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Homi K. Bhabha: Über kulturelle Hybridität: Tradition und Übersetzung.

Hg. und eingel. v. Anna Babka u. Gerald Posselt.

Wien, Berlin: Turia + Kant 2012
88 S.; brosch.
ISBN 978-3-85132-625-3
Euro 12

Auf Initiative der Wiener Germanistin Anna Babka besuchte Homi K. Bhabha, der neben Edward Said, Stuart Hall und Gayatri Chakravorty Spivak wohl renommierteste Vertreter der Postcolonial Studies, im November 2007 die Universität Wien, um dort einen Vortrag (Über kulturelle Hybridität: Tradition und Übersetzung, S. 17–57 im vorliegenden Band; übersetzt von Kathrina Menke) zu halten und an einem Round-Table-Gespräch (S. 59–77; übersetzt von Sergej Seitz, Max Zirngast & Gerald Posselt) teilzunehmen. (Als Anschlussveranstaltung wurde im April 2008 eine Konferenz organisiert, deren Ergebnisse im Band Dritte Räume. Homi K. Bhabhas Kulturtheorie ebenfalls bei Turia + Kant publiziert wurden.) Die beiden mündlichen Interventionen Bhabhas liegen nun in schriftlicher Form vor, flankiert von einem Vorwort der beiden Herausgeber/innen und einem Nachwort von Wolfgang Müller-Funk.

