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Leseprobe: Andrea Winkler - König, Hofnarr und Volk

"Und dabei wäre es leicht und schön, einfach nur das Fenster zu öffnen und gerufen zu werden wie die Frau im Bild, und hinauszugehen und in ein – wenn auch stilles und stummes – Gespräch verwickelt zu werden, das mir einen Gedanken schenkt, mit dem ich Herrn Professor Icks erstaunen könnte. Habe ich mir nicht immer vorgestellt, es müsse Glück sein, einen Augenblick Verwunderung zu teilen? Ich höre das Klappern hoher Absätze auf dem Asphalt, eine schnatternde Stimme und den hellen Klang aneinander schlagender Gläser. Und all die Geräusche, so will es meine Phantasie, tragen die Worte des Reisenden zu mir, der als einziger unter vielen andern nicht mit den Fingern über mein Gesicht gestrichen sein wird, in großer Freude über meine Unscheinbarkeit: Lina Lorbeer, stellen Sie sich vor, diese Welt hier hat Sie schon erwartet, aber hören Sie auf zu fragen, wozu. Hören Sie auf zu fragen, ob Sie hier richtig sind. Vielleicht sind Sie überall richtig und falsch, also nirgends Ihrer selbst ganz sicher. Verstehen Sie? Ja, es kann sein, Sie gehen in die Bibliothek und ins Büro von Herrn Professor Icks, und angesichts der Bilder an der Wand, der vielen Bücher in den Regalen, der unzähligen Sätze auf den Plakaten an den Wänden des Instituts für Gedankenkunde und Verstehen überkommt Sie der bekannte Zustand von Zweifel und Ohnmacht. Was bedeutet es, fragen Sie schon wieder, was bedeutet es, dass ausgerechnet die Fotografie auf Frau Professor Steins Bürotür Geleise zeigt, lauter sich verzweigende, sehr alte Zuggeleise, und darunter der schöne Satz steht, dass Worte Verbindungen seien von einem zum andern? Worte lägen immer dazwischen? Schön, sehr schön ist solches Wissen, und am schönsten, dass das Institut für Gedankenkunde und Verstehen noch so sehr mit der einfachen Weisheit im Bunde ist. Im Bunde! Wie Sie da schon wieder erschrecken, wenn Sie vernehmen, dass hier einer mit dem andern im Bunde ist. Gleich reißen Sie das Fenster auf und rufen Jakob oder Agnes oder einen Gott an und bitten um den Schlüssel, mit dem Sie den Kostümschrank aufsperren, in dem das Mundschenkkleid versteckt ist, denn Sie wollen am liebsten sofort auf und davon und von Gedeck zu Gedeck hüpfen und reinen, reinen Wein einschenken. Schluss, Reisender, sagen Sie? Woher ich, ein Fremder aus der Zukunft, mir das Recht nehme, Sie zu verstehen? Lina Lorbeer, fragen Sie nicht so viel, schließen Sie wenigstens einen Fensterteil, gehen Sie zum Schreibtisch und legen Sie den Kopf in die offenen Hände. Die Lampe ist noch da, und der zarte Ton strahlt von der Wand auf Sie. Glauben Sie mir, glauben Sie mir. – Glaub ich's? Und dass man mich irgendwo erwartet hat? Aufgenommen zu sein und erwartet worden zu sein, sind zweierlei paar Schuhe, und zwar immer. Oder, Jakob?"

S. 40f.

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