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Nadja Bucher: Die Doderer-Gasse oder Heimitos Menschwerdung.

Leseprobe:

"Das ist der Karli", raunte Isa.
Marie wusste ohnehin, wen sie vor sich hatte. Hofkinder, die sie aus der Ferne gesehen und gemieden hatte. Gerüchte waren ihr zu Ohren gekommen, die nicht für sie bestimmt gewesen waren, aber aufgeschnappt wurden und Eindruck hinterlassen hatten. Sie wusste, Hofkinder waren gefährlich, weil asozial mit ausgeprägtem Hang zur Unruhestiftung. Gesindel und Gfraster aus kinderreichen Familien. Auch wenn Marie die Bedeutung der Worte noch nicht dezidiert wusste, war ihr klar, dass es schlecht war, mit ihnen betitelt zu werden.
Der Schlimmste von allen war Karli. Von dessen Mutter munkelte man, sie wisse die genaue Anzahl ihrer Kinder nicht, da die Produkte aus Vorehen und unehelichen Zusammenkünften unüberblickbar seien. Außerdem säßen die älteren Ausgaben immer wieder im Gefängnis oder tauchten aus taktischen Gründen für längere Zeit unter. Kamen sie wieder zum Vorschein, war häuslicher Radau garantiert, und rief die Nachbarschaft, welche Karlis Familie an Schändlichkeit nur mäßig nachstand, auf den Plan. Denn jeder noch so geringfügige Vorsprung an Rechtschaffenheit legitimierte zu Klagen und Einschaltung der Polizei, welche prompt zu fortgeschrittener Nachtstunde vorfuhr und den heimkehrenden Sohn wieder in Gewahrsam nahm.
Vor einigen Wochen anlässlich einer abendlichen Delogierung, der Marie wie auch andere vom Fenster aus beiwohnten, hatte ich Karli auf dem Parkplatz vor dem Wohnblock gesehen. Er stand neben einem Sperrmüllhaufen, den kläglichen Überresten des familiären Hausrats. Der Delogierungswagen der Gemeinde Wien, wie die Beschriftung am Fahrzeug lautete, griff mit einer Baggerschaufel in die Habseligkeiten, lud sie auf, um sie zur Deponie zu schaffen. Karli hatte die öffentliche Demütigung stoisch hingenommen, während seine Mutter den Fahrer des Wagens verfluchte. Alle Beobachter wussten, dass die Räumung einer Wohnung erst nach monatelang unterlassenen Mietzahlungen und unbeachtet gebliebenen Mahnungen erfolgte. Jeglicher Sinnhaftigkeit dieser Aktion zum Trotz bezog Karlis Familie wenig später eine Wohnung der Nebenstiege, wo das traditionell libertäre Mietzinsgebaren fortgeführt wurde, wie interessierte Nachbarn zu wissen meinten. Auch die Töchter des Clans trugen tatkräftig zum schlechten Ruf bei, indem sie einschlägigem Broterwerb nachkamen. Auf den Strich gingen sie, so das Gerücht, eine sollte es sogar in den Büschen hinter den Mülltonnen getrieben haben. Ob unfreiwillig oder gegen Bezahlung, darin war sich der Klatsch uneins.
Was Dichtung oder Wahrheit schufen, war ein Nimbus der Gefahr, den Karli wie eine Krone trug, in stolzem Bewusstsein seiner Wirkung. Als Marie den um einige Jahre älteren Jungen gegenüberstand, sahen seine roten Haare, sein blasses Gesicht, der vom fiesen Grinsen verzogene Mund brutal und skrupellos aus.
"Wer seids ihr? Wo wohnts ihr?", fragte er.
Umstanden von Physiognomien, an denen Milieustudien Anleitung nehmen konnten, strahlte er Einschüchterung aus. Marie verfiel in ihre Starre, die sie im Kindergarten als Duo mit Isa bereits abgelegt hatte, die ihr angesichts der Hofkinder-Front jedoch als althergebrachtes Verhaltensmuster bereitwilligst diente.
– Sollten wir in dieser durchaus brenzligen Situation nicht intervenieren, Loos?
– Doderer, sie – kann – Sie – nicht – hören!
– Ich meine, den Mädchen zur raschen Flucht raten, oder mit Anleitungen im Faustkampf beistehen?
– Doderer, Sie überschätzen Ihre Fähigkeiten maßlos.

"Geht dich nichts an", sagte Isa, rempelte einen der fünf zur Seite, um ihren Weg fortzusetzen.
Noch bevor Marie reagieren und ihr folgen konnte, packte einer der Jungen, dessen Visage auch bei wohlmeinender Betrachtung nicht anders als unintelligent bezeichnet werden musste, ihren Arm. Isa fuhr sofort herum. "Lass sie los", sagte sie. Da schlug ihr einer der fünf ins Gesicht, eine Ohrfeige – in Wien Watschen genannt –, nicht sonderlich heftig, aber schallend. Im Schein der Straßenlampe sah ich Isas Unterlippe zittern. Sie hielt ihre Laterne noch immer in der Hand, überflüssig wie ein Wedel, der, zu dünn und leicht, nicht als Schlagstock in Gebrauch genommen werden konnte, sich zum hinderlichen Ballast gewandelt hatte.
"Sonst was?", fragte Karli und verbreitete sein Grinsen, das Sicht auf angeknackste Schneidezähne bot.

(S. 87-89)

© 2020 Milena Verlag, Wien.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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