Fred Wander: Wie ich mich als Jude sehe
Was ich hier zu beschreiben versuche, soll nicht von Bescheidenheit zeugen oder gar von einem verkappten Stolz, sondern von meinem Bemühen, der Ächtung und der Verfolgung, aber auch den Niederlagen, den Täuschungen, den bitteren Versäumnissen und dem Versagen einen Gewinn abzuringen - nämlich Lebenserfahrung und die Entdeckung der kleinen Freuden des Daseins, die vielleicht die größten sind! Das entspricht bereits jenem jüdischen Typ, den man Schlemihl nennt - ein Pechvogel, der aber ein paradoxes Glück kennt und dem ich auf allen meinen Wegen in der Zeit des Exils, also bis heute immer wieder begegnet bin. Der Schlemihl ist eine Art Lebenskünstler, der aus jedem Nachteil einen Vorteil zu machen versteht, aus einer Schwäche eine Kraft und aus seinem Außenseitertum eine Art Freiheit. Aus dem Nachteil seiner Herkunft macht er den Vorteil dessen, der den Boden des Abgrunds erreicht hat, von wo er die Welt in Askese und Neugier betrachtet und sich ihrer erfreut. Er besitzt die Gabe, falls ihn ein Unglück trifft oder wenn er geschlagen wird, tiefe Gelassenheit zu bewahren. Er ist kein Held, kein Kämpfer und weicht drohenden Gefahren geschickt aus, was ihm das Schimpfwort "Feigling" einträgt. Aber anders gesehen ist es auch eine Art Widerstand, der zum Überleben der Menschheit beiträgt. Der Geächtete kann sich nur auf eine Weise retten, indem er sich mit allen Menschen solidarisch fühlt.

In dem schönen Essayband "Die verborgene Tradition? von Hannah Arendt heißt es an einer Stelle: "Vielleicht ist nicht er der Schlemihl, sondern der Reiche, der glaubt, das Glück mit Geld kaufen zu können..." (aus dem Gedächtnis zitiert). Und von Henry David Thoreau hab ich mir den Satz notiert: "Wie armselig dein Leben auch sein mag, nimm es an und lebe es. Weiche ihm nicht aus und beschimpfe es nicht. Es ist nicht so schlecht wie du. Es sieht am ärmlichsten aus, wenn du am reichsten bist." ("Leben aus den Wurzeln")

Kann denn einer, der bei den Toten war, ein "Wiedergänger" - kann so einer überhaupt noch mit normalen Menschen reden, ohne mißverstanden zu werden? Kann er über Glück und Unglück urteilen, ohne ein Sakrileg zu begehen? Was bedeutet Glück in einer Welt, die sich selbst zerstört? Glück und Unglück wohnen Tür an Tür, sagen die Leute. Und manchmal kann uns ein Unglück in weiterer Folge und ohne daß wir den Zusammenhang merken auch eine günstige Wendung bringen, eine Verwandlung. Darüber haben einige Philosophen spekuliert, zum Beispiel Voltaire in seinem Buch "Candide". Und einer dieser verrückten Glücksfälle war, daß ich von klein auf einen großen Buckel hatte, über den die Kinder lachten. Natürlich war es nicht wirklich ein Buckel, sondern mein Name, wie alle diese jüdischen Namen - Moritz Feuerstein, Mischu Ellenbogen, Jossl Rosenblatt oder Mendele Katz. Namen, die uns in alter Zeit korrupte Beamte verpaßt hatten, es sei denn, du hattest ein Goldstück auf den Tisch gelegt ... Wie gesagt, ich hatte keinen Buckel, war sogar ziemlich grad gewachsen und kräftig, aber trotzdem einer, über den man lachte, den man verspottete, weil er nicht zurückhaute, die anderen waren in der Mehrzahl. So wurde unsereins zum Idiot der Klasse, zum Außenseiter, der ich dann auch für immer blieb; einer, der sich nie anpassen und einfügen wollte. Aber nicht nur Spott gab es, gelegentlich auch Ohrfeigen, Fußtritte oder Spucke ins Gesicht. Die wunderschöne Stadt Wien war in den zwanziger Jahren dieser Epoche eines der Weltzentren des Antisemitismus. Und dort hat Hitler seine Karriere begonnen! - Kinder sind oft grausam, töten Kröten mit großen Steinen im Park und zerfetzen sich dabei vor Gelächter. Ich hab?s gesehen. So begann ich mit fünf Jahren die Menschen auf den Straßen zu beobachten. So lernte ich Mitleid empfinden, mit den Kröten im Park und mit den Verwachsenen, den Krüppeln und den Verfemten. All das ist einem Kind nicht bewußt. Mein Vater, der nie mit uns Kindern redete, war ein Bücherleser. Überall zuhause lagen Bücher herum. Und als ich mit zehn Jahren anfing, Dostojewski zu lesen, Tolstoi und Turgenjew, lernte ich sehen und begreifen.

