logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   

FÖRDERGEBER

   Bundeskanzleramt

   Wien Kultur

PARTNER/INNEN

   Netzwerk Literaturhaeuser

   arte Kulturpartner
   Incentives

   Bindewerk

kopfgrafik mitte

Leseprobe: Eva Menasse - Quasikristalle. Roman

Sie geht zurück an den Computer und ruft die Akte der nächsten Patientin auf. Frau Molin, die sich endlich zur IVF entschlossen hat. Heike kennt sie seit fast zwei Jahren. So lange trödelt sie herum, um mit ihrem verbliebenen Eileiter auf natürlichem Weg schwanger zu werden. Heikes Erfahrung ist, dass Patientinnen mit derart kritischen Eileiterschwangerschaften, wie Frau Molin sie laut OP-Bericht gehabt hat, oft auch einen zweiten unbrauchbaren Eileiter haben. Man kann leider nicht reinschauen, in die Eileiter. Es gibt selbstverständlich Gegenbeispiele, Frauen, die erst an einer EU halb verblutet sind und später mit der anderen Seite noch eine Handvoll gesunder Kinderchen bekommen haben. Man weiß es eben nicht. Die Molin klammerte sich lange an die Bemerkung ihres Operateurs von damals, dass ihr linker Eileiter völlig normal ausgesehen habe, während der rechte, wo das Malheur passiert war, an mehreren Stellen mit dem Dünndarm verwachsen gewesen sei, vermutlich Narbengewebe nach einer Blinddarmoperation im Kindesalter. Aber ein Eileiter muss frei schwingen können, sonst kommt die Eizelle nicht hindurch, die nur von Härchen weitergetragen wird,  winzigen Härchen, die wogen wie ein Weizenfeld im Wind.
Wenn man bedenkt, dass der Mensch zum Mond fliegt, sind seine Eileiter erstaunlich fehleranfällig konstruiert. Das lässt sich wahrscheinlich nur evolutionär erklären, mit der steinzeitlichen Horde, wo die absurd arbeitsintensive Brut von den Kinderlosen mitbetreut wurde, weshalb nicht jedes weibliche Wesen unbedingt selbst Nachwuchs haben muss. Erst letztens hat ein Forscher in einem Aufsatz die provokante Frage aufgeworfen, wofür Frauen eigentlich so alt werden, wo sie doch mehr als die Hälfte ihres Lebens reproduktiv nutzlos sind. Die Antwort: Großmütter! Unentbehrlich bei der Aufzucht der Enkel und vermutlich als sozialer Kitt für alle anderen.
Heike hat die Zyklen dieser Molin ein paar Monate lang gutmütig gescreent, denn hier, in dieser Klinik gibt es keinen Druck auf die Patientinnen. Niemand wird, anders als in mancher kleineren Praxis, alternativlos in Richtung IVF gedrängt, sie haben reichlich Kundschaft, auch aus dem Ausland, Frauen von Scheichs, reiche Russinnen, Chinesinnen und so weiter. Deshalb sind sie Marktführer in der Hauptstadt, wegen des internationalen Rufs ihres Klinikleiters, und weil sie groß genug sind, um gelassen zu sein.

S. 183





















































































Suche in den Webseiten  
Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
Prosastücke & Essays "GALIZIEN und die Ränder des Ostens"
Regina Hilber | Robert Schindel | Tom Schulz

Di, 27.02.2018, 19.00 Uhr Lesungen & Diskussion auf dem Literaturhaus-SOFA Bereits zum...

alfred goubran | gerhard maurer – WO ICH WOHNE BIST DU NIEMAND. heimat | identität

Fr, 02.03.2018, 19.00 Uhr Ausstellungseröffnung Die Foto-Text-Arbeiten von Alfred Goubran und...

Ausstellung
alfred goubran | gerhard maurer – WO ICH WOHNE BIST DU NIEMAND. heimat | identität

05.03. bis 24.05.2018 Der Autor Alfred Goubran und der Fotograf Gerhard Maurer widmen sich in...

Wendelin Schmidt-Dengler (1942–2008)

16.04. bis 30.05.2017 Wendelin Schmidt-Dengler war nicht nur einer der einflussreichsten...

Tipp
flugschrift Nr. 22 – Paul Divjak

Mit Rebranding flugschrift greift der Autor und Künstler Paul Divjak das Thema von...

Incentives – Austrian Literature in Translation

Türkisch ist die neue Incentives-Sprache neben Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch....