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Olja Alvir: Kein Meer

Roman.
Zaglossus-Verlag, Wien 2016.
226 S., broschiert, Euro 16,95.
ISBN: 978-3-902902-36-8.

Autorin

Leseprobe

„Kein Meer“ gibt es in Österreich, dafür jede Menge Berge. Im Prinzip fast dasselbe, könnte man meinen. Was sich an der einen Stelle bewaldet nach oben wölbt, ist das andere Mal eben nach unten ausgedellt und voll Wasser. Aber egal, Lara Voljic, Hauptfigur des Romans „Kein Meer“ von Olja Alvir, klagt kaum, obwohl sie die heimische Adria vermisst, sondern bloggt und arbeitet ein wenig als Journalistin. Die junge Frau ist in Zentralbosnien zur Welt gekommen, bevor sie mit der Familie vor dem Krieg in Jugoslawien nach Wien floh. Dort befasst sie sich, wie viele junge Europäer_innen nach Charlotte Roche mit Fragen der Intimbewaldung, der richtigen Position beim Wasserlassen und der optimalen Hautpflege nach dem Ritzen. Also ganz ähnlich wie ihre Erschafferin Olja Alvir im echten virtuellen Leben.

Neben eigentlich Unaussprechlichem um Körpersenkungen, -öffnungen und -erhebungen geht es um Laras ex-jugoslawische Vergangenheit: die Genealogie der Familie Voljic, die Lebensbedingungen im Bosnien des vorletzten Jahrhunderts – als der Hausboden aus gestampftem Lehm bestand und alle in einem Raum schliefen – den Ersten und Zweiten Weltkrieg und die Jugoslawien-Kriege der Neunziger Jahre. Der eine Verwandte wurde zwangsrekrutiert, der andere erweist sich, wie ausgerechnet der Lieblingsonkel der kleinen Lara, als ehemaliger führender „Paramilitär“. Man lernt, dass der alte Wiener Südbahnhof in den Vor-Internet-Zeiten sowohl für die ersten Gastarbeiter wie für die Flüchtlinge aus Ex-Jugoslawien Kiosk und Bank war. Und der Trick, als Flüchtling anerkannt zu werden, bestand darin, mit dem kroatischen Pass nach Österreich einzureisen und danach bei den Behörden nur noch den alten bosnischen oder jugoslawischen vorzuzeigen.

Größeren Raum nehmen allerdings die Feldforschungen zur weiblichen oder auch allgemein menschlichen Physis ein. Das ist reinste Komparatistik: Von der Imtimrasur etwa rät Olja Alvir wg. Hautjuckens ab. Besser sei das Waxing durch diskrete „Epiladoras“, deren klebrige Weihen man in Studios wie Kafkas Käfer auf dem Rücken liegend empfängt. Das weibliche Stehpinkeln über dem WC ist aus Gründen der Hygiene zugunsten des Sitzpinkelns abzulehnen. Ohrenreinigung beim HNO: So fühlen Saugen, Spülen und Fummeln sich an. Stimulation des Stuhlgangs: am besten durch Dammmassage oder WC-Höckerchen, Mittelchen gegen Akne und Schmerzen: bitte Buch lesen. Beiläufig wird die Vergleicherei politisch, als es um das Stürzen von Denkmälern geht: ob nun Schleifen oder Sprengen, am besten „während der Präsenz erfahrener ausländischer Militärs, die routiniert sind im Stürzen von Staatsoberhäuptern“, auch wegen der medialen Wirkung.

Vor den Zeiten von Tumblr, Twttr und Strfy hätte man solche Texte als Miniaturen oder Skizzen bezeichnet. Mail- und Chatverläufe fügen sich ein. Zeitebene, Erzählperspektive und Erzähler wechseln alle paar Seiten. Das ist meistens unterhaltsam (wenn es um die Diskussion intimer Körperlichkeit via Blogosphäre geht) und kommt auch bei den politischen Themen (Jugoslawienkrieg und Flüchtlingsschicksal) ohne Zeigefinger aus. Es finden sich wunderbare Beobachtungen über das Menschsein an sich: das Ich sei „eine Hornhaut über einer zu stark beanspruchten Stelle, eine zwiebelförmig um einen identitätsstiftenden Kern verdichtete Wucherung.“ Für solche Sätze vergibt man Olja Alvir sogar, dass sie eigentlich keinen „Roman“, sondern etwas anderes (s. o.) geschrieben hat, und dass sich partout kein Browserfenster öffnen will, wenn man im Buch auf einen der vielen Links drückt ...

Judith Leister
20. Juli 2016

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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