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Leseprobe: Josef Winkler - Mutter und der Bleistift

Der verwitterte Zaun an dem Gemüsegarten meiner Mutter in meinem Heimatdorf Kamering war immer desolat, voller grauer Flechten, wurmstichig und morsch, die Nägel verbogen und rostig. Links vom Zaun, ebenfalls vor der Friedhofsmauer, stand ein breiter, hochgewachsener Holunderstrauch, "Holler" wie wir ihn nannten, mit schirmtraubigen, nach Zitrone riechenden Blüten, unter dessen Ästen der Vater ausgesonderte Ackergerätschaften parkte, die von Jahr zu Jahr rostiger und morscher wurden, rascher als die verwesenden Knochen der Toten zusammenbrachen und in die Knie gingen. Dieser Gemüsegarten auf dem sogenannten "Kirchenfeld" war ein kleiner Teil eines großen Feldes, das der Vater von der Diözese gepachtet hatte und auf dem er Getreide und Kukuruz anbaute. Wenn es wieder einen Streit gab zwischen meinem Vater und dem Pfarrer, und die unausgesprochene Drohung in der Luft lag, daß der Pfarrer die Pacht kündigen könnte, hatte ich Angst, daß uns der makabere Gemüsegarten an der Friedhofsmauer verloren gehen könnte, wir keine Möhren und Rettiche, keine Petersilie und kein Maggikraut mehr ziehen könnten in diesem Gemüsegarten, in dem ich als Kind oft die gruselige und meine Fantasie anregende Vorstellung, daß das unter der steinernen Friedhofsmauer hindurch in den Gemüsegarten wandernde Leichengift der Toten die Wurzeln unseres Gemüses verseucht hätte, und wir, besonders in den Träumen, Zwiesprache mit den Toten hielten, besonders mit den verunglückten Kindern und den jugendlichen Selbstmördern, die uns von Himmel und Hölle erzählten. "Herr Enz! sagte der Pfarrer, auf der hölzernen Bachbrücke stehend, "Sie waren schon wieder nicht in der Sonntagsmesse!" zu meinem Vater, der, mit einer Peitsche in der Hand, die Tiere zum Brunntrog, zur Tränke getrieben hatte. "Ich gebe Ihnen gerne die Peitsche, Herr Pfarrer, wenn Sie für mich die Stallarbeit machen, dann gehe ich in die Sonntagsmesse!" Wenn die Mutter in der Sommerhitze mit hochrotem Gesicht, den beigefarbenen, handgeflochtenen Strohhut mit dem breiten roten Band auf ihrem Kopf, das Unkraut jätete, hielt ich mich meistens im Friedhofsgelände auf und ging mit der eingebeulten, blechernen grausilbernen Gießkanne von Grab zu Grab und versorgte die rosaroten und weißen Fleischblumen - "die Fleischblumen sind dankbare Blumen, sie halten sogar die Sommerhitze aus", sagte sie - mit Frischwasser, auch meine drei, vier, namenlosen verwahrlosten Lieblingsgräber, die Kindergräber mit dem kärglichen Blumenschmuck von wilden, hellvioletten Hundsveilchen, Margeriten und Löwenzahn, auf denen mehrere zerbrochene Gipsengel lagen, niemand wagte es, die zerbrochenen Engelsflügel wegzuräumen, auf den farbigen Friedhofsabfallhaufen zu werfen, auf dem wir uns oft herumtummelten, aus den weggeworfenen, verfaulten Totenkränzen zogen wir rote Plastiknelken heraus, stecken sie in ein Knopfloch des Hemdes und stolzierten dandyhaft durchs Dorf.

S. 40f.












































































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