logo kopfgrafik links adresse mitte kopfgrafik rechts
   
Facebook Literaturhaus Wien Instagram Literaturhaus Wien

FÖRDERGEBER

Bundeskanzleramt

Wien Kultur

PARTNER/INNEN

Netzwerk Literaturhaeuser

mitSprache

arte Kulturpartner

traduki

Incentives

Bindewerk

kopfgrafik mitte

Christoph Ransmayr: Der Fallmeister.

Eine kurze Geschichte vom Töten.
Roman.

Frankfurt am Main: S. Fischer, 2021.
224 S., geb.; Euro 22,70 (A).

ISBN: 978-3-10-002288-2.

Christoph Ransmayr

Leseprobe

So viel ausgreifende Sprachmacht und Beschwörungsgewalt dürfte keinem anderen österreichischen Schriftsteller der Gegenwart derzeit zur Verfügung stehen. Was Christoph Ransmayr, seit einiger Zeit wieder in Wien ansässig, mit "Der Fallmeister", seinem neuesten, pünktlich zu seinem 67. Geburtstag erschienenen Roman vorlegt, ist nicht nur – womit der Untertitel lockt – eine "kurze Geschichte vom Töten", es ist ein Wortrausch, eine Studie zu Ambivalenz und emotionaler Blindheit, und es ist in ausgreifenden, komplexen, hochmelodiösen Satzkaskaden eine geradezu klassische Etüde über einen Ich-Erzähler, der sich erst im Finale als überraschend anders erweist. Woraufhin ein neuer Strudel sich eröffnet und das auf 220 Seiten geschilderte Geschehen, das mit Wasser, Wirbeln und Vortexkraft inklusive fünf Toter einsetzte, mit sich fortreißt und gänzlich andere, neue kaleidoskopische Reflexionen beschert.

Die Welt ist in "Der Fallmeister" alles andere als hell. Europa hat sich nach Jahrzehnten der Kriege und Konflikte politisch atomisiert und ist in noch kleinere Miniaturstaaten zerfallen als selbst zu Zeiten des mitteleuropäischen Fleckenteppichs im 18. Jahrhundert. Manche dieser "Fürstentümer", "Kommissariate" und "Grafschaften" sind so klein, dass sie binnen eines halben, höchstens eines ganzen Tages zu durchwandern sind. Und da ist noch der Weiße Fluss, zu identifizieren als die sacht verschleierte Donau, die durch unzählige hypernationalistische Schrumpfländer und Staaten-Flecken strömt mit mehr als drei Dutzend Sprachen. Hier, in einem abgelegenen Tal, ist der Vater des Ich-Erzählers Kurator eines fluvialen Freiluftmuseums. Er lässt sich als "Fallmeister" anreden und pflegt den nostalgischen Glanz, den dieser alte Begriff verströmt; er verehrt kultisch wie obsessiv die Vergangenheit und verabscheut zutiefst die Gegenwart. Fallmeister, heißt es zu Beginn, das sei einst die Bezeichnung für den Schleusenwärter am Fluss gewesen, ein honoriger Ehrentitel. Der Fallmeister verantwortet in der Praxis die Lenkung der Bootsgassen im Bereich des Großen Falls, "die wie wasserführende Balkone an die Felswände gebaut waren. So konnten die Salzschiffer in ihren Langbooten den Großen Fall in treppenförmig angeordneten Kanälen umfahren."

