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Christian Mähr: Carbon.

Roman.
Wien: Braumüller 2020.
304 S., geb., 24 Euro.
ISBN: 978-3-99200-271-9.

Autor

Leseprobe

Alles geht ganz harmlos los: Ein Privatdetektiv sammelt Beweise für außereheliche Aktivitäten. Ein Journalist riecht unerklärlicherweise immer wieder Zimt. Ein Verleger holt ein Manuskript beim Autor ab. Und dann tauchen plötzlich überall diese Pflanzen auf, die es nicht geben sollte. Schachtelhalme, Riesenfarne. Zuletzt gesehen im Carbonzeitalter vor 300 Millionen Jahren.
Die Pflanzen, die plötzlich überall im Vorarlberger Rheintal wachsen, scheinen einen eigenen Willen zu haben und sind nicht auszurotten. Versucht man es doch, wird man von einem starken Widerwillen befallen, der einen mitunter die Motorsäge gegen sich selbst richten lässt. Immer mehr der seltsamen Pflanzen überwuchern ganze Stadtteile, eine regelrechte "Pflanzenmasse" (S. 155) macht sich breit und sorgfältig geputzte Vorgärten platt. Warum ist unklar, aber es scheint System dahinter zu stecken: "Das ist doch nicht normal, dass Pflanzen sich auf diese Art verdrängen … das ist doch irgendwie … gewollt." (S. 82)

Soweit die Ausgangssituation. Dann nimmt die Geschichte allerdings – ohne allzu viel verraten zu wollen – rasant an Fahrt auf: Menschen verschwinden spurlos, eine Demonstration eskaliert, Zwerge (ja, Zwerge) tauchen auf.  Die Natur verselbstständigt sich und mit ihr die Menschen. Die Pflanzen scheinen eine ungewisse Wirkung auf die Menschen auszuüben. Diese verhalten sich plötzlich irrational, lassen alles stehen und liegen, das beschauliche Kleinstadt- und Vorortleben mit all seinen Bequemlichkeiten und Tücken gerät aus den Fugen. Kommunikationsverbindungen brechen ab, vom Rest der Welt dringen nur noch vereinzelt Bilder durch, WissenschaftlerInnen werden von VerschwörungstheoretikerInnen und DemagogInnen niedergeschrien, es entsteht eine "Anomaliezone in Gisingen" (S. 266), dem wahrscheinlich normalsten Vorort der Welt.

Dass Christian Mähr eine Vorliebe für Phantastisches und Spekulatives hat, ist kein Geheimnis, wie er bereits in vorhergehenden Romanen unter Beweis gestellt hat. In Simon fliegt (1998) etwa spricht der Titel für sich, in Karlitos Reich (2010) tauschen ein mittelalterlicher König und ein zeitgenössischer Journalist den Körper und die Zeit. Dementsprechend ist auch Carbon irgendwo zwischen Fantasy und New Weird angesiedelt. Mühelos bringt Mähr Gesellschaftssatire und Phantastik zusammen und streut ganz dem Genre entsprechend zusätzlich noch eine gehörige Portion Esoterik und 'unnützes Wissen' darüber, so wird den LeserInnen etwa die Funktionsweise einer Natronlok erklärt, an anderer Stelle sind Versatzstücke des gnostischen Sophia-Mythos eingeflochten.

Mähr führt in Carbon gekonnt Handlungsstränge zusammen, baut routiniert Spannungsbögen und steigert mit Cliffhangern und Andeutungen das Tempo, wodurch der Roman streckenweise zum regelrechten Pageturner wird. Auch wenn die Handlung gelegentlich etwas ins abenteurromanhafte abdriftet – etwa wenn ein neuartiger Riesenlurch erlegt und schmackhaft gebraten wird – und ab und an gar oberlehrerhaft Wissen vermittelt wird, machen der lakonische Tonfall und trockene Humor das mehr als wett. Besonders die spürbare Freude an der Spekulation macht das kurzweilige Weltuntergangsszenario – zumindest der Welt wie wir sie kennen – zur vergnüglichen Lektüre.

Gerade dieses Spekulative scheint Mähr ein Anliegen zu sein, das er in Carbon den Zwergen umhängt. Für die Zwerge nämlich, die weniger mit ihren bezipfelmützten Vettern zu tun haben, als dass sie einen anderen Zugang zu Wissen repräsentieren, ist, das "Geheimnis" das Wichtigste: "In Ihren Ohren mag es eigenartig klingen: aber unser Seelenheil hängt am Bewusstsein, dass es Dinge gibt, die wir nicht wissen. Wir wären nicht mehr die, die wir sind, wenn wir alles wüssten. Das Geheimnis lässt uns existieren; das Geheimnis allein." (S. 117) Der menschlichen Hybris, alles wissen zu wollen, und zu glauben, alles verstehen zu können, wird die zwergische Erkenntnis um den Wert des Nichtwissens gegenübergestellt: Denn wenn man nichts sicher weiß, ist zumindest in Gedanken – oder in Romanen – alles möglich.

Johanna Lenhart
08.06.2020

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

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