Holger Schulze: Ubiquitäre Literatur.

Eine Partikelpoetik. Berlin: Matthes & Seitz, 2020. 188 S.; Paperback; EUR (A) 15,50. ISBN 978-3-95757-873-0.

Tweets sind Literatur, sagt Holger Schulze. Die wahre Literatur unserer Gegenwart, sagt Schulze (er sagt natürlich nicht „die wahre Literatur unserer Gegenwart“, er sagt schlicht: „die Literatur unserer Zeit“, was ein bisschen weniger hegemonial klingt), sei nicht in den Buchhandlungen oder Bibliotheken zu Hause, nicht in den öffentlichen Lesungen oder Literatursendungen, nicht in den Schreibstuben ernster Schriftstellerinnen und Schriftsteller oder den Feuilletons. Die wahre Literatur unserer Gegenwart, sagt Schulze, wohne in den Einkaufszentren und komme (wie das Virus) mit dem Auto, sie sei nicht festgeschrieben, sondern zirkuliere und werde fortwährend weitertransformiert, sie entstehe beim Chatten und im Vorbeigehen, in Ablenkung und in Ironie, im zerstreuten Multitasking und im Handywischen. Das Lieblingsmedium dieser Gegenwartsliteratur sei das Netz. Ihre Leitplattformen seien Twitter und Instagram. Ihre Autorleser seien wir.

Schulze, der an der Universität Kopenhagen Musikwissenschaft lehrt und das dortige Sound Studies Lab leitet, vertritt eine zweifellos breite Auffassung von Literatur. Denn auch Graffiti, sagt er, seien Literatur, und selbstverständlich Klowand- und Plakatgekritzel, und auch „[d]ie politischen Artikulationen allenthalben sind Literatur“ (S. 107). Und zu den Medien der Literatur gehörten folglich auch Hausmauern, Bierdeckel, Baumstämme und Pinnwände. Der im Titel enthaltene Befund der Ubiquität, der zunächst ja überrascht, denn man hätte vieles für ubiquitär gehalten, aber Literatur eigentlich kaum, erklärt sich in erster Linie aus diesem, wie soll man sagen, relativistischen Literaturbegriff.

Der Autor strebt im Kern eine Poetik des Netz-Minitextes an. Er stellt dar, was diese Texte wollen (zum Beispiel trollen) und können (zum Beispiel verletzend sein), und auch was sie nicht wollen (zum Beispiel konsistent sein), ergründet ihre (man möchte, wie an so vielen Stellen dieses Manifests, einschränken: oft) spielerische Natur, untersucht, woraus sie sich speisen (aus Partikeln von Texten und Wirklichkeit, also eigentlich aus allem Möglichen), und analysiert ihre Tiefenstruktur.

Vieles von dem, was Schulze schreibt, ist intelligent und erhellend, über weite Strecken ist es auch unterhaltsam und flüssig zu lesen, und außerdem werden, neben schönen Deichkind-Zitaten und Urs-Widmer-Kalauern, viele interessante theoretische Funde ausgegraben: So greift er auf literarische Ratschläge Italo Calvinos aus dem Jahr 1988 zurück (wobei, ganz kann das nicht stimmen, weil Calvino 1985 gestorben ist, aber egal), um festzustellen, dass Tweets genau das einlösen, was Calvino seinerzeit für die Literatur der Zukunft gefordert hat: Sie seien leicht, schnell und vielschichtig, zudem genau, anschaulich und haltbar (wobei, letzteres möchte man dann doch stark bezweifeln). Er bezieht sich auf die „littérature mineure“ von Gilles Deleuze und Félix Guattari, bringt uns die Readymade-Kunstform des Flarfgedichts nahe und grenzt den Tweet sauber gegen den Aphorismus ab.

Hübsch auch die „zehn unantastbaren Rechte des Lesers“ von Daniel Pennac (1992), und natürlich die zahlreichen Bezugnahmen auf David Shields’ Reality Hunger (2010), das für das vorliegende Werk überhaupt inspirierendes Vorbild gewesen sein dürfte. Sehr viel dran ist an der Feststellung, dass der charakteristische Sardonismus des ständigen Online-Schreibens und Kommentierens ein Reflex des In-der-Wüste-der-Zeichen-weder-untergehen-noch-verdursten-Wollens ist (oder sein könnte) und dass hier allem voran der eigene „Schmerz im Netz des Überflusses, der Überforderung, der Ratlosigkeit“ verlacht wird (S. 95).