Ich wurde ein Gassenjunge. Meine Mutter hatte keine Zeit für uns, sie war eine Flickschneiderin und nähte für Leute in der Nachbarschaft. Der Vater war Handelsreisender. Ab 1927 war er arbeitslos und blieb im Ausland. Die Mutter ließ mich laufen, sie mußte arbeiten, und ich brachte täglich fünf bis sieben Stunden auf der Straße zu. Später, auf der Flucht, lebte ich nur noch auf der Straße, in Paris, Lyon, Marseille und vielleicht zehn anderen Städten. In den Aufzeichnungen von Albert Einstein heißt es: "Freude am Schauen und Begreifen ist das schönste Geschenk der Natur." Und ich denke, es war sein Credo.

Meine Mutter war keine "jiddische Mamme". Wiederum ein paradoxer Glücksfall in meinem Leben. Die jiddische Mamme ist eine absolute Herrscherin, sie liebt dich, sie umklammert dich, hält dich fest. Nur ihre Meinung gilt und nichts anderes. Und diese Liebe kann dich zertrümmern, wenn du nicht rechtzeitig verschwindest. Und das hab ich getan, obschon ich mich von der Liebe meiner Mutter nicht unterdrückt fühlte. Ich konnte gehen, wohin ich wollte, und wurde ein Wanderbursch, ein Vagabund. Dabei lernte ich hungern und mit beiden Beinen auf festem Boden stehen. Wie ich mich ernährte, weiß ich heute nicht mehr. Ich mußte nie betteln, fand immer gute Menschen, lernte völlige Freiheit kennen. Aber die meisten Menschen haben ein schwaches Ich und fürchten die Freiheit. Sie haben nicht genug Leben in sich, um existieren zu können, ohne sich einem Stärkeren zu unterwerfen, einer Gruppe, dem Stamm, dem Clan, der Familie. Sie brauchen dringend einen starken Vater, eine dominante Mutter, sie brauchen eine Ideologie, einen Führer oder einen allmächtigen Gott, den sie dann zum Götzen machen und der ihr Leben lenkt. Von Doron Rabinovici hörten wir kürzlich in seinem schönen Essay über den jüdischen Witz: "Was ist der Unterschied zwischen einer jiddischen Mamme und einem Terroristen? - Mit Terroristen kann man verhandeln!"

Ich wurde nicht religiös erzogen, in die Synagoge ging man nur ein Mal im Jahr, um die Leute zu sehen und sich sehen zu lassen. Mein Vater war mir leider ein Fremder, und von Gott wußte ich nur, was ich in den Büchern las. Auf diese Weise hatte ich die Chance, ohne eine überragende Autorität aufzuwachsen und die göttlichen Gaben der Unabhängigkeit und Freiheit zu genießen.

"Menschen, die von sich nichts wissen, sind die sichersten Objekte für Demagogie und Massenwahn. So läßt sich aus dem Durchschnittsmenschen das Monstrum heraustreiben", lesen wir bei Christa Wolf. Und wir stellen uns die Frage - wie kann jeder von uns über sich selbst etwas erfahren? Irgendwo hab ich gelesen: "Das unersättliche Sehen ...", Worte, die das Wesen der Frage treffen. Der unersättliche Hunger, Menschen zu sehen, zu betrachten, zu beobachten - nicht um sie zu denunzieren, zu entlarven, sondern um ihnen näherzukommen! Es ist der einzige Weg, sich selbst zu erforschen. Daher ist die Begegnung mit fremden Menschen, das Rendezvous mit dem Unbekannten, immer auch eine Begegnung mit sich selbst. Doch um ein entwickeltes Sehvermögen zu erlangen, braucht man viele Jahre. Meist ist der Beobachter von Kindheit an mit diesem Hunger, dieser schöpferischen Neugier behaftet, Menschen wahrhaftig zu sehen und nicht nur den Schein, die Maske, die Tünche. Meister in dieser Kunst waren viele Autoren, von denen einige besessene Spaziergänger waren oder Wanderer wie Maxim Gorki. "Ich gehöre zu den Leuten, die immer nur unterwegs sind, die niemals irgendwo ankommen werden", sagte Gorki. Die leidenschaftliche Neigung, durch das Inferno der Großstadt zu gehen, unermüdlich die Vorübergehenden zu betrachten, das Leben "im Zustand der Lebendigkeit" zu sehen, "in der Essenz zu leben" - solche Passagen finden wir bei Stendhal und Baudelaire, bei Tschechow und Benjamin, Thomas Wolfe, Balzac und vielen anderen. Beobachten als Lebensaufgabe - nicht um für sich selbst eine Bestätigung und Seinsberechtigung zu erhalten. Wir müssen zu dem Punkt gelangen, wo wir erkennen, daß eine Fremdheit und Andersheit existiert, etwas, das uns mit Staunen und Ehrfurcht erfüllt über die Vielfalt der lebendigen Gestalten, aber auch der Meinungen außerhalb unserer engen Weltsicht. Eine Art Erleuchtung über die unendlichen Möglichkeiten des sich wandelnden Lebens. Etwas, das unsere wache Aufmerksamkeit für das Fremde anstachelt, ohne damit zu einer Bestätigung unserer eigenen Art zu gelangen. Sehen und Begreifen in dieser Form bedeutet, die geraden Wege des eingefahrenen Denkens zu verlassen und sich selbst zu verwandeln. Die Juden sind nicht das auserwählte Volk Gottes - selbstverständlich wage ich nicht, mich als Sprecher der Juden hinzustellen, es ist meine persönliche Meinung. Das "auserwählte Volk Gottes" ist eine Legende, ein Mythos.

