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Leseprobe: Bernd Schuchter - Link und Lerke.

 

Link stattdessen trieb es ins Museum. Das war legitim. Am Morgen hatte er nach Zürich telefoniert und einen Freund gebeten, das Verreist-Schild an seinem Geschäft auf unbestimmt zu verlängern. Seit dem gestrigen Tag war er nicht mehr derselbe und er sehnte sich nach vielem, nicht aber nach einer schnellen Rückkehr nach Zürich.
Link erinnerte sich später, dass die ersten Tropfen fielen, als er die Stufen zur ehemaligen Villa Rosenthal emporstieg, in der seit ein paar Jahren das jüdische Museum untergebracht war. Er wunderte sich nicht über den Regen, aber er fiel ihm auf. Hier beginnt etwas, sagte er zu sich. Hier beginnt etwas.
Die Dielen des Vorraums empfingen Link mit einem knarzigen Wimmern, woraufhin eine Frau hinter dem Schalter aufsah und ihn begrüßte. Für einen Moment war Link versucht, zu der Frau Einmal Student zu sagen, weil er neugierig auf ihre Reaktion war. Er ließ es bleiben und bezahlte.
Link erinnerte sich später, dass ihm vor allem die Stühle des Cafés aufgefallen waren, die rechter Hand den Eingangsbereich des Museums strukturierten. Ihm gefielen die Stühle und die Tischchen und er sah sich selbst vor sich, Zeitung lesend und Kaffee trinkend, als säße er in einem Altwiener Kaffeehaus, etwa im Hawelka oder dem Bräunerhof. Da fiel ihm wieder Thomas Bernhard ein und mit Bernhard vor allem die Tatsache, dass Bernhard nie etwas über Juden geschrieben hatte. Kein einziges Buch von Bernhard ist ein Naziliteratur- Buch, dachte sich Link in diesem Augenblick. Und während er das dachte, empörte er sich über Bernhard, der sich so klammheimlich aus der Verantwortung eines österreichischen Nachkriegsschriftstellers gestohlen hatte. Das war Link bis zu diesem Zeitpunkt, als er im Jüdischen Museum in Hohenems die Stühle und Tischchen des Cafébereichs sah, nie aufgefallen, im Gegenteil, ihn überkam diese Erkenntnis wie ein plötzlicher Schlag auf den Kopf. In Gedanken formulierte Link die These, dass es unabdingbar für einen österreichischen Schriftsteller sei, sich mit der eigenen Geschichte im Allgemeinen und mit der Judenproblematik und dem Dritten Reich im Besonderen auseinanderzusetzen. Ausgerechnet Bernhard!, dachte Link. Ausgerechnet!
Link musste sich setzen und bestellte einen kleinen Kaffee. Er war wie gelähmt und trank in kleinen Schlucken. Ausgerechnet!, murmelte Link und Ausgerechnet Bernhard! Dröge führte er die Tasse zum Mund, in der sich nur mehr der Satz sammelte. Dann nahm er einen letzten Schluck vom bitteren Bodensatz und schlug sich auf die Stirn! Heldenplatz!, entfuhr es ihm, und noch einmal: Heldenplatz! Wie konnte ich das vergessen. Was danach kam, davon konnte sich Link keine rechte Vorstellung machen. Wie in Watte ging er durch die Ausstellung des Museums und nahm die Biografien und Daten wie Weihwasser in sich auf. Es war, als fließe alles durch ihn hindurch. Link war - er konnte es später nicht anders beschreiben - irgendwie ganz bei sich.

(S. 144-146)

© 2013 Edition Laurin, Innsbruck.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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