem Sofa grunzte es, Maria sah hinüber. Seine Arme boxten in die Matratze, die Augen gingen auf, er blicke zu ihr, sie blinzelte ihm zu, es half. Maria hustete, der schwarze Kaffee brannte tatsächlich, nun grunzte auch sie und ihre Arme ruderten vor ihrem Mund. Sie goss einen Schluck Wasser aus dem Glas in die Kaffeetasse. In der Kaffeetasse was ein Fettauge zu sehen. Sie hatte am Vortag aufs Spülen verzichtet, es war ihr nicht mehr wichtig erschienen.
In der Welt war gestern nichts geschehen, was sich nicht vorgestern bereits abgezeichnet hätte. Minenarbeiter, die die Niederschlagung des Streiks überlebt hatten, des Mordes an ihren Kollegen angeklagt, die aus den Schüssen der Polizeiwaffen gestorben waren. Pleitestaaten wurde befohlen, noch mehr als gestern zu sparen, aber manchmal ging mehr sparen nicht, er glaubte ihr das auch nie, nur die Arbeitslose, die sich vor dem Regierungsgebäude selbst in Brand gesteckt hatte, dürfte das, wie Maria, auch gewusst haben. Sie hatte ein Kuvert hinterlassen, ihr letztes Geld, für die Tochter, die zurückblieb. Maria fragte sich, wohin sie es gelegt hatte. Auf den Boden, zwei Meter neben sich, dann der Benzin, das Streichholz? Wie ein Brandstifter eine Scheune, dachte Maria. Und die Staaten würden weitermachen, als hätte es die Frau nie gegeben. Marias Zungenspitze erschrak beim nächsten Schluck des bitteren Kaffees. Vielleicht hatte sie die Kleider zu Hause bereits in Benzin getränkt gehabt. Sie würde sich vor Ort überschütten, vor aller Augen. Maria sah auf die Uhr. In einer Stunde würde Anton kommen und nicht viel sprechen. Wenn er so schweigsam an ihrer Brust saß und aß, konnte Maria beinahe vergessen, dass Anton so alt war, und fast war es ihr nicht mehr unangenehm. Im nächsten Moment streichelte er sie, mit mehr Bedacht als Tobias, an ihrem Busen und blickte ihr in die Augen dabei, dann ekelte sie sich vor diesem Kind.

© 2013 Czernin Verlag, Wien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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