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Xaver Bayer: Geschichten mit Marianne.

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Salzburg und Wien:
Jung und Jung, 2020.
184 Seiten; geb.; 21 Euro.
ISBN 978-3-99027-240-4.

Autor

Leseprobe

Was ist von einem Buch zu erwarten, in dem die Protagonistin gleich im ersten Kapitel erschossen wird? Noch mehr Schüsse? Ja. Ein Rückblick? Nicht wirklich. Alpträume? Vielleicht. Weitere Begegnungen mit der Hauptfigur? Auf jeden Fall. So leicht lässt sie sich nicht unterkriegen. Es kann so viel passieren. Aber das ist kein Grund, von der Bildfläche zu verschwinden. Weder für Marianne noch für den Ich-Erzähler.

In Xaver Bayers "Geschichten mit Marianne" ist jedes Kapitel ein Neustart. In zwanzig Sequenzen durchleben die beiden Hauptfiguren, Marianne und der Ich-Erzähler, traumartige Versuchsanordnungen. Mal absurd, mal beängstigend oder beklemmend, mal kafkaesk, skurril, witzig, überraschend oder von allem etwas. Nur eines ist sicher: Man kann sich auf – fast – nichts verlassen. Das macht aber nichts. Die Geschichten folgen unbeirrbar ihrer inneren Logik, da braucht es keine Naturgesetze.

Nüchtern und präzise lässt Xaver Bayer seinen Ich-Erzähler berichten, was er mit Marianne erlebt. Einmal verstecken sie sich spontan in der Abstellkammer eines Museums, ein andermal kämpfen sie bei einem Perchtenlauf ums Überleben. Einmal werden sie bei einer Treibjagd zu den Gejagten, ein andermal liefern sie sich ein Zitatenduell. Einmal jagen sie Schnäppchen auf einem Flohmarkt und vernichten die Schätze dann genüsslich, ein andermal tauschen sie sich bei einem Besuch in einem Swingerclub über die Vor- und Nachteile von Selbstmordarten aus.

Es ist das Deplatzierte, die Irritation, die die Geschichten zusammenhält. Diese Irritation stellt sich auf den ersten Seiten ein, als Marianne und der Erzähler ein mehrgängiges Festmenü in ihrer Wohnung genießen, während auf der Straße Terroristen wüten. Und sie hält an, wenn der Erzähler mit einem Aufzug in den Himmel fährt, wenn er sich von Marianne einer 'Behandlung' unterziehen lässt, sie als alte Frau im betreuten Wohnen besucht oder sich auf der Suche nach einer Ausgabe von Kafkas Schloss in einem baufälligen Gebäude verirrt.

Ebenso wie im Traum gibt es kein Erbarmen, aber auch kein endgültiges 'Game over'. Virtual reality. Wie bei einem Computerspiel folgt auf jede Runde ein Neustart. Next level. Und spielerisch sind auch manche der Versuchsanordnungen in den Geschichten. Auch wenn die Regeln nicht immer fair erscheinen. In "Geschichten mit Marianne" spielt Xaver Bayer mit unserer Vorstellungskraft und ein wenig auch mit den Genres. Wie abgeschlossene Erzählungen sind die Geschichten zu lesen, und gleichzeitig doch auch wie die Kapitel eines Romans. 'Täglich grüßt das Murmeltier', doch es ist jedes Mal eine andere Geschichte, nur mit den gleichen Protagonist*innen.

Über nichts scheint sich der Erzähler zu wundern. Alles hat die Selbstverständlichkeit eines Traums. Das, was real sein könnte und das, was es wohl nicht ist. Und alles dazwischen. "Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob ich etwas geträumt oder wirklich erlebt habe" (S. 170), meint der Erzähler lakonisch zu Beginn der letzten Geschichte. Aber da ist das Absurde längst zur Alltäglichkeit geworden – und vertrauter Erfahrungsschatz. So manche der geschilderten Szenen haben wir Leser und Leserinnen vielleicht schon ähnlich erlebt – nur wahrscheinlich nicht bei klarem Verstand und im Wachzustand.
Die Geschichten sind der Stoff, aus dem unsere Alpträume sind. Erstaunlich ist nur, dass es sich so gut anfühlt, beim Lesen immer wieder in einen neuen Traum zu geraten. Immer und immer wieder.

Sabine Dengscherz
28.2.2020

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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