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Sebastian Janata: Die Ambassadorin.

Sebastian Janata: Die Ambassadorin.
Roman.
Hamburg: Rowohlt, 2020.
320 Seiten; geb.; Euro 22,-.
ISBN: 978-3-498-09203-0.

Sebastian Janata

Leseprobe

Schnaps beim Heurigen und queere Clubkultur. Sebastian Janata schreibt die burgenländische Geschichte neu und bringt zusammen, was immer schon zusammen gehörte. Man musste nur richtig hinschauen und das kann der Wahlberliner gut.

Es bricht ein kleiner Sturm los in der österreichischen Provinz. Der alte Onkel Beppo stirbt, ein Familienfreund von großväterlichem Status, und die Familie Navratil kommt im Burgenland zum Begräbnis zusammen. Hugo, der Anti-Held von Janatas Roman, und seine Schwester Frida haben die pannonische Tiefebene für die Großstadt eingetauscht, er lebt in Berlin, sie in Wien. Während Hugo die Heimat durchstreift und mit seiner Emotionslosigkeit angesichts des Todesfalls ringt, schießt sein Vater seiner Mutter auch noch ins Bein. Hugo versucht inzwischen selbst klarzukommen mit dem Verlust des Großvaters, der ihm als Kind sehr nahe war. Wie wenig kann man wissen kann über Personen, die einen ein Leben lang begleiten? Hugo beginnt im Dorf über Beppo nachzuforschen und es beginnt eine Schnitzeljagd, die sich durch die restlichen zwei Drittel des Buches zieht. Hugo muss mit eigenen Dämonen kämpfen, sich mit der Familie arrangieren, und sich dabei allem stellen, was auf burgenländischem Grund so kompostiert. Je näher Hugo der wahren Geschichte seines Großvaters kommt, desto skurriler und radikaler erzählt Janata. So stellen sich zwei Verwandte von Beppo aus Amerika, die Hugo schon als Besucherinnen beim Begräbnis gesehen hat, als Mitglieder der "Ambassadorinnen" heraus – eine Art weiblicher Geheimbund im Stile der Freimaurer, deren Einfluss kaum zu überschätzen sei. Der Gründungsmythos reicht zurück bis ins achtzehnte Jahrhundert, zur Frau eines Büchsenmachers. Seitdem höhlen Frauen die Gesellschaft aus und festigen ihre Schattenherrschaft. Sie und Beppo verbindet eine lange, intensive Geschichte, die Schluss mit stereotypen Männermythen macht. Es lebe das Matriarchat!

