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Leseprobe: Hans Eichhorn - Und alle Lieben leben

Die Vergangenheit als Blutgerinnsel, das im verlangsamten Stoffwechsel schwimmt. Du hackst am Waldrand Fichten- und Buchenäste für den Sparherd in der Küche. Das Erinnerungsbild hält dich nicht. Die vielen Buskilometer zur Schule in die Bezirkshauptstadt halten dich nicht. Was meist du mit halten? Zumindest einen Moment der Fortdauer. Oder ein tadelloses und funktional gestaltetes Holzlager, das dem kleinen Tischlereibetrieb ein Zukunftsversprechen ist. Ist das dein gemeinsames Halten? Vielleicht angedeutet, vielleicht eine Begegnung auf offener Straße. Wir sind zehn Jahre älter geworden. Das Lachen in dem zehn Jahre älteren Gesicht ist hinfälliger geworden. Das Hinfallen ist eine fröhliche Maske gewesen. Das Hinfallen ist dir nicht bekannt? Der Enkel springt herum. Als gälte es, aus dem Großelternpaar mit ihrem Enkel etwas herauszulesen, aber es ist nichts herauszulesen. Es ist das Herauslesenwollen bereits die Krankheit, die dich auszuzehren droht. Es ist keine Krankheit, es ist kein Auszehren, es ist kein Ende, es sind nicht die zehn Jahre älteren Gesichter, es sind höchstens die immer jungen Sätze, die dich vom Gehsteig aufheben, dich mitsamt diesem Großelternpaar und einer chirurgischen Station im Bezirkshauptstadtkrankenhaus. Venennadeln müssen gestochen, Katheter müssen gesetzt werden. Infusionsflaschen müssen ihren Inhalt in die Körpergefäße ergießen. So fließt du, so hältst du einen Moment inne, er zeigt das Fortkommen, so lächelst du deine Falten ins Vorder- oder Hintergebirge. Fruchtbar werden im zerfallenden Knollenblätterpilz oder sichtbar werden im wohldressierten Trüffelschwein. Der verlangsamte Stoffwechsel zielt auf das Ununterscheidbare, kein Zorn, kein Hass, keine Liebe, die Fernsehbilder ein beinahe unkoordiniertes Gestrampel, am dünnsten Faden hängend. Schalt sie ab, schau lieber auf die Frühlingsschnittblumen hier, die die Köpfe bis zum Deckbrett hängen lassen. Daneben der Flechtkorb für das Frühstücksgebäck. Vor dem Wohnblock und zwischen den Wohnblocks, dieser Platz, diese Straße, so drängt es dich zu beginnen, ist voll stumpfer Farbe, voll Staub und ausgelaugter Bilder, überlebter Winterbilder, jetzt ein Grauen, Grausen, eine Engstelle im Kopf, in den Knochen, im Gedärm. Du greifst mit beiden Händen nach diesem Graugetränk, es ist deine Tages-, Nachtration. Es ist das Stroh, das du als Schwein zu Gold spinnen sollst. Es ist die Spinne, die dich, das Schwein und das Stroh und das Graugetränk und die Knochen und die Tagesration in ihrem Netz zappeln lässt und sie alle aussaugt der Reihe nach. Bei Tagesbeginn ist es geschehen, die leeren Hüllen bewegen sich leicht im Spinnennetz, die kaputten Außenbordmotore sind wieder repariert und werden eingesetzt, die Fische werden aus den Netzen herausgepresst und mit einem Holzscheit erschlagen.

S. 52/53



































































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