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Barbara Frischmuth: Woher wir kommen.

Roman.
Berlin: Aufbau Verlag, 2012.
367 Seiten; gebunden; Euro 22,90.
978-3-351-03508-2. 

Leseprobe

Autorin

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„Woher wir kommen“, so der Titel des jüngsten Romans von Barbara Frischmuth, wird zur leitmotivischen Frage, die alle weiblichen Hauptfiguren des Textes beschäftigt. Die Autorin hat ihren Roman für eine komplexe Beantwortung dieser universalen Ausgangsfrage gut strukturiert. In drei Kapiteln werden Frauenbiografien entworfen, die sich überschneiden, durchkreuzen und ineinander spiegeln, ohne eine strenge Parallelität aufzuweisen. Dabei wird aus der Gegenwart heraus erzählt – diese Gegenwart erklärt sich jedoch erst, wenn man sich die Familiengeschichte(n) und die politische Geschichte, die diese drei Biografien verbindet, Kapitel für Kapitel erliest. Im Fokus stehen drei Frauen: die Künstlerin Ada, mit der der Roman in der Gegenwart einsetzt, ihre Mutter Martha und deren Tante Lilofee. Sie alle verbindet die furchtbare Erfahrung, einen nahestehenden Menschen verloren zu haben. Adas Freund und Künstlergefährte beging Selbstmord, Marthas Mann verschwand vor 20 Jahre zusammen mit seinem kurdischen Freund spurlos im Ararat-Gebirge und Lilofees Geliebter, ein ukrainischer Kriegsgefangener, wurde 1944 von ihrem eigenen Vater denunziert und danach in einem KZ ermordet. Im letzten Kapitel betritt noch eine weitere Frauenfigur das Feld, deren Leben ebenfalls zwischen Verlusten, persönlichem Scheitern und trotzigen Emanzipationsversuchen schwankt: Mia, eine Dolmetscherin aus tschechisch-jüdischer Familie (fünfzehn ihrer Verwandten sind im Holocaust umgekommen), wird Ada als lebensbejahender Widerpart entgegengestellt.

Der Roman umfasst 75 Jahre Generationengeschichte, in der die Gefühls- und Gedankenwelten der Frauen in Vordergrund stehen. Dabei dürfen Ada und Martha für sich selbst sprechen (aus der Ich-Perspektive heraus oder durch einen auktorialen Erzähler, der tief in ihre Gedankenwelten eindringt). Das Leben von Lilofee wird jedoch aus fremden Sichten erinnert, denn sie ist zum Zeitpunkt der Kernhandlung bereits verstorben. Es sind nicht nur erinnernde Gespräche von Ada und Martha über Lilofee, die das Leben der Figur rekonstruieren, sondern auch externe, namenlos bleibende und gehässige Stimmen, die Barbara Frischmuth einschiebt. Die Autorin montiert nämlich (einer szenischen Logik folgend) „Chöre“ anonymer Stimmen, die den Klatsch „der Leute“ wiedergegeben. Diese Stimmen spiegeln enge Moralvorstellungen, verbreiteten Rassismus und tiefsitzende Provinzialität wider. Zudem haben sie informative Funktion – man erfährt auf diesem (Um-)Weg historische Fakten, etwa über die unbefriedigende Aufarbeitung der Verbrechen im Nationalsozialismus. Die gehässigen Stimmen zeigen sich unfähig, sich dem Vergangenen, dem „Woher wir kommen“, kritisch zu stellen. Die altbekannte These, Österreich sei nur das erste Opfer des Nationalsozialismus gewesen, wird in unterschiedlichen Variationen vertreten, und Verbrechen mit Aussagen wie „Es war eben Krieg“ relativiert. Dieser Verlogenheit steht das Aufbegehren der drei weiblichen Hauptfiguren entgegen, die sowohl im Privaten wie auch im Politischen versuchen, die Frage nach dem „Woher“ konstruktiv, aber kritisch zu beantworten.
Wie in den meisten Frischmuth-Texten geht es auch in diesem Roman zudem um die Erfahrung des Fremd- und des Andersseins. Der Orient behält seine zentrale Rolle, die er auch in früheren Büchern Frischmuths hatte. Er wird nicht exotisiert, wohl aber als Sehnsuchtsort inszeniert, an dem die Biografien vieler Figuren zerbrechen, an den sie sich zurücksehnen oder vor dem sie fliehen. Das zweite Kapitel nutzt die Autorin, um bemerkenswerte, nüchtern-poetische Beschreibungen Istanbuls aus den 80er Jahren und der Gegenwart zu liefern, die dazu dienen, politische Entwicklungen in der Türkei in die Handlung zu integrieren.

Woher wir im engeren Sinne kommen – nämlich aus Frauenbäuchen – diese Frage nach einem sehr intimen und persönlichen Moment im Leben einer Frau wird von der Autorin ebenfalls mit gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen verbunden. Schwangerschaft, Geburt, Mutterschaft oder auch Kinderlosigkeit ziehen sich als rote Fäden durch die Erzählstränge. Die Handlungen, Träume, Gespräche und Emanzipierungsversuche der drei Hauptfiguren kreisen um diese Fragen, dabei kreuzen sich ihre Vorstellungen, Wünsche und Enttäuschungen in einer Form, die politische Fragen als persönliche aufzeigt und umgekehrt. Am exemplarischsten wird dies in der Figur Lilofee sichtbar: Die Ende der 1920er-Jahre Geborene versteckte 1944 aus Liebe den geflohenen ukrainischen Zwangsarbeiter Oleg, doch ihr opportunistischer Vater denunzierte ihn bei der Gestapo und ließ ihn in ein Lager deportieren, in dem er umkam. Danach zwang er Lilofee zu einer Abtreibung, die ihre lebenslange Unfruchtbarkeit zur Folge hatte. Lilofee bleibt in der Folge unverheiratet, lebt aber eine freizügige, geradezu aggressive Sexualität. Kinderlos bleibt auch die Istanbuler Freundin von Martha, die das Schicksal mit ihr teilt, ihren Mann verloren zu haben, ob aufgrund eines Unfalls oder wegen kurdisch-türkischer (bewaffneter) Konflikte, bleibt bis zuletzt unklar. Und auch Ada muss sich komplizierten Fragen zu Mutterschaft und ihrer Freiheit als Frau und Künstlerin stellen, als sie versucht, ihr Leben nach dem Selbstmord ihres Freundes neu zu beginnen, und als sie mit ihrer Jugendliebe, einem mittlerweile alleinerziehenden Vater dreier Kinder, über einen Neuanfang nachdenkt.
Die Schicksalsschläge, die den Frauenfiguren widerfahren, werden von der Autorin keineswegs voyeuristisch ausgestellt und skandalisiert, sondern behutsam und fast beiläufig in Form von Gesprächen und Erinnerungen thematisiert. Erst beim Lesen werden langsam die vollen Ausmaße des Erlebten deutlich. So klagt eine der Figuren in einem Gespräch der Anderen ihre Angst davor, „dass wir schließlich alle im Schacht der Zeit verschwinden“, worauf diese antwortet: „Du vergisst, dass auch unsere Erinnerungen weiterwandern, das ist der Sinn des Erzählens.“

Elena Messner
4. April 2013

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.


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