Der einfach gestrickte Plot ist allerdings nur Nebenschauplatz des Buches. Entlang von Hugos Nachforschungen exerziert Janata eine radikale Kritik von Männlichkeit und patriarchaler Gesellschaft durch. Die männlichen Figuren teilen sich den ungesunden Umgang mit ihren Gefühlen und den Hang zum Alkohol. Protagonist Hugo leidet über weite Teile des Buches an dessen Nachwirkungen, der Vater gehört zur Neigungsgruppe kühles Bier, Beppo liebte seine kleinen Underberg-Fläschchen. Sie alle fallen irgendwie aus den tradierten Rollenbildern, wenn nicht auf den ersten Blick, so auf den zweiten. Während Hugo mit latenter Tollpatschigkeit und Verträumtheit jungenhaft und hilflos wirkt, stellt sich sein brutaler Peiniger aus Schultagen, Jürgen, gegen Ende des Buches als schwuler Vater heraus, der gleichzeitig den nationalistischen Pöbler mimt. Anscheinend leiden die Männer bei Janata auf unterschiedliche Weisen an den ihnen zugeschriebenen Rollenbildern, die niemand wirklich erfüllt, aber alle hochhalten. Dies wird gespiegelt in den Schilderungen der burgenländischen Heimat, welche die ersten hundert Seiten dominieren und noch keinen Blick auf den eigentlichen Plot zulassen. Dort machen Männer Männerdinge, Highland Games veranstalten zum Beispiel, obwohl im Dorf kein einziger Schotte lebt. Doch anstelle die heimatlichen Verhältnisse in bernhardscher Manier zu beschießen, entzieht Janata ihnen durch geschickte Dekonstruktion den Boden: Nichts ist, wie es scheint! Dabei wahrt er ausreichend Respekt, um die Kulisse in den richtigen Momenten mit kulturellen und geografischen Details zum Leben zu erwecken, die er als gebürtiger Burgenländer geschickt zu platzieren weiß. Ob sprachliche Leckerbissen wie die "geselchte Saufut" oder der Unterschied zwischen Buschenschanken und Heurigen, Janata setzt Details mit viel Feingefühl ein. Dem männergebeutelten Land stehen alle nicht-männlichen Personen gegenüber, die von Beginn an als Antithese zum Protagonisten positioniert werden: Emanzipiert und selbstbewusst verfolgen sie eigene Ziele und Interessen. Hugos Schwester Frieda ist tätowiert, fährt einen 5er BMW und ist Pilotin, eignet sich klassisch männliche Statussymbole an. Die Ambassadorin Sky rettet Hugo mehrfach vor Jürgen, und Blanca Hohn, eine kunstschaffende non-binary Person, kastriert bei einer Performance ein Hologramm des Bundeskanzlers: "I will cure him!". Sie alle tragen die Emanzipation in sich, welche bei den Männern ausständig ist. Dabei erreicht Hugo einen wichtigen Höhepunkt, als er im Flugzeug nach Berlin sitzend endlich weinen darf, und auch sein Vater bricht in Tränen aus, als er den Sohn verabschiedet. Es ist ein Happy End – Janata zeigt, dass auch die Befreiung des Mannes möglich ist, wenn er sich nicht zu sehr selbst im Weg steht.

Die vielen skurrilen und originellen Ideen, die Janata im Buch verarbeitet, sind frischer Wind. Immer wieder kämpft er jedoch mit der selbstauferlegten Struktur, mit Rhythmus und der Sprache. Bei einem so umfangreichen Debüt (knapp 320 Seiten) ist das verzeihlich, aber Janatas Ideen kommen dadurch nicht immer zur Geltung und verlieren an Strahlkraft. Immer wieder wirken die kleinen Andeutungen zwischen den Kapiteln erzwungen. Gegen Ende der Spurensuche (und wie immer passiert so etwas am Ende eines Kapitels) wird Hugo von den Ambassadorinnen fortgeschickt, noch einmal zum Pfarrer, welcher ihm den nächsten Schnipsel des großen Ganzen geben wird, obwohl es der Erzählfluss nicht fordert. Auch das schemenhafte Denken, das Janata selbst kritisiert, kann er nicht gänzlich vermeiden. Bis sich herausstellt, dass Jürgen eigentlich schwul und liebevoller Vater ist, hält er als Symbolbild für alles toxisch Männliche her, das sich im Rahmen aktueller Debatten platzieren lässt. So hat man es mit seichten Figuren zu tun, obwohl deren Tiefe ja ausgestellt werden soll: Ah guck, der Tyrann kann auch zärtlich! Eröffnungen wie bei Jürgen gibt es mehrere im Buch, meist kommen sie ein wenig sperrig oder aufgesetzt daher. Das liegt nicht nur an der Komposition des Textes, sondern vielmehr an der verwendeten Sprache, deren Ton sich nicht klar bestimmen lässt und noch etwas beliebig wirkt. Diese unentschlossene Sprache kann den Roman, in dem zeitgenössische Diskurse wie ein doppelter Boden in das burgenländische Brauchtum eingezogen werden, nicht über dreihundert Seiten tragen. Gäbe es nicht immer wieder hübsche Formulierungen zum Schmunzeln, müsste man sich daran stoßen.

"Die Ambassadorin" ist ohne Zweifel ein ambitioniertes, zeitgeistiges Projekt, dabei zutiefst österreichisch und immer wieder komisch. Sie stolpert noch etwas, die literarische Stimme, aber sie ist hörbar und ihr Klang schön ungewohnt. Gerne mehr aus der unkonventionellen Hoamat!

Julius Handl
14. 09. 2020

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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