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Anna Babka; Julia Malle; Matthias Schmidt (Hg.): Dritte Räume. Homi K. Bhabhas Kulturtheorie. Kritik. Anwendungen. Reflexion.

Wien, Berlin: Turia+Kant 2012
302 S.; brosch.
ISBN 978-3-85132-626-0
Euro 34

Einer der bekanntesten Theoretiker der Postcolonial Studies, Homi K. Bhabha, weilte für einen Vortrag und ein Round-Table-Gespräch im November 2007 in Wien (2012 erschienen unter dem Titel „Über kulturelle Hybridität. Tradition und Übersetzung bei Turia + Kant). Im April 2008 folgte eine von der Wiener Germanistin Anna Babka und anderen organisierte Tagung, aus der der hier rezensierte Sammelband „Dritte Räume. Homi K. Bhabhas Kulturtheorie. Kritik. Anwendung. Reflexion“ hervorging und bei der 28 Wissenschaftler/innen über Bhabhas theoretisches Werk diskutierten. Den TagungsorganisatorInnen ist hoch anzurechnen, dass sie dabei vor allem auch jüngere WissenschaftlerInnen zu Wort kommen ließen. Überzeugend ist auch die Konzeption der Tagung und des vorliegenden Sammelbandes, der nicht nur die wissenschaftlichen Vorträge versammelt, sondern auch die „Respondenzen“ darauf, die hier in kurzen Statements den jeweiligen Vorträgen folgen. Diese Antworten erlauben es, auch das widersprüchliche und widerständige Potenzial der Theorie Bhabhas nachzuvollziehen, da deutlich wird, dass auch sich widersprechende Interpretationen dieser Theorie und ihrer Schlüsselbegriffe jeweils legitime Weiterentwicklungen derselben darstellen können.
Bhabha entwickelte die Schlüsselbegriffe seines theoretischen Denkens (Dritter Raum, Hybridität etc.) in der Auseinandersetzung mit kolonialen und postkolonialen Gesellschaften, wodurch verständlich wird, dass die zentralen Forschungskategorien seiner Theorie in den Feldern der Kultur, der Nation und der Ethnizität zu finden sind. Die Weiterführungen und Interpretationen dieser Theorie wurden nicht nur für Kulturen und Staaten fruchtbar gemacht, die keine (post-)koloniale Vergangenheit im engeren Sinne aufweisen, sondern bereits recht früh auch auf andere Felder und Kategorien angewandt, etwa im Bereich der Geschlechterforschung bzw. der Gender Studies und Queer Studies. Der vorliegende Tagungsband führt diese Weg fort und verknüpft noch konsequenter „– im Sinne eines intersektionalen Ansatzes – die Überschneidung verschiedener Diskriminierungsformen, wobei besonders die sexuelle und kulturelle Differenz in den Blick genommen werden. Ziel ist es, eine literaturwissenschaftliche Methode und Lektürestrategie zu erarbeiten, die in Bezugnahme auf eben diese Differenzierungskategorien Queertheorien und postkoloniale Theorien verschränkt und auf innovative Weise zueinander in Beziehung setzt.“
Auch wenn diese Formulierung in der Einleitung der drei HerausgeberInnen (S. 9) auf das Projekt Notwendige Verschränkungen, das Anna Babka seit 2006 leitet, gemünzt ist, so kann er doch auch auf die Beiträge im vorliegenden Band bezogen werden, die sich als Teil des genannten Projektes verstehen.
Die Germanistik hatte Bhabha gegenüber recht lange Berührungsängste, da man – wie die HerausgeberInnen festhalten – lange Zeit kaum koloniale Vergangenheit in der eigenen Geschichte und kaum entsprechende Thematiken in der deutschsprachigen Literatur festzustellen können glaubte (S. 10). Auch wenn Bhabha heute in der Mitte der (germanistischen) Theoriebildungen angekommen sein mag, so ist der vorliegende Band doch wichtig, weil er die Reformulierungen des Dritten Raums und der Hybridität aus der Migrationsliteratur-Ecke herausführt, wo diese in den letzten Jahren allzu schnell gelandet sind. Gerade in den deutschsprachigen Kulturwissenschaften schien (und scheint) man ja ganz froh (gewesen) zu sein, postkoloniale Theorien auf SchriftstellerInnen „mit Migrationshintergrund“ zur Anwendung bringen zu können, denn so konnte – wenn auch unbewusst – von den eigenen kolonialistischen, rassistischen oder sexistischen Ideologemen abgelenkt werden, die manchmal schon bei einem oberflächlichen Blick in österreichische Speisekarten (oder auch Firmenlogos) ins Auge stechen, wo immer noch Negerküsse oder Negerbrot, Zigeunerschnitzel oder Mohrenköpfe zu finden sind. (Vgl. dazu den kurzen, aber treffenden Beitrag von Maria Katharina Wiedlack.)
Um den Fallstricken der Bhabha-Rezeption bzw. der Interpretationen postkolonialer Theorien zu entgehen, vollziehen die Beiträge (wie auch die Einleitung selbst) eine Art Ad-fontes-Bewegung, indem sie die genannten Begriffe wiederum auf ihren Urheber – also auf Bhabha selbst – zurückführen: Bhabha selbst hatte seine Theorien immer schon, wie mir scheint, gegen Identitätsentwürfe entwickelt, und er hat immer betont, dass Texte (vor allem auch literarische) vorgängige Identitäten nicht abbilden oder zum Ausdruck bringen, sondern diese erst performativ hervorbringen. Anders formuliert: Der Band macht deutlich, dass sich Kulturen nicht einfach in einem irgendwie multikulturell gedachten Dritten Raum begegnen (gegen diese Interpretation eines seiner Schlüsselbegriffe wehrt sich Bhabha auch in seiner ‚Wiener Vorlesung‘), sondern dass der Dritte Raum ein ‚Ort‘ ist, in dem Kulturen durch Interaktionsprozesse (in denen Macht und Übersetzung wesentliche Rollen spielen) entstehen. Eine der Stärken des Bandes ist es auch, Bhabha – man möchte sagen: folgerichtig – mit Judith Butler zusammenzudenken, und gerade in dieser Engführung können sexuelle und kulturelle (ethnische etc.) Wahrnehmungsmuster und Kategorien übereinandergelegt werden, wodurch die Rede von einem „dritten Geschlecht“ (S. 17) neu und anders konzipiert werden kann, nämlich ebenfalls antiessenzialistisch und nicht-identitär. Auf beiden Feldern spielt das Konzept der „Mimikry“ eine entscheidende Rolle, wie im Vorwort herausgearbeitet wird (S. 15/16). Auch in einigen der Beiträge wird Bhabhas Begriff der Mimikry in den Vordergrund gerückt, wobei auffällt, dass Luce Irigarays Interpretation dieses Begriffes aus den 1970er-Jahren, der zumindest in der feministischen Theorie diskutiert wurde, an keiner Stelle genannt wird.

