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Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite.

Roman.
Wien: Zsolnay Verlag, 2020.
272 Seiten; geb.; Euro 23,70 (A).

ISBN 978-3-552-05988-7.

Autorin

Leseprobe

Birgit Birnbacher ist Soziologin – und das ist nicht nur ihrem wunderbaren Debut "Wir ohne Wal", sondern auch dem vorliegenden zweiten Roman der Bachmannpreisträgerin anzumerken. Die Erwartungen an "Ich an meiner Seite" waren hoch, immerhin war der Text über vier Jahre lang in Arbeit, und man wird keineswegs enttäuscht. Birnbacher überzeugt ihre Leser/innen mit einem empathischen Zugang zum Thema Strafvollzug und Resozialisierung und führt sachte und mit überraschend viel Humor an diese schwierige Materie heran.

Arthur Galleij hat zwei seiner zweiundzwanzig Jahre im Gefängnis verbracht. Warum wird anfangs noch verschwiegen, erst in Rückblicken entfaltet sich der Chronologie entsprechend die vollständige Geschichte. Ein Unfall wird angedeutet, ein Unglück, an das Arthur kaum zu denken wagt und das immer über dem Geschehen schwebt, doch überschattet die gegenwärtige Problematik naturgemäß das Vergangene. Es gilt nämlich, nach der Haftstrafe wieder ins Leben zu finden: In Zeiten von Praktika und teuren Mietpreisen ein ausgesprochen schwieriges Unterfangen für einen jungen Ex-Häftling. Zudem lässt seine therapeutische Begleitung dezent zu wünschen übrig. Denn sein Therapeut Konstantin Vogl, genannt "Börd", schleppt selbst einigen Ballast mit sich herum und auch das anfängliche Purzelbaumschlagen trägt kaum zur Erleichterung bei. Im Rahmen einer therapeutischen Studie unterbreitet er Arthur die "Starring-Methode". Für diese Methode spricht Arthur seine eigene Lebensgeschichte auf Tonband – im Text kursiv gekennzeichnet – und soll sich so selbst zum übernatürlichen Helden seiner Lebensgeschichte machen. Woran für die Lesenden nicht zu rütteln ist, nämlich an Arthur als Protagonisten, das ist für ihn selbst am schwierigsten zu akzeptieren.

So erfahren wir halb durch die Tonaufnahmen, halb durch einen ausgesprochen informierten Erzähler, dass Arthurs Vater sehr früh seine Familie verlassen hat und dass Arthurs Mutter sich zusammen mit seinem neuen Stiefvater ihren Lebenstraum erfüllt hat und in Andalusien ein Luxus-Palliativzentrum aus der Wüste gestampft hat. Arthur und sein Bruder Klaus wachsen also fern vom heimatlichen Bischofshofen vaterlos und zwischen Sterbenden auf. Einzig die ALS-Patientin und ehemalige Schauspielerin Grazetta ist Arthur so etwas wie ein Mutterersatz. Sie ist es auch, die ihn später vom Gefängnis abholt und die ihm rät: "Zuerst musst du dir den ersten Schritt selbst erzählen. Sprich die nächste Rolle vor. Glaubst du dir? Dann ist es fast schon geschehen."

Die Figur der Grazetta leistet in Birnbachers Text ähnliches wie die "Starring-Methode". Sie weist darauf hin, dass Leben und Rollen verschwimmen. Dementsprechend einfach scheint es der Autorin auch zu fallen, bei solch einem ernsten Thema einen entscheidenden Schritt nach hinten zu treten und damit sämtliche Protagonisten mit großer Leichtigkeit in fast naiv kindlichem Ton zu beschreiben. Diese Leichtigkeit mag manchmal vergessen machen, dass Arthur ein reales Vorbild zugrunde liegt, doch tut sie dem Roman unheimlich gut. Sie macht, dass sich über den von Zwängen getriebenen Zimmerkollegen Arthurs oder den im Leben strauchelnden Börd schmunzeln lässt, und lockert das dem Thema innewohnende düstere Timbre auf.
Im Gegenteil tut sich, der nüchternen Erzählweise sei dank, der ein oder andere Lichtblick auf. Wo andere womöglich ins Pathetisch-Fatalistische abdriften, wird Birnbachers Erzählung unterhaltsam ironisch und erwirkt dadurch eine besondere Form der Einfühlsamkeit. So geht etwa Börds Starring-Methode auf paradoxe Weise schief: Arthur schafft es nicht länger, sich an seinem Heldenglanzbild zu orientieren, sondern findet mehr oder weniger unbeabsichtigt zu seinem alten kindlichen Selbst zurück. "[E]inzig und allein ich an meiner Seite" kann ihn hier heil herausbringen, stellt er fest. Eine nahezu versöhnliche Einsicht, zu der bestimmt nicht viele ehemalige Häftlinge gelangen. Birnbacher hinterfragt gekonnt unsere vom Schicksal auferlegten Rollen und gewährt Einblicke in die Hintergründe einer Straftat. "Kein Vergehen ohne Geschichte" ist die deutliche Botschaft hinter diesem Roman und erbarmungslos legt er die Kurzsichtigkeit unserer Gesellschaft bloß. Ein starker Text.


Katia Schwingshandl, 24.03.2020

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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