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Ana Marwan: Der Kreis des Weberknechts.

Salzburg: Otto Müller, 2019.
196 Seiten; geb.; 22 Euro.
ISBN: 9783701312719.

Autorin

Leseprobe

"Von Geburt an wickelst Du Dich in tausend Fäden ein, aber Du wirst nie ein Schmetterling werden", zitiert Marwan die slowenische Schriftstellerin Mila Ka?i? und auch der Protagonist ihres Debütromans, Karl Lipitsch, verwickelt sich in so ein Netz aus tausend Fäden. Man nennt es "Liebe". "Lipitsch" - wie sie ihn kurzerhand während des ganzen Romans nennt, so als sei dieser Typ Mann eine Marke - ist ein Misanthrop. Ein komischer Kauz, hätte man früher wohl gesagt. Aber dennoch gefällt ihm die Vorstellung, sein Leben in Einsamkeit zu verbringen, nicht so wirklich. Und so wartet er auf einen Zufall. Und dieser steht eines Tages vor seiner Türe: in der Person seiner Nachbarin Mathilde.

Mission misogyner Misanthrop

"Die Einsamkeit, die er anstrebte, war als ewig gar nicht so begehrenswert – nur als einen vorübergehenden Zustand wollte er sie für immer behalten." Doch mit Mathilde kommt Lipitschs Welt ins Wanken, so wie es eben ist, wenn man sich das erste Mal verliebt. Wie ein Maler macht er aus einer leeren Leinwand, "die eine Frau im Inneren war, ein würdiges Bild, das er in seinen Tagträumen bis ins kleinste Detail perfektionierte", schreibt Marwan, denn Lipitsch kann Mathilde nur als Geschöpf seiner Phantasie lieben, nicht aber als die Mathilde, die sie ist. Proust zitierend erkennt auch Mathilde diese Vorstellung an: "Überlassen Sie die schönen Frauen den phantasielosen Männern". Aber Lipitsch erkennt in Mathilde nur seine eigene Vorstellung von Frauen wider: "Sie mag schlau sein", denkt sich Lipitsch, "gebildet ist sie aber mit Sicherheit nicht. Es bleibt nicht viel Zeit für Bildung, wenn man berufstätig und gleichzeitig so gut gepflegt ist." Lipitsch lebt nach seinem eigenen Diktat und will sich nicht von Mathilde einwickeln lassen. "Seine Einstellung zur Welt hat er schon hundertmal geändert, seine Meinung ist aber gleich geblieben!" Und so sieht er auch Mathilde nur als Repräsentantin ihres Geschlechts, nicht aber als eizigartige Frau.

Mann:Frau:Welt=Mensch

Ana Marwan kann sich sehr gut in einen Mann einfühlen, wie er von Lipitsch exemplarisch verkörpert wird. Dieser Lipitsch ist kein Auslaufmodell, eher ein etwas eigenbrötlerischer, kauziger Typ, der sich vor lauter Denken nicht mehr auf andere einlassen kann. Aber Liebe kann nur da wachsen, wo sich gesellschaftliche Normierungstendenzen auflösen und sich das Individuum losgelöst von Herkunft, Beruf oder Gender entfalten kann. Wie ein Schmetterling, der tausend Fäden hinter sich lässt und sich gen Himmel schwingt.

Jürgen Weber, 26.08.2019

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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