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Leseprobe: Katrin Röggla - besser wäre: keine. Essays und Theater.

 

Auszug aus: NICHT HIER oder die kunst zurückzukehren, 1. Akt/2.Szene


dirk und christin vorne. die anderen im hintergrund.
dirk
hallo christin.
christin
(seufzt) hallo dirk. was machst du?
dirk
meine ehe flicken. du auch?
christin
das macht mein mann. sagt er zumindest, aber in wirklichkeit arbeitet er diese papierstapel durch. (zeigt auf einen imaginären papierstapel, zuckt mit den achseln) irgendeine fortbildung.
dirk
meine frau will auch nicht in deutschland bleiben, als ecuadorianerin verständlich. aber ich evaluiere hier doch. sie sagt: was ist mit deiner fairen kakaobohne? willst du nicht mehr helfen, die ecuadorianischen bauern vom einen ende der wertschöpfungskette ans andere zu schubsen? ich sage: will ich, will ich, aber ich kriege doch da unten keinen vernünftigen job. also evaluier ich. sie sagt sesselpuper. ich sage nichts.
christin
oh.
dirk
und du?
christin
ich stehe immer noch in der küche meiner schwester.
dirk
du kommst aber auch nicht recht vom fleck.
christin
man hat mir gesagt: auch hier findest du ein kleines afrika, und jetzt finde ich es nicht.
dirk
schau genau hin!
christin
ich finde es noch immer nicht. ich sehe nur die neue geschirrspülmaschine meiner schwester und frage mich, ob sie als gesprächsthema jetzt ewig stehenbleibt.
dirk
ach. und?
christin
na ja.
die beiden stehen etwas verlegen herum.

sandra
(taucht plötzlich wieder auf) ich halte das nicht mehr aus. da bringe ich meine beispielerzählung an, und keiner reagiert. ich sage also BEISPIELSWEISE: wie siehts denn bei dir aus, hat meine alte freundin gesagt, bei euch ist’s ja noch immer so provisorisch, könnt ihr euch nicht einrichten? ich meine, jetzt seid ihr schon über ein jahr da.
dirk
drei monate.
sandra
(irritiert) bitte?
dirk ich bin erst seit drei monaten da.
sandra
(kapierts endlich) ach so. (fährt fort) ihr habt doch ein kleinkind, das muss sich doch auch irgendwie wohl fühlen.
dirk
(irritiert) sagt wer?
sandra
meine alte freundin in meiner BEISPIELERZÄHLUNG.
dirk wozu das?
sandra um die teilnehmer zum erzählen zu animieren, zum selber erzählen.
dirk
echt?
sandra
(ironisch) ja, echt. ich mache meine ARBEIT. also, geht die beispielerzählung weiter, für einen afrikaner ist es wahrlich schwierig, hat sie dann versucht einzulenken.
dirk
sie ist ecuadorianerin.
sandra
wer?
dirk
meine frau.
sandra
(bestimmt, sich nicht ablenken zu lassen) aber mein mann afrikaner. d. h. nicht wirklich, eben in meiner beispielerzählung.
(138f.)


Auszüge aus: Reality Bites. In der Gerüchteküche

Ja, falls ich jemals einen Text über Realismus schreibe, kommt das Gerücht darin vor. Wir realitätsfixierten Autoren haben uns mit ihm zu beschäftigen, weil es an der Produktion von Wirklichkeitsbildern beteiligt ist und seine Form etwas Prototypisches hat. Zudem ist es die entscheidende politische Waffe, schließlich wurden nicht nur amerikanische Präsidenten durch die Gerüchteküche gezogen und so entthront, zahlreiche Politiker stolpern heute über die schlechte Nachrede, und Wikileaks erzeugt auch nicht mehr Faktenwissen, als es Gerüchte nach sich zieht. Mehr noch, dem Gerücht wohnt eine faktenschaffende Macht inne, die jeder Politikberater heute nervös im Auge behalten wird. Wir leben in „fictitious times“, wie Michael Moore in seiner berühmten Oskarpreisrede von 2003 gesagt hat, was man mit „in fingierenden Zeiten“ oder „Zeiten, die durch Fingiertes bestimmt sind“, „gefälschten Zeiten“ vielleicht halbwegs übersetzen kann. (397)

Ja, wenn ich einen Text über Realismus schreiben würde, käme das Gerücht drin vor, das Virus und die Desinformation, das Fingierte, das eine Gegenform zum Fiktiven ist. Dann aber müsste ich mich schleunigst weiterhangeln zu den Widersprüchen, in die man sich als Autor verstrickt, und zur Kritik, zur Frage, ob die kritische Haltung, die einzunehmen traditionellerweise eine Distanz erfordert, noch möglich ist. Aber, wie ich mich kenne, werde ich vorher doch noch abbiegen und die Ironie besuchen, was ein Widerspruch in sich ist, insofern fange ich lieber gleich mit ihr an. (402)


© 2013   S. Fischer, Frankfurt a. M.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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