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Bastian Kresser: Die andere Seite.

Roman.
Wien: Braumüller Verlag, 2019.
318 S.; geb.; Euro 24,-.
ISBN 978-3-99200-232-0.

Autor

Leseprobe

Sieben Menschen, sieben Geschichten: Bastian Kresser präsentiert in "Die andere Seite" sieben Perspektiven auf die Welt, deren Verbindungsglied die sogenannte ‚Flüchtlingswelle‘ der letzten Jahre ist. Da gibt es Curro, den Mitarbeiter einer spanischen Zaunfirma, die sich auf Grenzschutz spezialisiert hat und angesichts der immer populäreren Abschottungsversuche westlicher Staaten floriert. Omar, der syrische Lebensmittelhändler, hat es mit korrupten Militärs zu tun. Ein Wutbürger fortgeschrittenen Alters, Helmut, radikalisiert sich am Computer und Levin, Migrant zweiter Generation, bereichert sich mit seinen mageren Arabischkenntnissen opportunistisch an YouTube-Videos zur Integrationshilfe. Dagegen direkt von Gewissensbissen geplagt ist der libysche Schlepper Mohamed, der versucht, anständig zu bleiben und eigentlich lieber wieder Fischer wäre. Gustav, der Kapitän eines Rettungsboots, fischt Flüchtende aus dem Mittelmeer und wird zerrieben zwischen kontroversen Diskussionen und Kommentaren in (sozialen) Medien und dem Drang zu helfen. Und zu guter Letzt ist da noch Lara Said, eine ehrgeizige deutsche Journalistin, die sich undercover mitten in den Strom aus Flüchtenden begibt und sich mittreiben lässt, immer die 'Story' im Auge.

Kresser bietet kleine Einblicke in verschiedene Lebenswege, die alle auf die eine oder andere Weise von der zunehmenden Zahl an Flüchtenden und Geflüchteten beeinflusst werden. Die einzelnen Geschichten werden nicht auserzählt, sondern enden nicht selten abrupt und brutal: Der Zaunbauer wird vom Stein eines Protestierenden tödlich am Kopf getroffen, der Bildschirmtäter verhaftet, der Opportunist mit Migrationshintergrund verbrennt im Drogenrausch bei einer Solidaritätsveranstaltung für Geflüchtete. Geschickt ineinander verwoben, entsteht aus den Einzelschicksalen ein Panorama zur – westlichen – Migrationsdebatte. Geschichten werden abgebrochen und blitzen an anderer Stelle wieder auf. Charaktere, denen man zunächst ganz nah gefolgt ist, huschen plötzlich wie nebenbei durch die Geschichte eines/einer anderen. Omar, der syrische Händler, versucht etwa Zäune in Spanien zu kaufen. Kapitän Gustav wird aufgerieben von Kommentaren in Foren, die vermutlich Wutbürger Helmut geschrieben hat und YouTuber Levin wird dem AfD-Anhänger wiederum als Freund seiner Tochter vorgestellt. Besonders Lara Said geistert durch die meisten Geschichten: Von Levin wird sie ob ihres einfallsreichen Ausschlachtens des 'Flüchtlingsthemas' bewundert, vom Schlepper Mohamed in ein Boot gesetzt und von Kapitän Gustav aus dem Mittelmeer gezogen. Aussagen und Einstellungen ähneln sich dabei teilweise wortgleich. Immer wieder, von den unterschiedlichsten Seiten, stößt der/die LeserIn etwa auf den Satz "Das Heimatland ist kein Hotel, das man verlässt, wenn der Service schlecht wird." Alisar, die Frau Omars in Damaskus, und Helmut, der ausländerfeindliche Forenbewohner in Berlin, sind sich da einig.

Etwas schablonenhaft kommt das Personal Kressers daher, Erregungen und Argumente einzelner Charaktere sind in ihren Grundzügen nur allzu vertraut, wer kennt nicht – zumindest aus Medien – den versoffenen, rechten Hetzer oder den geplagten linken Gutmenschen. Sprachlich hätte ein bisschen Feinschliff gut getan (da wird etwa eine Frau auf zwei Seiten zweimal hintereinander mit der Beschreibung "schelmisch" bedacht) und auch eine klarere sprachliche Differenzierung der einzelnen Perspektiven wäre schön gewesen. Dennoch lässt man sich gerne auf die so unterschiedlichen Charaktere ein, die, trotz aller Vertrautheit, sich doch – durchaus ostentativ – gegen eindeutige Zuschreibungen sperren: Der Schlepper Mohamed braucht eben das Geld und will den Flüchtenden, so gut er kann, eine sichere Reise bieten. Dass Helmut, isoliert und abgehängt, im Internet Gleichgesinnte und Zündstoff findet, wird nachvollziehbar. Und dass diejenigen auf der 'richtigen Seite', wie Levin oder Laila, auf der ‚Flüchtlingswelle‘ surfen um Karriere oder Geld zu machen, ist so ehrlich wie konsequent: Das moralische hohe Ross kann hier niemand für sich beanspruchen – wie eingeschränkt die eigene Perspektive und wie unbrauchbar das allzu oft bemühte schwarz-weiß Denken in einer komplexen Diskussion wie der globalen Migration ist, wird dafür umso bewusster.

Kressers Geschichten gelingt es so, viele Aspekten und Probleme der Debatte in eindrückliche Bilder zu fassen. Was auffällig fehlt, ist aber die Perspektive, um die sich schließlich alles dreht: jene der Flüchtenden und Geflüchteten selbst. Eine Leerstelle, die in ihrer Abwesenheit für sich selbst spricht, dreht sich doch auch der Diskurs, der hier abgebildet wird, oft um Geflüchtete als gesichts- und sprachlose Masse, deren Schicksal von einer Gesellschaft entschieden wird, die sich – wie man hier nachlesen kann – alles andere als einig ist.

Johanna Lenhart
16.12.2019

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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