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Martin Peichl: Wie man Dinge repariert.

Roman.
160 S.; geb.; 18 Euro.
Wien: Edition Atelier 2019.
ISBN: 978-3-99065-006-6

Autor

Leseprobe

Der für seine Kurzprosa bereits mehrfach ausgezeichnete Martin Peichl (2018 Villacher Literaturpreis, 2018 Forum Land Literaturpreis, 2017 FM4-Kurzgeschichtenwettbewerb) hat nun mit Wie man Dinge repariert seinen ersten Roman vorgelegt. Die Affinität des Autors zu kürzeren narrativen Formen merkt man dem Text in vielerlei Hinsicht an: Der Roman besteht aus zahlreichen, nicht immer linear erzählten Episoden, die auf hohem sprachlichen Niveau präzise und sehr pointiert formuliert sind. Zuweilen finden sich auch lyrische Passagen, was in Kombination mit den beinahe das gesamte Spektrum ausschöpfenden Erzählformen (Ich-, Du-, Man-, Wir-Form) einen ausnehmend poetischen Text ausmacht. Zum weiteren Lesevergnügen trägt Peichls wunderbar trockener Humor bei, mit dem er die feucht-fröhlichen Erkundungstouren seines namenlosen Protagonisten schildert. Dieser gibt über seine komplexen Befindlichkeiten in wiederkehrenden Mitteilungen zu seinem Beziehungsstatus Auskunft und konsumiert das – auf dem Buchcover stimmig in Szene gesetzte – Reparaturseidl in (allzu) regelmäßiger Folge, denn zu reparieren gibt es dauernd irgendetwas: das fängt bei Möbelstücken an und geht über zwischenmenschliche Beziehungen und die eigene Gefühlswelt bis zur beruflichen Karriere und dem Lebensentwurf im Allgemeinen. Die eingangs getätigte Statusmeldung "Wir sind Mitte dreißig und haben noch nie etwas repariert." (13) ist hier programmatisch zu verstehen, denn der Erfolg der verschiedenen Reparaturprojekte ist nicht immer so einfach auszumachen bzw. bleibt oft Ansichtssache.

So nimmt sich das Romanprojekt des Protagonisten vergleichsweise harmlos aus, denn zu dessen Gelingen trägt nicht nur eine Reise mit seiner Freundin ans Meer im Winter bei, sondern auch eine von seiner Lektorin verordnete Schreibklausur in Wales, wo es außer Schafen und unzähligen Biersorten keine weiteren Ablenkungen geben sollte. An narrativem Input mangelt es ja nicht, denn Stoff für den fiktional zu schreibenden – und real vorliegenden – Roman bieten zahlreiche alkoholische und amouröse Begegnungen. Und bei diesen will sich der Erfolg – trotz oder wegen (?!) zahlreicher Reparaturseidln – nicht so recht einstellen. Liebe und Alkohol gehen im Roman jedenfalls immer Hand in Hand: Beziehungsanbahnungen sind ohne ausreichenden Alkoholkonsum weder möglich noch denkbar und gleichzeitig fungiert der Alkohol auch immer als Gradmesser einer Beziehung, was Peichl so meister- wie schalkhaft in diversen Stammtischsentenzen zu formulieren versteht: So ist man "ein 6er-Tragerl weit davon entfernt, glücklich zu sein" (80) und "[e]s gibt die große und es gibt die kleine Liebe, so wie es im Wirtshaus ein großes und ein kleines Bier gibt" (113) und schließlich "unterscheiden wir uns kaum mehr von dem Weinregal, vor dem wir uns kennengelernt haben" (144). Das sich im Gedankenexperiment ausführlich ausgemalte "andere Leben" als spießbürgerlicher Familienvater mit Lebensversicherung, Aktiendepot und Rankings von Craft-Beer (das eigentlich ohnehin niemandem schmeckt) entpuppt sich aber (nicht nur emotional) als ebenso unbefriedigend, weil einfach nur durchschnittlich: "deine Highlights passen auf ein A4-Papier, deine schlimmsten Momente auf die Rückseite" (134).
Zuweilen klingt das alles ein wenig pubertär und über die orientierungslosen wie beziehungsunwilligen Mittdreißiger mit Identitäts- und Kommunikationsproblemen hat man auch anderswo schon viel gelesen; bei Peichl kommen diese Themen jedoch mit sprachlicher Leichtigkeit und anspruchsvollem Witz daher, sodass man ihm die Themenwahl gerne nachsieht und den wiederholten Lachreiz kaum unterdrücken kann.

Als Teaser und eines der persönlichen Highlights der Rezensentin sei folgende Passage zitiert: "Mein Tinder-Profil habe ich auf "Einsamer Woyzeck sucht seine Marie" geändert, aber alle meine Matches sind Krankenschwestern, die Dürrenmatt mögen. Und wenn ich dann Die Physiker zitiere, bekomme ich meistens keine Antwort." (144) So fatal der zeitdiagnostische Befund über eine selbstreferenzielle Generation ausfällt, die ihre eigenen Sehnsüchte und Bedürfnisse lieber verleugnet, als die eigene Coolness und (vermeintliche) Unabhängigkeit Preis zu geben, so lesenswert ist dieses intelligente und humorvolle Romandebüt!

Veronika Hofeneder
13.03.2019

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

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