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Peter Handke: Mein Tag im anderen Land.

Eine Dämonengeschichte.
Berlin: Suhrkamp Verlag, 2021.
93 Seiten; gebunden; 18,50 Euro.

ISBN 978-3-518-22524-0.

Peter Handke

Leseprobe

EINE GESCHICHTE, DIE ER NOCH KEINEM ERZÄHLT HAT

Ursprünglich kommt Peter Handke aus dem zweisprachigen Griffen/Grebinj in Kärnten. Als bekannt wurde, dass ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen werde und er an seinem Gartenzaun in Chaville bei Paris eine Pressekonferenz improvisierte, bedeutete er den Journalistinnen und Journalisten, was er davor schon anlässlich einer Feier in seinem Heimatort sinngemäß erklärte: "Ich bin ein Schriftsteller, komme von Tolstoi, ich komme von Homer, ich komme von Cervantes, …" Nicht vergessen darf man darüber, dass der humanistisch gebildete Dichter aus der vatikanisch-katholischen Tradition kommt. Die christliche Sitte und Überzeugung gehören immer zu seinen literarischen Ingredienzien. In einem Vortrag zum siebzigsten Geburtstag des Dichters hat der urteilsfähige Theologe und Religionsphilosoph Egon Kapellari festgestellt: "Das genaue Nachfragen nach Handkes Religiosität bleibt legitim, wenn es nicht einengend ist." Im Übrigen, übergelegte Kapellari, lasse er die Kant’sche Frage, "ob ein Gott sei", in seinem Werk offen.

Das neue Buch Peter Handkes, die "Dämonengeschichte" mit dem Titel "Mein Tag im anderen Land", spannt einen besonders großen Bogen, nämlich von der Antike über das Christentum bis in das Heute mit einem "Boot für die Überfahrt samt Einhandruder und Außenbordmotor …", wozu nebenbei bemerkt werden muss, dass ein solches Zeitabenteuer auf großzügig gesetzten fünfundachtzig Kleinformatseiten in der deutschsprachigen Literatur – derzeit - nur Meister Handke beherrscht.

Das vorangestellte Motto des griechischen Lyrikers Pindar aus dem fünften Jahrhundert vor Christus, "Ich, Idiot, ins Gemeinwesen gestellt", ist programmatisch für den Text. Pindars dreigeteilte Oden sind notorisch. Sein Nachfolger aus der Jetztzeit hat seine "Dämonengeschichte" ebenso in drei Teile gegliedert, wobei sich jeder folgende verschmälert und der dritte kaum noch fünf Seiten umfasst.

Der Held des Buchs ist ein Obstgärtner, vermutlich stammt er aus Handkes letztem größerem Werk, der "Obstdiebin". Durch das Verfassen eines naturkundlichen Werks, "Über die drei Arten, Spalierbäume zu ziehen", wird er im Dorf zum Außenseiter, zumal es "etwas für unsere Region Fremdes, gar Anmaßendes, wenn nicht Macht Behauptendes" war. Hier kann der Erzähler durchaus sich selbst meinen und solche Anspielungen ziehen sich durch das ganze Buch. An anderer Stelle heißt es aufschlussreich, er schreibe inzwischen andere Bücher als über den Obstbau. Es wäre möglich, wegen der bedeutungsvollen Hin- und Verweise Handkes Gefühle – als in der großen Öffentlichkeit stehender Schriftsteller – aus diesem seinem "Tag" abzuleiten.

Die Eltern des Obstgärtners, der eine Vorliebe für die Apfelsorten Boskoop, Jonathan, Ontario und vor allem für die Gravensteiner hat, sind verstorben. Seine einzige familiäre Bezugsperson, Vertraute und Richtungsweiserin, sogar Helferin ist seine namenlose Schwester. Vieles mutet absonderlich an. Beispielsweise die Behausung, ein Zelt am Rand eines alten Friedhofs, in dem er von der Schwester mit dem Allernötigsten versorgt wird. Sie bringt ihm neben Äpfeln das Hausbrot mit eingebackenen Bucheckern und Haselnüssen. Er verschreckt die Dörfler, indem er sie beschimpft, beiseite spricht und wütet, auch in einer nichtexistierenden Sprache.

