logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   
Facebook Literaturhaus Wien Instagram Literaturhaus Wien

FÖRDERGEBER

Bundeskanzleramt

Wien Kultur

PARTNER/INNEN

Netzwerk Literaturhaeuser

mitSprache

arte Kulturpartner

traduki

Incentives

Bindewerk

kopfgrafik mitte

Thomas Mulitzer: Tau.

Leseprobe:

Oktober ist mein Lieblingsmonat, er zieht verblühten Flieder in die Erde, mischt Gedächtnis und Begierde und tränkt das Land mit spätem Regen. Der Sommer kommt über uns wie ein Millionenheer von Mücken, stechend heiß und gnadenlos. Im Herbst kühlen die Gemüter ab, und es bleibt Zeit, um zu verschnaufen und über die Exzesse – oder ärgerlicher: die Versäumnisse – der Saison nachzudenken.

Ich glaube, ich war ein glückliches Kind. Aber ich weiß, ich war ein unglücklicher Jugendlicher. In dem Augenblick, als ich von der Volksschule auf das Gymnasium wechselte, verlor ich alle meine Freunde. In den Neunzigerjahren war es im Innergebirg durchaus nicht die Regel, seinen Kindern die bestmögliche Ausbildung zu bieten. Zwei Generationen davor war die Volksschule noch die einzige Bildungsstätte, die ein Mensch aus dieser Gegend je von innen sah. Mein Vater war der Einzige aus seinem Dorf, der den beschwerlichen Weg in die Hauptschule im Tal auf sich nahm: in der Früh mit den Arbeitern durch den Tiefgraben, am Nachmittag zu Fuß zurück. Irgendwann bot die Volksschule nur noch vier Jahre Unterricht an statt acht, die Straßen wurden asphaltiert und ein Busverkehr wurde eingerichtet, und so kam es, dass auch die Kinder von den entlegensten Bergbauernhöfen in die Hauptschule gekarrt wurden. Gymnasium war immer noch ein Fremdwort. In meinem Jahrgang waren wir zu viert: die Tochter eines Arztes, die Tochter eines Wirts, ein aus Deutschland Zugezogener und ich. Wir mussten früher aufstehen als die Hauptschüler, wurden über Umwege in die Bezirkshauptstadt transportiert und kamen meistens später nach Hause als jene, die ihren Eltern im Stall helfen mussten, Kuhmist von einem Ort zum anderen zu schaufeln.

Meine Mutter legte großen Wert auf Bildung – wäre es nach meinem Vater gegangen, wäre ich wahrscheinlich Tischler oder Einzelhandelskaufmann geworden –, also war es klar, dass wir noch in der vierten Klasse der Volksschule mehrere Bildungseinrichtungen in der Umgebung besichtigten. Im Knabeninternat Marianum wurden wir von einem Präfekten, der aussah wie der Bombenleger Franz Fuchs, durch denkmalgeschützte Gewölbe geführt. In einer katholischen Missionsprivatschule waren Latein und Altgriechisch ab der ersten Klasse Pflicht, und seit Kurzem wurden sogar Mädchen aufgenommen. In der Hauptschule bröckelte der Putz von den Wänden. Die Entscheidung fiel auf das Gymnasium, trotz aller Vorbehalte wie der Entfernung und den Gerüchten über Oberstufenschüler, die angeblich Drogen nahmen und an jüngere verkauften (ein Vorzug, den ich später sehr zu schätzen lernte). Meine Freunde wechselten ausnahmslos an die Hauptschule und hielten mich fortan für einen größenwahnsinnigen Schnösel, der sich ihnen überlegen fühlte.

Tatsächlich fühlte ich mich nie überlegen, auf den täglichen Busfahrten wurde meine körperliche Unterlegenheit sogar sehr deutlich. Und Jahre später, während ich noch die Namen von Punkbands auf die Schulbank schmierte, hatten meine ehemaligen Freunde schon einen Beruf erlernt und verdienten ihr eigenes Geld. Sogar meine Eltern bereuten die Entscheidung später, als sie bemerkten, dass ich einer jener introvertierten Bücherleser geworden war, die in den Ferien bei Sonnenschein lieber im Keller hocken als Fußball zu spielen und die keine Lust an körperlicher Arbeit verspüren. Als Kind war ich immer gut gelaunt, aktiv und laut gewesen, jetzt zog ich mich immer mehr zurück. Ich war todunglücklich. In meinen Adern flossen Blut und Frost, ich war nicht cool, sondern unwirsch wie ein Gletscher, unnahbar und mit Eisklumpen in der Kehle. Ich war ein wandelnder Wachkomapatient, unfähig, eine Verbindung zu anderen herzustellen, und blieb die meiste Zeit allein. Erst als ich zu trinken anfing, besserte sich meine Lage. Der Alkohol brannte sich durch das Eis in meinem Blutkreislauf und taute mich für ein paar selige Stunden auf. Erst im Rausch brachte ich den Mut auf, Mädchen anzusprechen, und ohne Alkohol wäre ich wahrscheinlich auf ewig Jungfrau geblieben.

(S. 50-52)

© 2017 Kremayr & Scheriau, Wien

 

 

 

 

 

 




Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
Lesegebärden

Do, 19.05. bis Fr, 20.05.2022 Tagung mit Vorträgen, Lesung & Gespräch Die Veranstaltungen...

Super LeseClub mit Diana Köhle & David Samhaber

Mo, 23.05.2022, 18.30-20.30 Uhr Leseclub für Leser:innen von 15 bis 22 Jahren Du willst dich...

Ausstellung
flugschrift – Literatur als Kunstform und Theorie

02.03.2022 bis 30.06.2022 flugschrift ist ein österreichisches Zeitschriftenprojekt, das...

Tipp
flugschrift Nr. 39 von Herta Müller

In Kooperation mit dem internationalen Literaturfestival Erich Fried Tage erscheint dieser Tage...

INCENTIVES - AUSTRIAN LITERATURE IN TRANSLATION

Unsere letzten Buchtipps: Thomas Arzt, Doris Knecht, Hanno Millesi und Teresa Präauer auf Deutsch,...