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Vera Graaf: Hofmannsthals Enkel. Das karibische Große Filmtheater.


Leseprobe:

Mir wäre es nie eingefallen, ein Kino zu eröffnen, schon gar nicht in der Karibik. Nur Michael kam auf solche herrlichen Hirngespinste – Michael, dessen Lebensmotto lautete: Bloß keine Langeweile! Ob es um den Bau eines Gartenzauns ging oder um das Zubereiten eines Kaiserschmarrens, Michael verstand es – bestand sogar darauf –, aus allem ein Theaterstück zu machen. Er war einer dieser Menschen, denen das Leben die Ereignisse zuspielt, und wenn es auch nur einen Augenblick lang so aussah, als sei das nicht der Fall, sorgte er selbst für Abwechslung. Immer ertönte von irgendwoher Musik, knisterte ein Feuer im Hintergrund, wurde eine unerhörte Geschichte erzählt. Eine Art verspielter Kreativität lag in der Luft: Nur Michael verstand es, aus brennenden Topfkratzern ein Feuerrad zu fabrizieren, nur er kam auf die Idee, einen Tischtennisball auf dem Wasserstrahl eines selbst gebastelten Solarspringbrunnens tanzen zu lassen. Unsere Hippie-Freunde waren ein dankbares Publikum, voller Bewunderung für seine Einfälle und unerwarteten theatralischen Performances.
Wie wir so über sein Skizzenbuch gebeugt saßen, wurde mir klar, dass "ein Kino aufmachen" am Ende auch eine der vielen Inszenierungen war, die, perfekt choreografiert, Michaels ewig aktivem Hirn entsprangen. Weil es unser Leben verändern und ich eine Hauptrolle darin spielen würde, war ich geschmeichelt und in Hochstimmung, auch mal auf der Bühne zu stehen.
Zum ersten Mal hätten wir eine echte Mission! Und die wäre mit einer Belohnung verbunden: Mit der Zeit würden wir auch Geld verdienen. Niemand würde uns mehr als "Les Hippies" belächeln. Mit den abschätzigen Blicken, die uns oft als Repräsentanten einer Jeunesse dorée abgestempelt hatten, wäre es vorbei. Wir würden uns zu ernstzunehmenden, arbeitenden Menschen entwickeln.
Ich griff nach Michaels Hand, die wie immer mit Tinte von seinem ewig leckenden Füller befleckt war. Er lächelte und schloss sein Skizzenbuch. "Ich find’s toll", sagte ich, "ich mache mit!"
Dann erhoben wir unsere leeren Gläser, um einen Toast auf das neue Kino auszubringen, auf unser neues Leben. Wir fragten uns, was wir eigentlich über Virgin Gorda wüssten.
"So gut wie gar nichts", war die einstimmige Antwort. Und dabei blieb es auch. Denn wie sich herausstellte, war es gar nicht so einfach, irgendwelche Details über unsere geheimnisvolle Jungferninsel herauszufinden. Es gelang uns, einen alten Segler-Atlas der östlichen Karibik aufzustöbern, der ein paar weiterführende Informationen enthielt: zum Beispiel, dass Christoph Kolumbus unsere Insel, nach einem Blick auf ihren dicken Rumpf, "Die Dicke" oder "Die schwangere Jungfrau" getauft habe. "Steil und bergig", hieß es weiter im Atlas, "ragt die Insel am östlichen Rand der Jungferninseln auf, im Westen von der Francis-Drake-Passage umspült, im Osten von der berüchtigten Anegada-Passage."
Berüchtigt ist diese Meerenge zu Recht zu nennen, die Segler kennen und fürchten sie als eine unberechenbare Wasserwüste, 65 Kilometer breit und "bekannt für ihre tückische Kombination aus Ostwind, westlicher Strömung und einer gewaltigen Dünung, die aus dem Atlantik heranrollt". Ein paar Hotels im äußersten Norden der Insel haben Bootshäfen, die aber nur mangelhaften Schutz vor Sturmfluten und Orkanen bieten. Die restlichen Küsten wenden sich der ruhigen Francis-Drake-Passage auf der karibischen Seite zu. Hier leben auch die meisten der 1.200 Inselbewohner.
Wer diese sind und was sie tun, verschwieg der Segler-Atlas. Doch er erwähnte ein paar Siedlungen, darunter North Sound und The Valley, auch bekannt als Spanish Town. Und natürlich vergaß er nicht, auf die "legendäre Raststation für den Reisenden in der östlichen Karibik" hinzuweisen – das Lord-Nelson-Inn.


In Virgin Gorda ist tote Hose!

