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Vladimir Vertlib: Viktor hilft.

Leseprobe:

Der Mann beugte sich hinunter zu dem Kind. Das Kind wich aus, machte einen Schritt zurück. Der Mann verzog das Gesicht zu einem bemühten Lächeln, sagte ein paar Worte in der fremden Sprache und streckte die Hand nach dem Kind aus. Die Geste hatte etwas Zaghaftes und Insistierendes zugleich. Der Tonfall der Sprache, den das Kind zu deuten glaubte, obwohl es kein Wort verstand, machte ihm Angst. Der Mann war alt. Alt, traurig und mächtig. Sein Gesicht war rau und dunkel wie der Himmel des fremden Landes, die Haare weiß und schütter, die Augen graugrün wie das brackige Wasser in dem Tümpel hinter dem abbruchreifen, längst nicht mehr bewohnten Haus, das dem Kind als Spielplatz diente. Es schien dem Kind, als schauten diese Augen durch es hindurch, bis zur Wand hinter seinem Rücken oder noch weiter – hinaus auf die Straße, wo die Abgase an der Kreuzung das Licht verdüsterten. Hinter der scheinbaren Freundlichkeit des Mannes erkannte das Kind den Spott, dem es immer öfter ausgesetzt war, jenes ungeduldige Staunen, die Empörung der Erwachsenen, die ihm die Schamröte ins Gesicht trieben. Die dicken Finger mit den eingerissenen Fingernägeln näherten sich dem Kind, die Finger der anderen Hand umklammerten eine Tafel Schokolade. Das Kind wusste, dass es die Schokolade haben könnte, wenn es den Fingern erlauben würde, durch sein Haar zu streichen oder seine Wange zu tätscheln, aber es konnte und wollte sich nicht berühren lassen. Nie wieder würde es sich von Fremden berühren lassen!

Man hatte es hierher versetzt, in ein Land, in dem der Himmel senkrecht stand und die Sprache stets wie Hohn in sein Gesicht geschüttet wurde. Seine Mutter wechselte mit dem Mann einige Sätze in der fremden Sprache. Sie sprach sehr langsam, stockend, und ihr Tonfall ließ jene Selbstsicherheit vermissen, die das Kind sonst von ihr kannte. Dann fasste sie das Kind sanft an den Schultern und schob es in Richtung des Mannes. Viktor hielt dem Kind den geflochtenen Korb mit Süßigkeiten und Keksen hin. Die Augen des Kindes leuchteten auf, doch war es zu scheu, in den Korb zu greifen, und schaute seine Mutter fragend an. Viktor bewegte den Korb sanft nach links und nach rechts, vor und zurück, so als wäre er ein Schiff auf hoher See. Die Frau redete dem Kind zu, nickte, lächelte. Sie war jung, so jung, dass sie Viktors Tochter sein könnte, und hatte denselben Blick wie Jahrzehnte zuvor Viktors Mutter, eine Mischung aus Wehmut, Angespanntheit, Erschöpfung und Resignation, erwartungsvoll und gleichzeitig in sich gekehrt. Die Menschen im Zelt rochen nach Schweiß, nach Salz und Meer, und Viktor wunderte sich, wie strahlend weiß das Kopftuch der Frau war, wie sie es sauber halten konnte in all den beschwerlichen Tagen, vielleicht Wochen, die sie unterwegs gewesen war. Schnell streckte das Kind seine dünne Hand aus, holte ein in Zellophan eingewickeltes Ei aus Schokolade aus dem Korb und, nachdem Viktor nicht sofort zur nächsten Frau mit Kind weiterging, noch einen Keks und einen Schokoriegel. Die Mutter erklärte dem Kind etwas, das wie eine Mahnung klang. »Schukran«, flüsterte das Kind und senkte den Blick. »Thank you, Sir«, sagte die Mutter. »You’re welcome.« Jemand in der Runde machte eine scherzhafte Bemerkung, ein paar junge Männer lachten, und Viktor sah, wie die Wangen und Ohrenspitzen des Kindes rot anliefen.

(S. 7, Textanfang)

© Deuticke im Paul Zsolnay Verlag Wien 2018

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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