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Christian Klinger: Die Liebenden von der Piazza Oberdan.

Roman.
Wien: Picus Verlag, 2020.
320 Seiten, Hardcover, Euro 25,-.
ISBN: 978-3-7117-2099-3.

Autor

Leseprobe

Eine Familiensaga aus Triest 1916–1945. Drei Generationen: Der verschollene Großvater, der Vater, ein guter Bürger und tüchtiger Anwalt, der Sohn, bereit zur Liebe und zum Widerstand. Erstens die Erzwählweise, zweitens das Genre, drittens das Lokalkolorit. Es ist alles angerichtet für einen Publikumserfolg.

Erstens die Erzählweise

Christian Klingers Gabe, plastisch und spannend zu erzählen, hat sich seit seinen ersten Versuchen mit Krimis vor mehr als zehn Jahren stetig nach oben entwickelt. In seinem Triest-Roman hat er sich ein besonderes Gliederungsmoment für seinen Stoff einfallen lassen. Die Kapitel sind auf den Tag Null ausgerichtet. Der Roman beginnt mit "6. April 1945, Tag Null, Freitag", er endet mit "6. April 1945, Der letzte Tag, Freitag nach Ostern". Sämtliche Kapitel tragen eine Datumsangabe nach diesem Muster als Titel. Sie sind in einer verschränkten Chronologie angeordnet, so folgen zum Beispiel "19. März 1945 (minus 18 Tage), Montag" – "23. Dezember 1920 (minus 8870 Tage), Donnerstag" – "22. März 1945 (minus 15 Tage), Donnerstag" aufeinander. So fügen sich Episoden der Familiengeschichte vom Anfang mitten im Ersten Weltkrieg über die wechselhaften Ereignisse der Zwischenkriegszeit bis zum Finale zu Kriegsende 1945 wie bei einem Puzzlespiel zusammen. Erst am Schluss wird nach korrekter Chronologie fertig erzählt. Da haben wir Leser schon verstanden, worauf es hinausläuft, wissen aber noch nicht, ob es zu einem guten oder bösen Ende kommt. Die Konstruktion ist vorbildlich; ab einem gewissen Punkt kann man das Buch nicht mehr weglegen.
Ansonsten verfährt Klinger stilistisch konventionell, er tut dies offenbar sehr bewusst so. Die Absicht dahinter: Leserinnen und Leser zu gewinnen, die einfach gerne lesen, sich in Geschichten hineinholen lassen, sich die beschriebenen Situationen vorstellen wollen. Dafür hat er das Handwerkszeug gelernt. Er spekuliert nicht auf ein Publikum für sprachliche Experimente oder Extravaganzen. Damit klar ist, was gemeint ist und wie Klingers Sätze funktionieren, zitiere ich hier zwei kurze Absätze aus dem Kapitel, das ich für die Leseprobe ausgewählt habe:
"Als er das Plateau erreicht hatte und dem Eingang zustrebte, waren diese Gedanken aber schnell wieder verdrängt. Jetzt war er wegen etwas anderem aufgeregt. Um siebzehn Uhr hatten sie sich auf der Piazza Oberdan verabredet.
Was für ein Tag und was für ein Zufall, dachte er, während er immer noch sein Herz heftig schlagen spürte. Hübsch war sie geworden, eine richtige Frau."

Was versprechen diese Sätze? Wie der Titel des Buchs einen Liebesroman. Eine in dieser Sprache erzählte Liebesgeschichte ist kein Fragment, Roland Barthes lässt nicht grüßen. In dieser Geschichte, auch wenn sie wahr ist (der Autor beruft sich im Nachwort auf seine Recherchen), ist alles genau konstruiert. Die Liebeserzählung hält sich an die Grenzen, die der Erzählkunst, aus romantischer Konvention, gesetzt sind. Es tun sich keine Abgründe auf.

Zweitens das Genre

Die Liebenden auf der Piazza Oberdan ist ein historischer Roman mit den Paradethemen Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Faschismus, Mussolini, Partisanen, SS-Schergen, usw. Das Glück des historischen Romans ist es, dass er vom Schema Große-Männer-machen-Geschichte abgekommen ist. Sein Pech: Faschisten müssen immer böse sein, die kleinen Leute, aus deren Perspektive moderne historische Romane erzählt werden, sind deswegen die Guten, die sich aus der ideologisch-politischen Indifferenz lösen und sich für das Richtige entscheiden, auch wenn sie das manchmal das Leben kostet. Vittorio und Pino sind solche Romanhelden. Der Vater Vittorio schwankt zwischen Altösterreichertum, italienischem Patriotismus, bürgerlicher Liberalität, Aufstiegswünschen, Solidarität mit den Triestiner Minoritäten. Der Sohn Pino kommt in Kontakt mit dem Widerstand, vielleicht hält ihn die Liebe in der Indifferenz, vielleicht wird das sein Verhängnis. Der kleine Mann als Subjekt des historischen Romans, seine Indifferenz ist das Identifikationsangebot an die Leserschaft. Ich finde, Christian Klinger hat dieses Problem des historischen Romans gut gelöst. Seine Figuren in ihrem Schwanken, ihren Ängsten, ihrem Ausgeliefertsein sind nicht schwarz und sind nicht weiß. Damit erobern sie sich unsere Sympathie fast mühelos.

Drittens das Lokalkolorit

Triest ist nicht nur ein beliebtes Reiseziel europäischer Touristen, es ist auch einer der wichtigsten Schauplätze der europäischen Literatur. Erinnerungen an die Promenaden am Meer, an die weiten schrägen Plätze, die steil aufsteigenden Gassen, all das in den Köpfen der möglichen Buchkäufer weckt Hoffnungen, die Christian Klingers Roman nicht enttäuscht. Eher zufällig vermittelt von Egyd Gstättners Die Familie des Teufels (2018) geriet Italo Svevos Zeno Cosini (1923) zu meiner Parallel- und Vergleichslektüre. Gegen die psychologische Tiefe und den unverwechselbaren Stil des Triest-Klassikers kommt Klinger natürlich nicht an. Doch ergänzt Klingers heutige Perspektive eines Wiener Triest-Liebhabers in einer gewissen Weise die Fin-de-Siècle-Innensicht, habe ich gefunden. Triest ist eine Schnittpunktstadt. Von ihr führen viele Linien überallhin. Zu ihr führen die alte österreichische Kultur, die slowenische, kroatische und natürlich die italienische. Italo Svevo entwickelt sein Triest von tief innen, von der extremsten Mitte aus, indem er selbst mit seiner Biograhie an allen diesen Projektionen Anteil hat. Christian Klinger hingegen gelangt mit seiner von weit außen kommenden Akribie, nämlich der sehr sorgfältigen Recherche für sein Buch, auch sehr weit in das Innere der Zeitgeschichte dieser Stadt.
Daher lautet meine Empfehlung: Kaufen Sie den Roman jetzt, lesen Sie ihn noch in diesem Corona-Winter, fahren Sie, wenn die Seuche ausgestanden ist, nach Triest, nehmen Sie auf der Piazza Oberdan Platz, nachdem Sie den Duft des Meeres eingesogen und den Blick übers Rund der Berge schweifen lassen haben. Dann versenken Sie sich noch einmal in die wahrhaft erstaunliche Geschichte dieser Stadt und suchen Sie nach den Gesichtern ihrer Menschen, ob sie nun Zeno, Clara, Guido, Vittorio, Laura, Pino heißen, erfunden sind oder nicht.

Walter Fanta
27.11.2020

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen VerfasserInnen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

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