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Erich Bernard et al.: Der Traunsee.

Der Mythos der Sommerfrische.

Wien: Brandstätter 2013.
248 S., 496 Farbabb., Hardcover
ISBN: 978-3-85033-485-3
Euro 49,90

Großformatige Bildbände über traditionsreiche Touristengebiete sind ein schwieriges Unterfangen. Sie erfreuen entweder die Verlage ob ihrer Leichtgängigkeit, das macht sie gut verkäuflich. Oder sie verfolgen ernsthaftere Forschungsinteressen, was den potenziellen Käuferkreis - in Verbindung mit dem hohen Preis - stark reduziert. Der Traunsee. Der Mythos der Sommerfrische unternimmt - rechtzeitig vor dem Saisonstart 2013 - den schwierigen Spagat zwischen beiden Herangehensweisen, und das Ergebnis ist durchaus beachtlich. Optisch lässt der Band kaum Wünsche offen: üppiges und originelles historisches Fotomaterial verbindet sich mit vielen zeitgenössischen Aufnahmen von erfreulich geringem Kitschfaktor, was bei einer seit Jahrhunderten abgebildeten Region wie dem Salzkammergut einiger Kunstfertigkeit bedarf.

Der Schwerpunkt der 16 Beiträge liegt auf Geschichte, Kunstgeschichte und Architektur. Damit ist ein kleines Manko des Bandes benannt: Literatur wird zwar bei Bedarf am Rande eingespielt - Peter Altenberg natürlich, Schnitzler, Lenau, Hebbel, aber eine systematischere Beschäftigung mit den literarischen Spuren des Traunsees hätte dem Band durchaus gut getan. Auch weil sich der "Mythos" Traunsee keineswegs nur aus der Bildproduktion von Carl Friedrich Schinkel, Rudolf von Alt, Georg Waldmüller oder Friedrich Gauermann aufbaute, sondern genauso aus literarischen Zuschreibungen und Bearbeitungen. Adalbert Stifters Erzählung Der Waldsteig, der hier nach einer Anthologie zitiert und als Sommerfrischesatire missverstanden wird, spielt zwar am Traunstein, ist aber die Geschichte der Heilung eines hypochondrischen Hagestolzes.

Systematisch untersucht wird im Band die Entstehung des "Mythos Traunsee" als eine der Kulissen im großen Projekt des neuen "Naturverständnisses" im Verlauf des 19. Jahrhunderts, das an allen dafür geeigneten Orten mit entsprechenden (landschafts-)architektonischen Maßnahmen inszeniert wurde. Eine zentrale Rolle dabei spielen verkehrstechnische Verbesserungen, die gerade Gmunden sehr früh näher an Wien heranrückten. Die erste, noch mit Pferden betriebene Schienenverbindung auf dem Kontinent zwischen Linz und Budweis war am 21. Juli 1832 eingeweiht worden; bereits drei Jahre später folgte der Streckenabschnitt Gmunden-Linz, erbaut nach Plänen von Emile Zolas Vater. 1939 verkehrte das erste Dampfschiff auf dem Traunsee, 1858 wurde die Kaiserin-Elisabeth-Bahn von Wien nach Linz eröffnet, 1877 die Salzkammergutbahn und 1894 die legendäre Gmundner Straßenbahn, für deren Erhalt einst Thomas Bernhard einen Leserbrief schrieb. Als einer der ersten literarischen Dauergäste kam Friedrich Hebbel. Er erwarb 1855 hier ein Haus offensichtlich vergleichsweise günstig. Während ihn die Reise nach Gmunden und der Aufenthalt im August 330,30 Gulden kostete, betrug die Anzahlung für das Haus, samt Zukauf vom Nachbarn und Grundsteuer nur 551 Gulden. Die erste Nacht verbrachte Hebbel in "Gmunden oder vielmehr Orth, im eigenen Hause, Nr. 31, den 21. August [1855]", wie er stolz und zufrieden im Tagebuch notierte.

Beispielhaft dargestellt wird in den Beiträgen des Bandes all das, was das Konzept Sommerfrische implizierte - von den Mechanismen der Seitenblickegesellschaft und ihrer Entourage bis zu ausgewählten Eigenbrötlern aus der (Geld-)Aristokratie wie aus dem Künstlermilieu. Erzherzog Johann und seine Milli Stubel gehören genauso dazu wie Arnold Schönberg, der hier die Grundlage seines neuen Tonsystems entwickelte. "Ringstraße trifft Landschaft" (S. 156), heißt es im Beitrag über die Villenarchitektur vor Ort, der vielleicht die ganz eigenen Innen-/Außen-Dialoge und Inszenierungen ein wenig außer Acht lässt. Spannend ist der Beitrag über den unterschätzten Architekten Johannes Spalt - der übrigens als Assistent Oskar Strnads begann.

In eigene Beiträge ausgelagert sind die Themen des wachsenden Antisemitismus und beispielhafte Enteignungsfälle in der NS-Zeit - hier wäre eine größere Integration dieser historischen Phasen der Regionalgeschichte vielleicht wünschenswert gewesen. Die Geschichten der Villa Traunblick des Ehepaars Wesendonck in Altmünster oder der Villa Toscana von Margarete Stonborough-Wittgenstein lassen an Deutlichkeit freilich nichts zu wünschen übrig. Entbehrlich wären allenfalls ein paar Kurzbeiträge gewesen, die eine allzu große persönliche Nähe zum Thema zeigen, wie die Werbebotschaft über den ortsansässigen "Hofkonditor" oder der Bericht über eine "Kurzzeitnachbarschaft" mit Hildegard Knef. Der Verweis auf aktuelle Initiativen wie die nicht unumstrittenen Gmundner Festwochen sind hingegen dezent unter der etwas eigenwilligen Überschrift "Der 'heilige Gmundner See'. Sommerfrischekunst am Sehnsuchtsort Traunsee" verborgen.

red
Mai 2013

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.



















































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