Der Band gliedert sich in drei Teile, die sich um die Begriffe „Kritik“, „Anwendung“ und „Reflexion“ gruppieren; die Gebiete und Themen, die dabei behandelt werden, decken ein weites Spektrum ab – und nicht alle davon können hier zur Sprache gebracht werden. Eröffnet wird der erste Teil („Kritik“) durch einen Beitrag von Birgit Wagner, die sich einer luziden Re-Lektüre des elften Kapitels von Bhabhas The Location of Culture widmet, in dem der Begriff „cultural translation“, der in den Kulturwissenschaften wirkmächtig geworden ist, ausgearbeitet wird. Es folgt ein Text von Clemens Ruthner, der die komparatistische Imagologie-Forschung (vor allem der Aachener Schule rund um Hugo Dyserinck) mit Bhabha fundamental hinterfragt, wobei er vor allem dessen Mimikry-Konzept in Anschlag bringt, um damit Ferdinand Kürnbergers Der Amerikamüde von 1855 neu zu lesen. (Daniela Finzi antworter Ruthner.) Alexandra Strohmaier verknüpft in „Positionen der Psychoanalyse [Anm.: vor allem jene von Lacan], Derridas Iterabilitätskonzept und Butlers Begriff der Performativität als Prämissen der Bhabhaschen Konzeption“ (S. 69) miteinander, um ebenfalls Bhabhas Mimikry-Konzept fruchtbar zu machen. (Anna Ellmer antwortet darauf in einem kurzen Text.) Brigitte Kossek widmet sich dem Essay The Other Question von Homi K. Bhabha, wobei sie vor allem den Begriff der Artikulation unter die Lupe nimmt, um Fragen rund um gender und race beantworten zu können. Auch Matthias Schmidt untersucht diesen paradigmatischen Essay von Bhabha, wobei die Analyse des Fetisch-Begriffes von Bhabha in den Vordergrund gerückt wird.