Bereits das knappe, präzise und luzide Vorwort der Herausgeber/innen (und im übrigen auch die ansprechende Aufmachung des Buches) entschädigt vollauf für ein paar kleine formale Schnitzer (so liest man auf S. 9 von „Machverhältnissen“ oder auf S. 15 von „Lektüren von Texen T. S. Eliot“). Nüchtern ist es gekleidet, das Vorwort, aber es ist dabei nicht nur informativ, sondern reißt auf den nicht einmal zehn Seiten auch zentrale Konzeptionen des Denkens von Homi K. Bhabha an. Als LeserIn ist man dafür dankbar, denn die Schärfe des Denkens Homi K. Bhabhas sowie dessen „postmodernistischen Textverfahren […], in dem Montage, bricolage, Assoziation und Zitat ein heterogenes Ganzes bilden“ (so Müller-Funk im Nachwort auf S. 84), machen die Lektüre nicht immer einfach. (Dafür ist dieses Denken aber auch frei von den barocken Verzierungen oder endlosen Gedankenschleifen, mit denen einige andere jener Theoretiker/innen, die gemeinhin der Postmoderne zugerechnet werden, zu glänzen versuchen.)
Babka und Posselt machen deutlich, dass Bhabhas Konzeption von Hybridität immer eng mit der Frage der Konstitution von Subjekten (und nicht von Kulturen als Gemeinschaften, wie man anfügen möchte) verknüpft ist, wobei es Bhabha aber nicht „um die Konstitution von Subjektivität als solcher, sondern um die Konstitution von Subjektivität im Spannungsfeld von Macht und Autorität“ geht (so zitieren die beiden HerausgeberInnen Bhabha selbst aus dem besagten Round-Table-Gespräch; S. 9/S. 62). Der Unterschied mag nicht groß erscheinen, aber er ist bedeutsam: Erlaubt doch die Konzeption der Subjektkonstitution im Sinne Bhabhas (wie er sie auch schon in früheren Texten entwickelt hat), Kultur nicht als Ursache von Konflikten zu denken, sondern als deren Ergebnis, das heißt als Ergebnis von hegemonialen und hierarchischen Machtpraktiken. In anderen Worten: So genannte „Kulturkonflikte“ gründen nicht in präexistenten identitären Eigenheiten von unterschiedlichen Gemeinschaften (die „immer schon“ Eigenes und Fremdes auf „natürliche“ Art und Weise unterschieden hätten), sondern vielmehr in der Behauptung, dass es solche Eigenheiten „immer schon“ gegeben hätte, wodurch aus gesellschaftlichen Konstrukten Identitätskonstruktionen von Herkunfts- oder (wie rechte politische Gruppen zu sagen pflegen) Gesinnungsgemeinschaften werden. Bhabha setzt der identitären Handlungsfähigkeit des Subjekts eine nicht-identische entgegen – es war also gerade der „Mangel an Subjektivität“, der den „Dritten Raum eröffnen konnte“ (so wird wiederum Bhabha im Vorwort zitiert, S. 11). Es verwundert daher auch nicht, dass Bhabha mit multikulturalistischen Interpretationen des Begriffes „Hybridisierung“ nicht allzu viel anfangen kann. Im Round-Table-Gespräch meint er auf die Frage, ob die Migrantin ein hybrides Subjekt sei: „Ja, die Migrantin ist ein hybrides Subjekt, jedoch ist es für den Nachweis der Hybridität nicht hinreichend zu sagen, dass die Person teils Hindu, teils Christin, teils Parsin, teils Österreicherin, teils Slowenin usw. ist – das ist für mich nicht Hybridisierung. Mir geht es vielmehr darum, wie die Teile miteinander und mit äußeren Kräften der Gemeinschaftsbildung in Verhandlung treten, wie diese Interaktionen stattfinden. Hybridisierung ist folglich für mich ein Prozess, eine Bewegung und dreht sich nicht um multiple Identitäten – ein Begriff übrigens, für den ich nicht viel übrig habe.“ (S. 65/66)
Der Dritte Raum lässt Grenzen keineswegs verschwinden, und ohne Grenzen gäbe es im strengen Sinne keine Möglichkeit des Kontakts und der Berührung, wie Müller-Funk im Nachwort deutlich macht (vgl. S. 80). Dass daraus letztlich auch fundamentalistische Positionen (wie sie auch in der postkolonialen Theorie zu finden sind) ableitbar sind, ist klar, aber Bhabha folgt diesen nicht, sondern vertritt ein „postmodernes Verständnis von Ambivalenz“ (so Müller-Funk, S. 81), die es im Übrigen auch nicht erlaubt, den Dritten Raum als etwas zu konzipieren, das auf Dauer „bewohnt“ werden könnte, denn dies würde wiederum ein essenzialistisches, wenn auch hybrides, Subjekt – also ein „romantisches Bild des Hybriden“ – ins Spiel bringen (Nachwort, S. 86/87). Der (impliziten) Ansicht Müller-Funks – so zumindest habe ich die entsprechenden Stellen im Nachwort gelesen –, dass Bhabha dieses Bild selbst in Die Verortung der Kultur noch vertreten hätte und mit dem vorliegenden Vortrag nun eine Korrektur erfolge, würde ich nur bedingt folgen wollen, weil der Zug zur Essenzialisierung tendenziell eher, scheint mir, bei den Bhabha-InterpretInnen und nicht bei Bhabha selbst zu finden ist.
Bhabha geht es wie Spivak um die Frage der Artikulationsmöglichkeiten von „Underdogs“ (Bhabha, zitiert auf S. 13), auch er fragt sich, wie die Unterlegenen (Spivak nennt sie „Subalterne“) – die „Staatenlosen, Flüchtlinge, Minderheiten, Vertriebenen oder apratides“ (S. 36) – Autoritätsverhältnisse verändern können, und zwar angesichts der Tatsache, dass diese „keine heroische Homogenität“ (wie noch, wie ich hinzufügen möchte, die Mitglieder der „Arbeiterklasse“ im marxistischen Sinne) bilden können (S. 36). Der Einstieg des Vortrags – die Folteropfer aus Abu Ghraib (S. 19) – zeigt nicht nur, dass der „Krieg gegen den Terror […] durch Terror geführt wird“ (S. 30), sondern auch, dass das Problem der Konstruktion des Subjekts nicht abstrakt-philosophischer oder trivialer Natur, sondern von zentraler politischer Bedeutung ist.
Von T. S. Eliot ausgehend und ausführlich Hannah Arendt interpretierend demonstriert Bhabha, dass Nationen heute genau genommen postnational(istisch) denken, weil sie nicht mehr (oder nicht nur) die eigene Nation in Gefahr sehen, sondern gleich die „Zivilisationsordnung“ (S. 24) insgesamt. Die gängige politische Antwort auf dieses (vermeintliche) Bedrohungsszenario – Stärkung von Leitkulturen, Export demokratischer Politik (vorbereitet durch militärische Gewalt) etc. – führt allerdings zu einem clash of civilisations und damit in einen apolitischen Zustand, der staatliches und gesellschaftliches Handeln letztlich unmöglich macht. Der Ausweg aus der Tatsache des „transnationale[n] Ausmaß[es] der geopolitischen Probleme“ (S. 25) kann eigentlich nur ein postnationales Denken jenseits identitärer Politik sein, muss also den Dritten Raum nicht einfach als Begegnungsmöglichkeit gleichberechtigter, aber „immer schon“ unterschiedlicher Kulturen verstehen, sondern als etwas, das außerhalb des Denkens von kultureller Identität und Differenz steht.
Bhabha scheint mir genau dafür auch zu plädieren, wobei er keineswegs kulturelle Unterschiede leugnet. Ganz im Gegenteil beklagt er die Verarmung des Verständnisses „für die Besonderheit und Einzigartigkeit der ‚kulturellen Unterschiede‘ gerade in einer globalen Welt […], die sich als eine durch transnationale Kommunikations- und Austauchbeziehungen ‚vernetzte‘ versteht“ (S. 28). Allerdings zeigt Bhabha, wie bereits festgehalten, dass Kulturen Konstrukte sind, und Konstruktionsprozesse bedürfen immer einer Narration, bedürfen also der „Poiesis von Erinnerung und Erzählung, von Befragung und Gespräch“ (S. 30). Man hat also die „ethische Verpflichtung, für Überarbeitung und Übersetzung offen zu sein“ (S. 30), muss also für die Ebene der Sprache ebenso sensibel sein wie für deren Fehlen.
Dass das Sprechen von Terror, Folter und Krieg in unserer heutigen Gesellschaft immer auf den Nationalsozialismus und die Schoa bezogen bleibt und bezogen werden muss, ist Bhabha natürlich klar – und seine Lektüren von Arendt, Benjamin und Habermas bezeugen dies auch. Bezeugt – und dies im Sinne der „témoignage“, von der Derrida gesprochen hat – wird dies auch durch die Schilderung Bhabhas von seinem Besuch des Zeppelinfeldes in Nürnberg, die zu den eindrücklichsten, persönlichsten und berührendsten Passagen des Vortrages zählt. Und noch einmal ist es ein literarischer Text (ein Gedicht von Adrienne Rich), das Bhabha dazu führt, im Rahmen der Schoa über die Möglichkeiten der Verbindung von Ereignis und Erzählung und von der Verpflichtung zu sprechen, „das Recht auf Erzählen zu erhalten“, bildet doch die „Beziehung zwischen Sprechen und Handeln […] das Herzstück der conditio humana“ (S. 52/53).

Martin Sexl

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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