Mein Judentum? Ich fühle mich durchaus als Jude und sehe darin mein Schicksal, das aus dem zweitausendjährigen Anti-Judaismus der Katholischen Kirche folgt. Bei Karl R. Popper lesen wir: "Es ist nicht die Idee des Christentums, die zu Unmenschlichkeit und Terror führt, sondern die Idee von dem einen, einheitlichen und ausschließlichen Glauben." Und Papst Johannes XXIII. sagte in seinem "Bußgebet für die Brüder in Christo" (II. Vatikanisches Konzil, 1962): "Vergib uns die Verfluchung, die wir zu Unrecht aussprachen über den Namen der Juden. Vergib uns, daß wir Dich in ihrem Fluche zum zweitenmal kreuzigten. Denn wir wußten nicht, was wir tun." Ein Gebet, das man heute in kirchlichen Kreisen nicht mehr hört! - Ein Jude zu sein, ist eine Fügung, die mir viele Jahre der Verlassenheit, des Schreckens und der Not beschert hat, aber auch ein gewisses Maß an Erkenntnis über diese Welt. Die große Kunst des Lebens ist eine paradoxe Kunst, die man nur durch Leiden erwirbt. Ich suche nicht das Judentum, ich bin darin aufgehoben. Mein Judentum bedeutet mir nicht viel mehr, als ein Mensch zu sein, der in dieser Welt als Fremder gezeichnet ist und in der Verstreuung lebt.

Was mich brennend an den Menschen interessiert, ist nicht, ob sie Juden, Christen oder Moslems sind, Deutsche, Russen, Amerikaner oder Chinesen, sondern wie einer sich selbst und sein Leben gestaltet, ob er krank ist an der Leere und Öde seines Daseins oder gesund und heiter von der Fülle und Schönheit der Natur und des Kosmos, ob er wach ist und sich seiner selbst bewußt oder in dem allgemeinen Schlaf der Unwissenheit und Selbstzufriedenheit versunken. Ob er sich selbst bestimmt oder von der Gruppe, einem Führer, einer Ideologie gelenkt wird, der er sich unterwirft. Die Vergötzung der eigenen Sippe, des eigenen Stammes und der eigenen Denkart führt zu Verengung, Haß und Gewalt. Unsere Sinne sind aufgestachelt, wenn wir einem Menschen begegnen, der durch seine Frische, Natürlichkeit und Offenheit wirkt. Aus all dem geht hervor, daß ich mich niemals besonders zu Juden hingezogen fühlte, sondern zu Leuten, die eine lebendige Ausstrahlung besitzen, die mich erregt und wach macht, falls ich selbst manchmal in Traurigkeit und Trägheit versinke. - Jede Form von Orthodoxie ist mir fremd, wenn nicht unangenehm und abstoßend, auch langweilig und lähmend und sogar gefährlich, denn sie führt zu Fanatismus. Der wahre Reiz von natürlicher Religiosität, die manche Menschen besitzen, liegt auf der Ebene der Wahrnehmung der Wunder alles Lebendigen und der Erkenntnis vom Sinn des Lebens. "Wer die Wunder nicht sieht, kann kein Realist sein", hab ich irgendwo gehört. Die Kraft, von seinem Ego loszukommen, um sich zu öffnen, jede Art von Selbstanbetung zu meiden, die Fähigkeit für Freundschaft und Liebe und die Welt in sich selbst als Ganzes zu erleben, das sind die Erkenntnisse, die ich immer tiefer zu begreifen versucht habe.

Textnachweis: Altes Land, neues Land. Verfolgung, Exil, biografisches Schreiben. Texte zum Erich Fried Symposium 1999, herausgegeben von Walter Hinderer, Claudia Holly, Heinz Lunzer, Ursula Seeber. Verlag ZIRKULAR der Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur. Wien, Oktober 1999. 144 Seiten, ISBN 3-900-467-56-X.

Copyright: Fred Wander

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