Eine spannende Forschungsfrage – die er an der Literatur Robert Müllers, einem Zeitgenossen und Weggefährten Musils, ausbuchstabiert – stellt Wolfgang Müller-Funk in seinem Beitrag (127ff.), der den zweiten Teil („Anwendung“) einleitet, ins Zentrum. Müller-Funk zeigt, dass Bhabha kein Vertreter einer multikulturalitischen Perspektive ist, in dem die jeweils andere Kultur als eine Art homogener Block gedacht wird, der der eigenen Kultur gleichberechtigt gegenübersteht und, auch wenn sie innerhalb einer Mainstream-Kultur verortet ist, einen gerechtfertigten Anspruch auf Anerkennung ihrer Bedürfnisse und Eigenheiten einfordern kann. So weit, so bekannt. Allerdings deutet Müller-Funk darüber hinaus an, dass auch die Konzeption von Kulturen als hybride, inhomogene und widersprüchliche Gruppen in die Falle kolonialistischen Denkens tappen kann, denn nur allzu nahe ist die Versuchung, das Eigene als rational und homogen, das Andere als erfrischend unverständlich, verwirrend und inhomogen zu denken. Konzeptionen der hysterischen (sprich: wirr sprechenden) Frau oder des unverständlichen und faszinierenden (sowie sexuell potenten) Fremden betreten hier recht unverhohlen wieder die Bühne der gesellschaftspolitischen Debatte. Müller-Funk warnt vor einer Reproduktion des „Romantizismus des Multikulturalismus der 1980er Jahre“ (S. 131) sowie davor, das (kulturelle) Fremde automatisch als ethnisch fremd zu konzipieren. In anderen Worten: „Gegen eine kulturalistische Position lässt sich für eine nicht-kulturalistische Interpretation des dritten Raumes und des gespaltenen Subjekts argumentieren“, wobei das Dilemma, das dabei entsteht, nicht aus der Welt zu schaffen ist: „Zwischen dem Wunsch nach Repräsentation von Frauen, von Schwarzen, von Minderheiten, von Migrationskulturen und der Logik der Zivilgesellschaft, die auf Gleich-Gültigkeit beruht, besteht eine unaufhebbare Spannung.“ (S. 132) Ursula Knoll antwortet auf Müller-Funk und bringt Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ ins Spiel, wobei sie die Frage stellt, ob die Protagonistin in diesem Roman als Gegenbild „zum rasierten, kolonialisierten, antiseptischen Frauenkörper“ (S. 143) wirklich taugt – sowohl die Autorin selbst wie auch wohlmeinende feministische Lektüren wollten den Roman ja so verstanden wissen.
Hannes Schweiger will „Bhabha neu verorten“ (S. 145), in dem er den Begriff „Migrationsliteratur/MigrantInnenliteratur“ neu kontextualisiert, um die Texte der Schriftstellerin Anna Kim (die häufig unter den genannten Begriffen gefasst werden, was – wie auch die Begriffe selbst – durchaus problematisch ist) neu und anders lesen zu können. (Meri Disoski antwortet auf Schweigers Beitrag.) Daniel Romuald Bitouh „setzt sich mit Joseph Roths Inszenierung der Figur der Grenze auseinander“ (S. 167), wobei er das Deutsche Reich und das Habsburgerreich des 19. Jahrhunderts als kolonialistische Mächte versteht. Renate Lunzer liest das Werk Niccolò Tommaseos (1802–1874), der „neben Manzoni und Leopardi, zu den bedeutendsten italienischen Autoren seiner Zeit“ gehört (S. 183), mit Bhabha neu. (Sandra Vlasta antwortet auf diesen Beitrag.) Julian Malle widmet sich dem „innerhalb der germanistischen Literaturwissenschaft noch recht unbeschriebenen Autor Galsan Tschinag“ (S. 201), einem Stammesfürsten der Tuwa-Mongolen, der seine literarischen Texte als Germanist und ehemaliger Universitätslehrer auf Deutsch verfasst. Fragen nach Gedächtnis und Erinnerung, nach Identität, Stereotypen und Hybridität stellen sich hier in einer faszinierenden Form, auf die Malle überzeugende Antworten zu finden in der Lage ist. (Gerald Lind antwortet Malle.)

