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Wilhelm Petrasch: Alfons Petzold (1882–1923). Dichter der Armut. Mit Textbeispielen.

Wien: Böhlau  2012
222 S.; brosch.; m. Abb.
ISBN 978-3-205-78804-1
Euro (A) 40,90

Wilhelm Petrasch war von 1974 bis 2003 Direktor der Wiener Urania und sein ganzes Leben lang der Erwachsenenbildung und der so genannten Arbeiterliteratur verbunden. Die ist hoffnungslos ins Out geraten, seit es nur mehr Arbeitnehmer oder Mitarbeiter gibt, und das gilt auch für die Literatur der Arbeiterbewegung. Als Einstieg in sein Buch über Alfons Petzold wählt Petrasch einen kurzen Zustandsbericht über die Sichtbarkeit der neuen Armut in den Straßen Wiens zu Beginn des neuen Jahrtausends, um auf die Aktualität Petzolds zu verweisen. Denn viele seiner Erzählungen und Gedichte vermessen die Lebensbedingungen unterhalb der Armutsgrenze in den Wiener Vororten um 1900, eine Phase, die in allen Geschichtsbüchern als kultureller Höhepunkt der späten Habsburger Monarchie verzeichnet ist.

2012 ist der 140. Geburtstag Alfons Petzolds, geboren am 24. September 1882, unbemerkt geblieben, der 90. Todestag am 25. Jänner 1923 war nun Anlass für das vorliegende Erinnerungsbuch. Der erste Abschnitt zeichnet Petzolds Lebensweg nach, so wie er selbst ihn in seiner Autobiografie Das rauhe Leben, zuletzt neu aufgelegt 1979 und seit Langem vergriffen, geschildert hat, ergänzt mit ausgewählten Tagebuchaufzeichnungen Petzolds.
Seine Eltern waren nach einem langen Wanderleben völlig verarmt, der Vater starb früh, die Mutter ist ausgeschunden und holt sich zuletzt als Toilettenfrau in der zugigen öffentlichen Bedürfnisanstalt fast den Tod. Der Sohn kann das Familienüberleben nur unzureichend sichern helfen. Er ist verwachsen und lungenkrank, den brutalen Arbeitsbedingungen an den verschiedenen und immer rascher wechselnden Arbeitsplätzen nicht gewachsen, weder als Lehrling noch als Hilfsarbeiter, nachdem er jede Hoffnung auf eine Ausbildung aufgegeben hat. Aber er ist wissbegierig, die Einrichtungen der Wiener Arbeiterbildung nutzt er mit großem Eifer und beginnt schließlich selbst zu schreiben. Lyrik vor allem. Nach und nach wird man auf den jungen Mann aufmerksam. Es erscheinen erste Gedichte in Zeitungen und Zeitschriften, 1910 der erste Gedichtband Trotz alledem!, herausgegeben von Josef Luitpold Stern.

Dann kommt der große Sündenfall, den Petrasch nicht verschweigt, allenfalls ein wenig verharmlost. Petzold wird 1914 einer der großen Kriegsbarden, als „religiöser Mystiker“, als der er sich verstand, hat er den Internationalismus der Arbeiterbewegung besonders schnell über Bord geworfen. Generell war die kriegshetzerische Lyrikproduktion erschreckend hoch, in den ersten beiden Kriegsjahren sollen in Zeitungen und Zeitschriften an die 100.000 Kriegsgedichte gedruckt worden sein, die Gesamtzahl der bis dahin geschriebenen wurde auf vier bis fünf Millionen geschätzt. „Habe in den letzten Tagen in die lyrische Kriegsposaune geblasen und bis heute 11 feine Kriegslieder und Gedichte geschrieben. Auch wir Roten haben nicht vergessen, mit Tat und Wort das Vaterland zu schützen“, schrieb Petzold am 11. August 1914 stolz in sein Tagebuch, und das war erst der Anfang. Das ist übrigens nicht bei Petrasch nachzulesen, das hat Herbert Exenberger 1989 in einem Aufsatz mitgeteilt. Rudolf Geist zeigt in seinem brachialen Antikriegsroman Der anonyme Krieg (1928) die Produkte der Kriegsdichter im Praxistest. Ihre in der Frontzeitung abgedruckten Gedichte werden am Vorabend des großen Gemetzels in der Isonzoschlacht – mit dem Einsatz neuartiger Giftbomben – den Soldaten in der Stellung zur Aufmunterung vorgelesen. Wessen Texte sich dafür eignen, so die Botschaft, sei ein für alle Mal von der Gemeinschaft abendländischer Zivilisation ausgeschlossen, wie „Gerhart Hauptmann, Lissauer, Ganghofer, Petzold, Kernstock, Kerr, Dehmel und andere geistige Bomben“.

Natürlich hat sich Petzold – wie viele bürgerliche Kriegsverherrlicher der ersten Stunde auch – mit dem sichtbar werdenden Ausmaß des Elends an der Front wie im Hinterland später wieder abgewandt, aber es war doch der große Krieg, der ihm Durchbruch und Anerkennung verschafft hat. 1914 erhielt er den Eduard-Bauernfeld-Preis  und 1917 eine Ehrenpension der Stadt Wien. Nach dem Tod seiner ersten, ebenfalls lungenkranken Frau heiratet er 1915 ein zweites Mal, seine erste Tochter wird geboren, die Familie übersiedelt nach Kitzbühel, wo er nach dem Zusammenbruch der Monarchie sozialdemokratischer Gemeinderat wird. Trotz allem blieb er bis zu seinem frühen Tod auf Unterstützung von Freunden und Förderern angewiesen, auch weil er immer wieder mit schweren Krankheiten zu kämpfen hatte. Petarsch folgt in der Darstellung der Lebensgeschichte Petzolds eigenem Blick, allfällig notwendige Revisionen bleiben zukünftigen Forschungsarbeiten vorbehalten.

Der zweite Teil des Buches widmet sich dem Werk Petzolds, das mehr mit langen Textauszügen denn mit Interpretationen oder Einordnungen vorgestellt wird, zunächst der Erzähler unter dem Titel Die Armut in Petzolds Prosa, dann Petzold als Lyriker, auch hier werden zahlreiche Gedichte wiedergegeben. Der kurze letzte Abschnitt ist Petzolds Beziehungen zu Künstlerpersönlichkeiten seiner Zeit gewidmet. Der vorliegende Band hat nicht den Anspruch, eine literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung zu sein, aber er bietet eine Möglichkeit, Alfons Petzold als Schriftsteller wieder zu entdecken.

red

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