Josef Winkler: Begib dich auf die Reise oder Drahtzieher der Sonnenstrahlen.

Leseprobe:

I.
AUF die Stimme der weißen Kreide / Auf die Wasser­oberfläche des Tintenkleckses / Auf die ersten und auf die letzten Brösel eines Radiergummis und auf das Wasser­zeichen des leeren Hartpostblattes / Auf die Unterseite einer gespaltenen Leguanzunge am Bug des sinkenden Schiffes und auf die Meerestiefe meines Tintenfasses - königsblau SCHREIB ICH DEINEN NAMEN  »Kreide! Nimm mich Kadaver auf in dein Prinzip!« Löschpapier und Tintentod! Meine Damen und Herrn! Gleich unter den Bergspitzen stehen tapfer die Fichten als verkehrte Federstiele, von denen schwarze Tinte rinnt. »Und viel Glück mit der Tinte aus Paris!« sagte sie beim Abschied auf dem Gare du Nord, Eclat de saphir.

2
AUF das beschlagene Fenster einer Schiffsluke und auf alle uns belauernden Fensterscheiben / Auf die im Indi­schen Ozean an der Wasserobefläche auftauchenden behaarten Fische / Auf die sich zurückziehenden Sterne des Urwalds / Auf das Sterben der Seesterne / Auf das unterspülte Ufer und auf die Verbannung des Meeres­tangs / Auf die mit Tinte numerierten Löwenzähne in der Requisitenkammer des Großwildjägers und auf die Brandwunden des Urwalds SCHREIB ICH DEINEN NAMEN Mit Lotusblüten bekränzte Kurtisanen malen mit aufgeritzten Vanillestangen aus Madagaskar Skelette auf die Flaggen der Piratenschiffe.


AUF die Welle des Schüttelfrosts im Fell eines Igels, der mit seinen Neugeborenen neben dem brummenden Kühlschrank im Milchgeschäft der Tante Lydia wartet / Auf die Rippenfellentzündung  einer Siamkatze / Auf die feuchten, langsam abrutschenden Kalkbrüche hinter den Ohren eines Wasserfalls / Auf den Eiertanz der mit Eunuchen bevölkerten letzten Eisscholle im Pazifik / Auf die nach Wüstensand riechenden Flügel der Zugvögel / Auf die Spitzen aller Pyramiden Ägyptens / Und auf den allerersten Speicheltropfen des Jesuskindes beim Geburtsschrei, als es weder Nacht noch Tag war, SCHREIB ICH DEINEN NAMEN


AUF die donnernden Peitschenhiebe eines um Mitternacht in meinem Heimatdorf in die Kirchturmspitze fahrenden Blitzes, der die Menschen im Dorf zu Tode erschreckte und aus dem Schlaf auffahren ließ / Auf den nachfolgenden zweiten Blitz, der den Kirchturm mit dem sich drehenden Wetterhahn zum Schwanken brachte und in den Kopf des Heiligen Florian einschlug / Auf den Türkischen Honig in den Mundwinkeln des rot-weiß eingekleideten Ministranten / Auf den Notnagel meines weißen Kindersarges / Auf die Fingerkuppen der Leichenwäsche-Spitzenklöpplerin / Auf den weißen Spiegel auf der Stirn eines neugierig beim Läuten der Totenglocke aus dem Bau tretenden Fuchses SCHREIB ICH DEINEN NAMEN


Am »Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit«, als in den amerikanischen Zeitungen berichtet wurde, daß in Rom die beiden Päpste Johannes Paul II. und Johannes XXIII., der Papst meiner Kindheit, heiliggesprochen wurden, stand ich in New York im Museum of Modern Art vor einer in einem Glaskasten ausgestellten kleinen Skulptur von Marcel Jean, einem schwarzen Kopf mit Reiß­verschlüssen auf den Augäpfeln, die man, so stelle ich es mir vor, wenn die Bilderfolge beginnt, öffnen und schließen kann, sobald der Film beginnt. Um den Hals der schwarzen Skulptur ist ein an beiden Rändern gelöcherter Filmstreifen gewickelt, der meinen Film zum Laufen bringt. Kaum öffne ich den linken Reißverschluß unter den Augenbrauen, beginnen die körnigen, farbigen Filmbilder zu zucken, taucht zuallerst der bereits schwerkranke, mit seiner Tiara, der die Dreifaltigkeit symbolisierenden Papstkrone, auf einer Sänfte sitzende Papst Johannes XXIII. auf, der über den Petersplatz getragen wird. Kurze Zeit später, nachdem ich die Mel­dung im Radio gehört habe, dem ersten Radio, das wir bekommen haben von Tante und Onkel aus der Kondi­torei Rabitsch am Neuen Platz in Klagenfurt, laufe ich über die sechzehnstufige Stiege meines Elternhauses, öffne die Tür des Zimmer, aus dem der Großvater zwei Jahre davor herausgestorben ist, stelle mich heftig schnaufend vor das Bett meiner Großmutter und sage aufgeregt: »Oma! Da Popst is gstorbn!« »Mein Gott na, mein Gott na!« jammert die dicke,  fast neunzigjährige Frau. Ein paar Monate später ist auch meine Großmutter tot.

(S. 150 - 152)

© 2020 Suhrkamp Verlag, Berlin

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