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Xaver Bayer: Geschichten mit Marianne

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Rezension

Leseprobe:

Versteckt auf den Dächern und hinter manchen Fenstern in der Fußgängerzone im Zentrum der Altstadt, dort, wo die Dichte an Luxusartikelgeschäften, Banken und Nobelrestaurants am höchsten ist, haben seit heute acht Uhr Früh Scharfschützen begonnen, wahllos auf Passanten zu schießen. Außerdem haben Terroristen Geiseln genommen und sich mit diesen in anliegenden Geschäften, Lokalen und Hotels verschanzt. Vorsichtigen Schätzungen zufolge, wie es im Radio heißt, wurden bislang rund dreißig Menschen getötet, eine Zahl, die vermutlich untertrieben ist, denn allein in dem Bereich, der von der Wohnung von Mariannes Eltern, wo wir uns seit gestern Abend befinden, einsehbar ist, können wir einundzwanzig Tote zählen, und die Fußgängerzone verläuft rauf und runter viel weiter, als unser Blick reicht.
Eines der Häuser am Anfang des Einkaufsboulevards ist halb eingestürzt und steht in Flammen, weil sich ein Attentäter in die Luft gesprengt hat, als ein Sonderkommando der Polizei das Dach stürmen wollte. Niemand scheint zu wissen, wo überall Sniper postiert und wie viele Terroristen insgesamt an der Aktion beteiligt sind. Die Innenstadt ist abgeriegelt, es herrscht Ausgangssperre. Von unseren Fenstern aus sehen wir Blutlachen, wo Fußgänger niedergestreckt wurden, manche liegen noch da, andere hat man schon zu bergen versucht, aber auch auf die Rettungskräfte wird gefeuert, davon zeugt unter anderem ein ausgebrannter Ambulanzwagen. Auch einen toten Kameramann sehen wir. Hubschrauber kreisen seit Stunden über der Stadt. Angeblich haben die Terroristen in der Zwischenzeit einen von ihnen abgeschossen, darüber herrscht jedoch noch Unklarheit in den Medien. Hundertschaften von Polizisten in kugelsicherer Montur und beigezogene Militäreinheiten haben sich in den umliegenden Gassen postiert. Mehrere kleine Panzer haben mittlerweile in der Fußgängerzone Aufstellung genommen. Momentan verhalten sich die Angreifer still. Allerdings ist die Luft von Rauch und Sirenengeheul erfüllt, und immer wieder hören wir Schmerzensschreie von Verletzten.
Heute soll der heißeste Tag des Jahres werden, wie der Wetterbericht bereits seit einer Woche prophezeit, das kommt noch dazu. Der erlösende Regen wird gegen Abend erwartet oder gar erst in der Nacht. Gegenwärtig sind keine Wolken am Himmel. Marianne ist seit geraumer Zeit in der Küche, und ich habe es mir auf einem Sofa gemütlich gemacht. Nur hin und wieder gehe ich an die Fenster und teile ihr mit, wie die Lage ist. Wenn ich sie frage, ob ich ihr denn nicht behilflich sein solle, antwortet sie jedes Mal, es gehe schon, sie habe alles im Griff.
Eine Weile verfolge ich den Live-Stream eines Nachrichtensenders auf Mariannes Tablet, erkenne einmal kurz sogar unser Haus, aber dann denke ich mir, wie absurd, und dass ich das Ganze schließlich auch hautnah haben kann. Also stelle ich mich wieder an die Fenster, äuge auf das Dach und die Fassade des Gebäudes vis-à-vis, und als ich niemanden sehe, strecke ich meinen Kopf hinaus. In dem Augenblick macht einer der Sicherheitsleute vom Juwelier gegenüber dasselbe, er streckt seinen Kopf für einige Sekunden aus der Eingangstür, schon knallt es. Er bricht zusammen, weitere Schüsse fallen. Rauchkartuschen werden in die Mitte der Fußgängerzone geworfen und vernebeln den Abschnitt, offenbar will man den Mann bergen. Da bringt eine sehr laute Detonation ein paar von den Fenstern auf der gegenüberliegenden Häuserfront zum Bersten, Schreie, weitere Salven, und dazu unausgesetzt die Alarmsirenen irgendwelcher Nobelgeschäfte, was mich letztlich veranlasst, die Fenster zu schließen.
«Bist du sicher, dass du keine Hilfe brauchst?», rufe ich in die Küche.
«Ist bald fertig, danke!», kommt Mariannes Antwort.
Also nehme ich ihr Tablet, verbinde es mit den Lautsprechern und wähle eine ihrer Playlists aus. Es ertönen die ersten Takte der Enigma-Variationen Opus 36 von Edward Elgar. Ich schalte wegen des Lärms von draußen lauter, dann schlendere ich ein bisschen durch die Räume der weitläufigen Wohnung. Hohe Plafonds, alles großzügig eingerichtet, hauptsächlich mit alten chinesischen Möbeln, orientalischen Teppichen und indischen Stoffen, hölzernen und steinernen Skulpturen aus Südamerika, afrikanischer Stammeskunst. An den Wänden hängen Bilder bekannter Maler der europäischen und amerikanischen Moderne, und in jedem Zimmer gibt es mindestens eine Regalwand mit Büchern, deren Wert man schon an ihren Rücken zu erkennen glaubt.

(S. 6-8)

© 2020 Jung und Jung, Salzburg-Wien

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