Der Vater als Fallmeister verantwortet allerdings auch den Tod von fünf Langbootpassagieren, die in den von ihm verantworteten Kanälen umkommen. Das macht ihn noch bitterer als die Jahre zurückliegende Deportation seiner Frau zurück in ihr Herkunftsland, auf eine kleine dalmatinische Insel. Am ersten Jahrestag des Unglücks, das vielleicht keines war, sondern, wie der Ich-Erzähler mutmaßt und zu rekonstruieren sich anschickt, Mord, wird er dabei gesehen, wie er mit einem Boot ebenfalls in den tückischen Fluten des Stroms untergeht. War die Schuld zu viel, waren die Selbstvorwürfe zu groß? Da ist Ransmayrs Protagonist schon weltweit unterwegs, als Hydroingenieur in Diensten eines transnationalen Wasserunternehmens, das global agiert und eines von ganz wenigen Unternehmen ist, die die Kleinstaaterei mit Tücke, mit Erpressung, mit ökonomischer Brutalität erfolgreich für sich nutzen und ausnutzen. Trinkwasser und Energieversorgungssysteme sind in einer Welt, die unter Wasser steht, die in Folge stark gestiegener Meeresspiegel überflutet wurde, mehr wert als Gold. Er ist an einem Fluss in Brasilien ebenso tätig wie in Kambodscha. Dort erreicht ihn die Nachricht seiner Schwester Mira, er solle ihr beistehen beim Ausräumen des Fallmeisterhauses des Vaters. Die digitalen Kommunikationswege sind allerdings so fragmentarisch wie gründlich überwacht und zensiert, dass er kaum antworten kann; und auch nicht will; noch weniger will er dorthin zurückkehren; zu mühsam sind internationale Reisestrecken. Mit Mira, die mittlerweile in Norddeutschland an der Elbemündung mit einem "Reichsgrafen" zusammenlebt, verbindet den Ich-Erzähler eine inzestuöse Liebesbeziehung, Thomas Manns Wälsungenblut, minus Antisemitismus, plus Wasser sozusagen. Da ihm seine Firma sämtliche beruflichen Qualifikationen streicht – seine Alma Mater Rotterdam wurde von ihr, weil feindliche Stadtrepublik, als wertlos disqualifiziert –, kündigt er, woraufhin er postwendend in einer automatisierten Replik die Offerte erhält, einen Verwaltungsposten in abgeschiedener Landschaft zu übernehmen – die Stelle als Fallmeister eben dort, wo er aufwuchs.

Drei Monate Urlaubszeit liegen vor dem Antritt der Stelle. Diese will er nutzen, Mira, von der er träumt, nach der er sich sehnt, die er liebt, wiederzusehen nach langer Zeit. Er reist umständlich nach Norddeutschland und trifft sie, die in einem Turm mitten im knietief überfluteten Watt wohnt. Die umgebende Region ist Kampf- und Bürgerkriegszone. Als er Mira, die an der Glasknochenkrankheit leidet, in der letzten Nacht seines Besuches amourös bedrängt, bricht er ihr dabei, ohne es zu wollen, das Genick. Es gelingt ihm, dies als Unfall zu drapieren. Um Trost in seinem emotionalen Elend zu finden, will er die lang nicht mehr gesehene Mutter auf ihrer Heimatinsel besuchen. Dieses Eiland, einst ein kleines Paradies an der Adria, ist fast zerstört, kaum mehr bewohnt, der vor Zeiten als pittoreske Sehenswürdigkeit gerühmte Süßwassersee ist auf Generationen hin vergiftet und tot. Er findet seine Mutter – und dazu jemanden, den er niemals in ihrer Nähe erwartet hätte. Final ist dieser Roman der Wahrnehmung inmitten destruktiv katastrophaler Atmosphäre eigentlich ein Buch über falsche Wahrnehmung, über an eigener Opakheit scheiternde Gefühle und über einen Untergeher, der avancierte Technik beherrscht, aber für das eigene Leben keinerlei Techniken erworben hat außer jenen des Selbstbetrugs und des verblendeten autohypnotischen Existierens.

Alexander Kluy
29. 03. 2021

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser/innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Link zur Druckansicht
Veranstaltungen
Super LeseClub mit Diana Köhle & David Samhaber

Mo, 20.09.2021, 18.30 bis 20.30 Uhr Leseclub für Leser/innen von 15 bis 22 Jahren Du willst...

Junge LiteraturhausWerkstatt

Mi, 22.09.2021, 18.00–20.00 Uhr Schreibwerkstatt für 14- bis 20-Jährige Du möchtest dich mit...

Ausstellung
Tipp
OUT NOW: flugschrift Nr. 35 von Bettina Landl

Die aktuelle flugschrift Nr. 35 konstruiert : beschreibt : reflektiert : entdeckt den Raum [der...

INCENTIVES - AUSTRIAN LITERATURE IN TRANSLATION

Neue Buchtipps zu Ljuba Arnautovic, Eva Schörkhuber und Daniel Wisser auf Deutsch, Englisch,...