Sehr feinfühlig außerdem die Beobachtung, dass es weniger der propositionale Gehalt, sondern vor allem die affektive Tönung, der jeweilige Unterton, der „endeetische Überschuss“ (Franz Koppe) ist, was an manchen Twitter-Nachrichten so fasziniert: also die vielfältigen menschlichen Bedürfnisse und Begehren der Schreibenden, die aus ihnen herauslesbar sind, aus Tweets wie: „Prinzipiell überfordern mich vor allem jene Tätigkeiten, die nicht liebend ausführbar sind“. Oder: „am 3. Oktober hat Jesus das Deutschlandlied an die Berliner Mauer angeschlagen“. Oder: „Feiere Weltfrauentag mit bierhelm im Kinderzimmer weil kita zu“ (S. 162).

Schulzes Buch ist deutlich von dem Impetus getragen, an das Phänomen offensiv kulturoptimistisch heranzugehen. Das ist legitim, droht aber leider punktuell zu kippen, wenn im Überschwang unnötigerweise gegen das gehöhnt wird, was man herkömmlich als Literatur bezeichnen würde: etwa wenn deren Autorinnen und Autoren ihr Anspruch auf Urheberschaft oder eine „ordnungsgemäße Lizenzabrechnung“ zum Vorwurf gemacht wird (S. 67) oder sie gar unvermittelt als weltfremd im Netz herumspukende Oberlehrer, Gauleiter und Feldwebel denunziert werden (vgl. S. 104).

Hauptsächlich aber bleibt doch Schulzes uferloser Literaturbegriff zu kritisieren. Wenn Social-Media-Junkies zu „Lektomanikern und Hyperleserinnen“ stilisiert werden oder von „Lektotopen“, „Skriptotopen“ und „instagrammatischen Operationen“ die Rede ist, könnte man das einfach hochtrabend finden. Aber wahrscheinlich müssen Manifeste hochtrabend sein. Also: Ja, zweifellos, es gibt Tweets, die eine kunstvolle Eleganz, Postings, die eine poetische Logik, Memes, die eine grandiose subversive Ästhetik entfalten. Ob sie als Literatur gemeint sind, wird oft nicht zu entscheiden sein. Vielleicht sind manche es.

Aber warum sollten wir annehmen, dass jede Statusmeldung vom Staubsaugen, jedes Kurzvideo vom Hundeäußerln, jede Kurznachricht aus dem Wartezimmer und jede Trump’sche Mitternachts-Wortmeldung Literatur sind? Wo läge die formale Gemeinsamkeit zur herkömmlichen Literatur? Erfüllen sie eine auch nur annähernd ähnliche kulturelle Funktion? Und sollte uns tatsächlich Respekt abnötigen, dass die Tweets und Instagram-Posts, die Klosprüche und Bushaltestellenkritzeleien ohne „psychologisch, handlungslogisch etablierte[ ] Figuren“ (S. 93), ohne „schlüsselromanhafte oder magisch-realistische Übersetzung in einen fiktional detailreich ausformulierten Erzählkosmos“ (S. 147) auskommen? Wäre das ihre ästhetische Leistung?

Apropos Trump. Eine auf die klassischen 140 Zeichen zurechtfrisierte Twitter-Version dieser Buchbesprechung hätte lauten können (aber sardonisch wäre das eher nicht): Tweets sind Literatur, sagt Schulze. Aha, dann wird wohl am 20. Jänner der größte Dichter-Politiker seit Václav Havel sein Amt niederlegen.

Nach der Lektüre von Reality Hunger war man vollends überzeugt, dass die Zukunft der Literatur nirgendwo sonst als in der Non-Fiction liegen müsse. Dass die Gegenwart der Literatur akkurat in den sozialen Medien passiert, glaubt man nach Ubiquitäre Literatur jetzt irgendwie doch nicht ganz.

 

Stefan Winterstein (1.12.2020)