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Leseprobe: Isabella Straub - Südbalkon

Die Gesellschaft für Wiedereingliederung liegt in der Lisztstraße, Ecke Palffygasse. Sie unterstützt arbeitslose Frauen, die älter sind als fünfunddreißig und kinderlos - die ihren gesellschaftlichen Auftrag also in dreifacher Hinsicht verfehlt haben. Finanziert wird die Anstalt, wie Raoul sie nennt, nicht vom Staat, sondern von Industriellen mit sozialem Reflux. Mir ist alles recht, solange sie zahlen.
Ich mag das Wort "Wiedereingliederung", weil es suggeriert, dass man in der Vergangenheit bereits einmal eingegliedert war. Was mich betrifft, bin ich mir da nicht so sicher. Ein abgebrochenes Medizinstudium und ein Langzeitpraktikum in einer Todesanzeigenredaktion - das ist alles, was ich an Eingliederungsbemühungen vorweisen kann.

Das Langzeitpraktikum bestand darin, an einem Schalter zu sitzen und die Daten aufzunehmen: geboren, Beruf, Familienstand, gestorben, plötzlich, unerwartet, aus dem Leben gerissen, nach langer Krankheit, nach langer schwerer Krankheit, nach kurzer schwerer Krankheit, nach tapfer errragener langer Krankheit, nach tapfer ertragener schwerer Krankheit, nach schwerer Krankheit und voller Zuversicht, die Augen für immer geschlossen, die fleißigen Hände ruh'n. Heimgekehrt zum Schöpfer, heimgekehrt zum Vater, heimgekehrt zum Herrn, ins Licht gegangen, den irdischen Weg abgeschlossen, beendet, finito. In unseren Herzen lebst du weiter und weiter und weiter. Die paar Semester Medizin nützten nichts, um zu verstehen, woran all diese Menschen zugrunde gegangen waren.
Seit acht Monaten muss ich mich zweimal die Woche in der Gesellschaft für W. melden, wie ich sie nenne, weil ich, immer wenn ich sie betrete, mich frage, wieso, weshalb, warum ich überhaupt hier bin, und alles, was mir einfällt, ist, dass mir andernfalls die Unterstützung gestrichen würde.
Ich gehe die Przewalskistraße entlang bis zur Bertagasse. Rechter Hand der Schuster, daneben der Secondhandladen. In der Makler-Sprache: 1B-Lage. Randbezirk, passable Verkehrsanbindung. Abgewohnte Gründerzeithäuser mit zerknitterten Fassaden, dazwischen sozialistischer Gemeindebau, Wohnfestungen mit Badezimmer-Luken wie Schießscharten. Mittendrin die grellbunte Auslage des Eine-Welt-Shops, der DritteWelt-Shop hieß, als es noch die Dritte Welt gab. Heute wird dort der übliche Schwellenland-Ramsch angeboten, Panflöten und Makramee-Häkeltaschen, Schokolade aus einer Fabrik, die einarmige Inderinnen unterstützt. Eine Welt. Eine große Lüge, denke ich jedes Mal, wenn ich daran vorbeigehe, eine widerliche Lüge, schließlich gibt es doch alleine in unserem Wohnhaus mindestens drei Welten.
Die Gehsteige sind mit Radfahrern und Müttern verstopft, ich komme kaum vorwärts. Die Kinder sind unerträglich fröhlich. Ein Mädchen mit geflochtenem Zopf balanciert auf einer Mauer, die den Garten eines Hauses zum Gehsteig begrenzt. Sie hält die Hand ihrer Mutter krampfhaft fest und stößt von Zeit zu Zeit spitze Schreie aus. Die Mutter beobachtet sie mit einem gespannten Lächeln. Ich habe plötzlich Lust, ebenfalls auf der Mauer zu balancieren. Ich könnte einen Passanten bitten, mir die Hand zu reichen, und im selben Augenblick weiß ich, dass ich mich lächerlich machen würde, vollkommen lächerlich, lächerlich, lächerlich.
Wie jeden Montag wähle ich den Weg, der an der Magenbuch-Klinik vorbeiführt. Ich biege in die Bertagasse ein und durchquere den Kaminsky-Park. Auf Höhe des Cafe Kurbel kann man durch den Blättervorhang der Kastanienbäume den langgezogenen HNO -Trakt erkennen, dahinter die Kinderstation. Das Krankenhaus liegt da wie eine schlafende Schildkröte. Das erstaunt mich immer wieder: weshalb man es einem Gebäude nicht ansieht, wenn darin ausführlich gelitten wird. Ich erwarte eine flammende Hitze, die von den Mauern abstrahlt, zumindest einen rötlichen Wandausschlag.
Ich beziehe meinen Aussichtsplatz. und das ist ohne Zweifel der schönste Montagsmoment: Wenn ich mich hinter der Büste des Operettenfabrikanten Franz von Suppe verberge, denn dann bin ich nicht Ruth Amsel, dann bin ich nur noch Auge und Ohr, ein einziger Resonanzkörper des Elends, der schwingt und klingt.
Elf Minuten nach zehn. Ich zücke mein Notizbüchlein, das kaum größer ist als eine Kreditkarte, und luge über die Schulter des Komponisten in den Garten der Magenbuch-Klinik. Der Komponist wurde günstig aufgestellt, sein enormer Glatzkopf und die breiten Schultern bilden meinen Schutzwall.

S. 13ff.













































































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