Den dritten Teil des Bandes („Reflexion“) eröffnet Nicola Mitterer mit einer Untersuchung des Fremden als hermeneutischen Bezugspunkt in Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik, wobei sie sich Nadine Gordimers The House Gun und Terézia Moras Alle Tage widmet. Karin Harasser und Christina Lutter analysieren die X-Men-Filme und verknüpfen diese Analyse mit „Judith Butlers Diskussion von Intersexualität anhand des berühmten und tragischen ‚Falls‘ John/Joan“ (S. 238) in deren Essay Doing Justice to Somebody. Der „Fall“ John/Joan (d. i. der 1965 geborene David Reimer) dient den beiden Autorinnen als Ausgangspunkt des Nachweises, dass sowohl sozialkonstruktivistische wie auch biologistische Theorien der Geschlechtsidentität immer nur konstruiertes Wissen (S. 241) sein können, die unter dem Druck von Vorstellungen einer „vollständigen Männlichkeit“ und einer „vollständigen Weiblichkeit“ (S. 242) naturalisiert werden müssen, um in einer Gesellschaft als intelligibel verhandelt werden zu können. Aufgezeigt wird auch, wie Bhabhas Begrifflichkeiten Auswege aus dieser Situation bieten könnten. (Ingo Lauggas antwortet auf Harasser und Luttner.) Endre Hárs verknüpft Herders Überlegungen zu Nation und Kultur mit denen Bhabhas, was zu faszinierenden Neu-Lektüren des Werkes von Herder führt, ohne dessen Texte theoretisch zu überfrachten. (Emilija Mancic antwortet auf den Beitrag von Hárs.) Maria Katharina Wiedlack untersucht unter Bezugnahme auf einen Vortragstext von Araba Evelyn Johnston-Arthur kolonialistisches Denken in der österreichischen Vergangenheit und Gegenwart, und Ursula Reber, deren Beitrag den Band beschließt, spielt die Bedeutungen des Begriffes Adiaphora („Gleichgültigkeiten, gleiche Gültigkeiten, Unentscheidbarkeiten, Außermoralisches, nicht zu Bewertendes“, S. 279) durch und fragt nach den Möglichkeiten von dritten und vierten Räumen.

Zum Abschluss bleibt eigentlich nur zu sagen: Ein wichtiges Buch!

Martin Sexl

Originalbeitrag

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