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Simon Sailer: Menschenfisch.

Roman.
Salzburg/Wien: Müry Salzmann, 2019.
262 Seiten; gebunden; 24 Euro.
ISBN 978-3-99014-186-1.

Autor

Leseprobe

Tiefer. Noch tiefer. Weiter. Ins Ungewisse.
Ins Innere. Hinunter. Bis zum Letzten.

Arseni ist Höhlenguide und hat – nach einem Unfall – an einer Hand nur drei Finger (wie ein Olm). Er leidet körperlich unter Schuppenflechte und seelisch am Nicht-Dazugehören, am Nicht-Gebrauchtwerden. Als man ihm eines Tages sagt "Schleich dich", schleicht er sich wirklich. Macht sich auf eine Reise ohne Wiederkehr. Geht in die Höhle, in die er schon so viele andere geführt hat, nur viel tiefer hinein, weiter und immer weiter, zwängt sich in Bereiche vor, in denen nie zuvor ein Mensch gewesen – oder aus denen vielmehr noch nie ein Mensch zurückgekehrt ist. Er will gehen, so lange seine Kräfte reichen.

Simon Sailers Roman "Menschenfisch" unternimmt eine Reise in die Tiefe einer unerforschten Höhle, eine Expedition ohne Wiederkehr, die Schicht um Schicht vordringt in die Geschichte eines Selbst, das sich verliert. Bewusstsein und Unbewusstes, Leben und Tod, Phantasie und Wirklichkeit, Innen und Außen, Wille und Vorstellung verschwimmen, überlappen, zerrinnen tastend in der Dunkelheit. Die Höhle, in die es hier geht, folgt ihren eigenen Gesetzen, je tiefer, desto weniger sind sie mit dem Hausverstand von oben – oder vielmehr außen – zu fassen.

Grottenolme, Fabelwesen, Mythen und Legenden kommen und gehen zwischen Stalagmiten und Stalaktiten auf dem Abstieg in die Höhle, die voll ist von kollektivem und individuellem Gedächtnis, von Überlieferungen, Gerüchten, Deutungen, Wünschen, Ängsten und Phantasien. Widersprüchliche Stimmen erklären die Welt, die sich hier auftut, jedes Mal ein bisschen anders und immer voller Zweifel. Den Sinnen ist nicht mehr zu trauen, dem folgerichtigen Denken schon gar nicht. Das Tiefergründige hat einen vielschichtigen Boden.

Was realistisch und allenfalls etwas befremdlich beginnt, als ein depressiver Selbstmord auf Raten, wird zusehends zu einem Wandeln auf Gullivers Spuren, zum Nachklang eines futurologischen Kongresses, zum phantastischen Gruselkabinett aus Religion, Philosophie, Mythologie und Rauschphantasie. Alles hat seinen spezifischen sinnlosen Sinn. Alles ist, wie es ist, grausam, sanft, beruhigend, unheimlich. Die Unterwelt ruht und atmet in sich. Arseni ist es, der Unruhe bringt. Arseni ist es, auf den alle warten. Halb zieht es ihn, halb wankt er hin.

Sailer fasst in Sprache und Bilder, was sich dem Verstand entzieht, trägt Sedimente des Gewohnten und Bekannten ab und wirft einen Blick auf das, was darunter liegt. Je weiter Arseni in diese Unterwelt eindringt, desto gleichnis- und rätselhafter wird das Geschehen, desto weniger ist es mit den Begriffen eines Lebens an der Sonne zu fassen. Kunst und Philosophie, Religion und Atheismus treffen sich im Phantastischen. Wenn die einen Sinne dumpf werden, schärfen sich andere. Und wenn keine Sinne mehr übrig sind, bleibt nur noch das Denken. Zeit ist eine Kategorie von oben.

Sailer ist es gelungen, das Widersprüchliche, Vielschichtige, Schleierhafte in nüchternem Stil, mit einer seltsamen Präzision zu beschreiben, so dass es vorstellbar und plastisch wird, auch wenn sich die Bilder nicht immer ganz fassen lassen. Beim Lesen zieht es einen zusehends hinein in dieses Buch und seine Unterwelten, wie Arseni in die Tiefen der Höhle. Das Phantastische ist in sich glaubwürdig, folgerichtig, nachvollziehbar, als könnte es gar nicht anders sein, als müssten wir Arseni zu seiner Bestimmung folgen. Der freie Wille bleibt weit weg, irgendwo im Tageslicht. Im Dunkeln verliert das Entscheiden allmählich an Bedeutung. Arseni tastet, lässt sich treiben, schubsen, schieben, dirigieren – irgendwie vorwärts, bis es nicht mehr geht und er selbst zu dirigieren beginnt. Ohnmächtig und voller Hingabe zugleich, in einer Konzentration, die alles ausgeblendet hat und alles umfasst.

Sabine Dengscherz
19. März 2018

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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