Nun sind wir also hier. Wir wollen uns die Insel ansehen und rumpeln mit dem rostigen Jeep durch die Gegend, den das Lord Nelson seinen Gästen vermietet. The Valley, wie der südliche und am dichtesten besiedelte Teil der Insel genannt wird, kann man kaum ein Städtchen, nicht einmal ein Dorf nennen, so weit liegen die Häuser auseinander. Ein paar Frauen wandern mit aufgespannten Sonnenschirmen in der glühenden Mittagshitze über die staubigen Straßen. Würdevollen Statuen gleich schreiten sie langsam einher, als trügen sie einen Krug Wasser auf dem Kopf. Die Männer hocken im Schatten der wenigen großen Bäume, bewachen die Wegkreuzungen, schauen den Frauen zu und schwatzen die heißen Nachmittage weg. Viele Baumstämme sind mit bunten Papierfetzen übersät, die im warmen Wind rascheln. Es handelt sich um die Litfaßsäulen der Insel, wo angeschlagen steht, was die Inselbewohner bewegt: Schnäppchen und Angebote, langgehegte Wünsche und einmalige Gelegenheiten: Sie haben Lust auf Live-Musik? Auf dem lila Plakat geben die Virgin Flames ihr Konzert im Big Bamboo nächsten Freitag bekannt. Die Kirche St. Anna auf dem Hügel über The Valley lädt zum Picknick am Sonntag ein, mit Ziegen- und Schildkrötengulasch sowie Sassafras-Tee. Wir fahren an diesen Plakatbäumen im Schritttempo vorbei, um ja nichts zu verpassen. Gelegentlich hebt jemand die Hand zum Gruß. Doch man kennt uns noch nicht, und zumeist ernten wir nur leere Blicke.
An der Tankstelle in The Valley halten wir. Der Tankwart, ein hochaufgeschossener junger Einheimischer mit dem Körperbau eines Watussi-Kriegers wirft uns einen prüfenden Blick zu. "Kommt ihr aus Amerika?" Wir bejahen seine Frage und dann, in einem Anfall von Redseligkeit, erzählen wir ihm von unserem Vorhaben. "Ein Kino!", lacht er und spuckt die Worte geradezu aus, "sagt bloß – ein Kino!"
"Warum nicht?", erwidere ich dem immer noch lachenden Kerl, während er Benzin in den Bauch unseres Jeeps füllt. Er schaut auf.
"Ihr seid auf Virgin Gorda! Hier herrscht absolut tote Hose!"
"Das werden wir schon sehen!" Michael startet den Jeep und winkt dem Jungen noch einmal schnell zu.
Ganz unauffällig haben wir uns auch nach einer Bleibe umgeschaut. Es gibt weniger Auswahl als angenommen. Die schönen, alten karibischen Häuser mit den schattigen Terrassen und verzierten Giebeln, einst mit viel Liebe und Verstand von Bootsbauern und Zimmermännern errichtet, sind modernen Zweckbauten aus Beton gewichen, die man zu allem Überfluss in den schrillen Farben billiger Unterwäsche angestrichen hat. Ihr Inneres riecht nach Schimmel, und jeder Schritt produziert ein laut hallendes Echo. Oft ragen aus dem Obergeschoss noch Eisenträger in den Himmel, ein sichtbares Zeichen, dass der Besitzer von einer weiteren Etage träumt. Nachdem wir das letzte Haus auf unserer Liste inspiziert haben – einen Betonbau, auf einer Reihe von Zementblöcken aufgebockt, grell rosa gestrichen und mit Fenstern aus billigen Aluminiumlamellen –, habe ich genug, lasse mich auf das niedrige Mauerwerk vor dem Haus fallen und breche in Tränen aus.
Michael versucht, mich zu trösten, aber ich will nichts davon wissen. "Ich dachte, wir könnten in einem echten Inselhaus wohnen, wie in einer Erzählung von Somerset Maugham!"
Ich hatte mir einen Bungalow vorgestellt, umgeben von einer breiten, schattigen Veranda, mit Fenstertüren und Läden mit beweglichen Holzlamellen, durch die der Wind streichen kann. An den hohen Zimmerdecken drehen sich langsam Ventilatoren. Im Garten ein Meer an tropischen Blüten, irgendwo krächzt ein Papagei, den ich "Kino" getauft habe, und ruft laut seinen Namen. Stattdessen habe ich eine kümmerliche Grasnarbe vor mir, auf der ein paar Hühner scharren, und eine Reihe von Wildapfelbäumen, die sich neben einigen verkrüppelten Papayabäumchen angesiedelt haben. Hie und da ragt neben der Küchentür eines Hauses eine Bananenstaude auf, die ihr Dasein der täglichen Dusche mit Abwaschwasser verdankt. Die kleinen Gärten, in denen die Inselbewohner früher ihr Gemüse anbauten, sind längst unter Bergen von Unrat verschwunden. Verrostete Fahrräder, lecke Ölfässer und Türme von alten Autoreifen erinnern daran, dass diese britische Jungfer in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Vereinigten Staaten und ihrer schier endlosen Flut von Konsumgütern liegt.

(S. 31 ff)

© 2020 Müry Salzmann, Salzburg

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