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Florian Gantner: O. M.

Leseprobe:

Stellen Sie sich vor, welches Potential darin steckt, wenn ein Lakai die Geheimsprache der Aristokraten versteht. Ich plane diese Idee in meinen Roman einzubauen. Das Ganze könnte sich ab Semjons Enthüllung in eine Art Spionage-Roman verwandeln: Geheime Machenschaften am Hof, Intrigen unter der feinen Petersburger Gesellschaft – und erstmals in der Literatur die Lakaien als Geheimwaffe.
Aleksej wirkte skeptisch. Er war sich offenbar nicht sicher, ob ich das ironisch meinte. Er enthielt sich eines Kommentars, holte dafür neue Getränke.
Ich merkte an meinem Redeschwall, wie sehr ich es genoss, über mein Projekt zu reden. Schon lange hatte ich mit niemandem mehr darüber gesprochen. Nelly hatte, was ich ihr kaum vorwerfen konnte, inzwischen das Interesse verloren. Mein Manuskript, O. M., wie ich es nur noch nannte, war zu lange Thema gewesen, ich zu sehr inmitten meines Projekts gefangen, als dass Außenstehende etwas davon begreifen würden. Aber Aleksej war ein ungewöhnlich ausdauernder Zuhörer. Vielleicht würde er sich ein Bild machen können.
O. M., opus magnum, mein Hauptwerk. Mittlerweile konnte ich es eigentlich Lebenswerk nennen, kaute ich doch schon einige Jahre an diesem Projekt; ein Projekt, das viel Recherche benötigte. Sehr viel Recherche. Und viel Aufwand, der nur wenig Ergebnis zeigte. Überhaupt: die Schwierigkeit, lange Zeit an etwas zu arbeiten, das nicht vorzeigbar war, da erst im Ganzen seine Wirkung zur Geltung käme. Niemand konnte sich eine Vorstellung über den Kraftakt machen, das ganze Projekt zu stemmen. Und über die Frustration, nichts Herzeigbares liefern zu können. Erst wenn der Schlussstrich gezogen wäre, könnte ich das Hauptwerk vorzeigen, und dann erst würde es die verdiente Aufmerksamkeit erlangen.
Am Nebentisch schien sich etwas zusammenzubrauen. Die Augen der Frau hatten sich zu einem Schlitz verkleinert. Sie nannte ihr Gegenüber ein blödes Arschloch, das sich nur aushalten ließe. Der Mann antwortete leiser, mir unverständlich inmitten des allgemeinen Pubgetöses, stand auf und stellte sich neben die Frau, die sagte: Du bist ein widerlicher Schmarotzer, das ist deine Runde, jetzt sitzen wir wieder hier und ich zahle. Sie kramte in ihrer Handtasche, während der Mann unbewegt neben ihr stehen blieb, holte ihre Kreditkarte hervor und schnippte mit dem Zeigefinger dagegen. Dann gab sie ihm die Karte und er ging an den Tresen.
Ich musste an Nelly denken und ihren Anteil am Gelingen der Arbeit, der nicht zu unterschätzen war. All die Jahre stand sie mir zur Seite, wir hatten auch die eine oder andere Auseinandersetzung in Bezug auf Finanzen. Ihre hingeworfene Aussage etwa, sie sei die Ernährerin dieser kleinen Familie, arbeitete lange in mir.
Wir schwammen nicht im Geld, aber ich war zufrieden mit einem genügsamen Leben und das galt mit Abstrichen auch für sie und Lisa, deren leiblicher Vater sich mit Geschenken die Zuneigung seiner Tochter sicherte, zur finanziellen Entlastung dafür nur zögerlich beitrug. Das Gehalt einer Sozialarbeiterin war nicht üppig, wir kamen aber über die Runden.
Aleksej kam zurück. Hinter ihm der Mann vom Nebentisch. Als er ihr Getränk, ein Tonic Water, hingestellt hatte, strich er kurz über ihren Oberarm.
Nach Rousseau und Jane Austen nun Nikolaj Gogol, darf ich Sie fragen, wie Sie auf Ihre Romanideen gekommen sind?
Aleksej war nicht der Erste, der mir diese Frage stellte. Sobald ich jemandem von meinem Projekt erzählte, nur einen ungefähren Plan meines Vorhabens gab, wurde ich schon gefragt, wie ich auf die Idee gekommen sei.
Ich denke, die Basis wurde in meiner Jugend gelegt. Wissen Sie, ich habe damals die biografischen Romane von Thomas Bernhard gelesen. Darin wird eine kalte Umwelt beschrieben, von der ich mich als Heranwachsender auch umgeben glaubte. Bernhard wuchs ohne Vater auf, genau wie ich. Seine Beziehung zur Mutter, die Verehrung des Großvaters – das alles entsprach mehr oder weniger exakt meiner Lebenswelt. Und da spielte ich erstmals mit dem Gedanken, oder der Gedanke spielte mit mir, wer weiß: was spricht denn dagegen, dass der Mann, der Thomas Bernhard gezeugt hat, weitere Kinder in die Welt gesetzt hat? War es nicht möglich, dass auch ich ein Nachfolger dieses mysteriösen Samenspenders war?

(S.147-150)

© 2018, Edition Laurin, Innsbruck

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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