Im zweiten Teil wird er schließlich, wie durch ein tiefkatholisches Wunder, vom "Guten Zuschauer" erlöst, das heißt, von den Dämonen befreit. Die Verwandlung erinnert an das im Jahr 2020 erschienene Buch "Das zweite Schwert. Eine Maigeschichte", in der der Held im Pariser Umland seine Irrfahrt praktiziert. Der von den bösen Geistern entbundene Held schifft dann über den großen Teich, trifft auf seiner Wanderung, über die in schönen, fast lyrischen, aber immer poetischen Beschreibungen berichtet wird, auf viele Menschen, die ihm auf einmal vertraut sind. "Mit einem Bleistift in der Hand / kommst du durch das ganze Land!" Er erreicht dann Dekapolis, das Land der zehn Städte, wo er, man glaubt es kaum, Freunde und seine Zukünftige findet, die er heiratet.

In Kursi auf den Golanhöhen, wo eine andere Hauptperson, Jesus Christus, zwei Jahrtausende früher Besessene heilte, findet zum Schluss, nein, zum happy end, nicht wie in der "Obstdiebin" ein Versöhnungsfest statt, sondern eine andere "Festlichkeit", eine Art Geburtstagsfeier mit einer kleinen Gesellschaft, "fremd einer dem anderen, und doch, auf eine Weise die Fremdheit still bewahrend, eines Sinnes." In der verbalisierten Form ein bisher kaum gebrauchtes Handke-Motiv, wobei noch einmal auf "Die Obstdiebin" zu verweisen ist. Handke kommt gegen Ende nicht ohne einen Ratschlag aus, der folgend lautet: "Und schreib dir das auf einen Zettel und nähe dir den ins Gewand, oder stecke ihn dir in den Arsch."

Bevor Handkes Hauptdarsteller letztlich zu einem "Lasser" wird, erinnert er sich beim Blick in den Spiegel, dass zu seinem Charakter der Widerstand gehört. Darin könnte man die Kontinuität in seinem Werk und seinem Gedankengebäude oder seiner Gedankenwelt sehen. Handke hat im Jahr 2020 neben dem "Schwert" auch eine "Szene" für die Salzburger Festspiele mit dem Titel "Zdenek Adamec" geschrieben, die sich mit dem achtzehnjährigen Prager beschäftigt, der sich aus Protest gegen den Zustand der Welt im März 2003 vor den Augen der Öffentlichkeit auf dem Wenzelsplatz der tschechischen Hauptstadt verbrannt hat. "Aber wo ist das Widerständische, wo ist der Widerstand geblieben, der Teil deines Naturwesens ist, des ungesellschaftlichen, auch nicht zu vergesellschaftenden, zeitweise gar gesellschaftsfeindlichen?" (Vielleicht sogar in Handkes Gebrauch der sogenannten alten Rechtschreibung in diesem und allen anderen seiner Werke.)

Dieses Buch liest die Handke-Gemeinde nicht, sie entziffert es – mit wachsender Freude. Der erste Satz verheißt viel: "In meinem Leben gibt es eine Geschichte, die ich noch keinem Menschen erzählt habe." Wessen Neugierde wird nicht geweckt … "Mein Tag" bietet weder eine besondere psychologische Problematik noch große dramaturgische Volten. Aber ein gerüttelt Maß an Pathos. Einerseits wird eine Nähe zu ruhigen Teilen des Neuen Testaments spürbar. Andererseits ist der Weg nach Dekapolis ein katholisches Exerzitium, das den Obstgärtner verwandelt. Seine Dämonen vom Anfang der Geschichte verlieren ihren Schrecken, wenn sie tatsächlich je einen gehabt haben sollten.

"Mein Tag im anderen Land" fügt sich in das Alterswerk des Kärntner Nobelpreisträgers. Wie schon das schwedische Komitee konstatierte, ist sein Werk einflussreich und untersucht mit sprachlicher Genialität die Peripherie sowie die Spezifität der menschlichen Erfahrung. Eigentlich bringt diese "Begründung" auch das neueste Bändchen auf den Punkt.

Janko Ferk, 1. April 2021

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser/innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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