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Flora S. Mahler: Julie Leyroux.

Roman.
Salzburg-Wien: Müry Salzmann 2021.
240 S.; gebunden; 24 Euro.
ISBN 978-3-99014-215-8.

Flora S. Mahler

Leseprobe

Flora S. Mahler hat bisher bereits Texte in Anthologien und Zeitschriften, wie z. B. in Lose Blätter oder die Rampe, sowie Arbeiten als bildende Künstlerin im Kollektiv Asgar/Gabriel vorgelegt. Julie Leyroux ist ihr erster Roman und gibt einen gleichermaßen spannenden wie tiefgründigen Einblick in die Kunstszene, die der Autorin wohlbekannt ist.

Protagonistin und Titelheldin Julie Leyroux ist eine international erfolgreiche Konzeptkünstlerin, die mit ihren radikalen Performances und Aktionen immer wieder für Aufsehen sorgt. Als sie auf der Kunstakademie in Wien als Abschlussarbeit "Hiding Warhol’s Mao behind a layer of black covered with pink and green dots executed by the daughter of a victim and the daughter of a collector as a feminist counterculture-revolutionary act" – die Übermalung eines Mao-Portraits von Warhol gemeinsam mit einer chinesischen Künstlerin – präsentiert, tobt nicht nur ihr Vater, aus dessen Kunstsammlung das Bild stammt, auch die Prüfungskommission zeigt sich verhalten. Jahrzehnte später wird das Bild bei Sotheby’s um mehr als 3 Millionen Euro verkauft. Von den gnadenlosen und volatilen Mechanismen des Kunstmarkts, die über Ausstellungen, Verkaufspreise und Karrieren bestimmen, zeigt sich Julie aber stets unbeeindruckt. Sie hat ihr Leben ganz in den Dienst ihrer Vorstellung von Kunst gestellt und führt dieses dementsprechend konsequent und intensiv. So wie sie immer alles gibt, verlangt sie das auch von allen anderen, Enttäuschungen auf beiden Seiten bleiben hier nicht aus. Ihrem Lebenskonzept als l’art pour l’art folgend zieht sich Julie nach der Diagnose einer unheilbaren Erkrankung aus dem Kunstbetrieb zurück und verlangt zum Ärger ihrer Galerist/inn/en, dass ihre Werke nicht mehr verkauft, sondern nur noch verschenkt werden dürfen. Die geplante Ausstellung im Wiener MUMOK soll bei freiem Eintritt und ohne Exponate gezeigt werden und wird trotz boulevardesker Hass-Kampagnen ein voller Erfolg.

Julie steht zwar im Zentrum des Romans, kommt aber nicht selbst zu Wort, sondern wird aus drei unterschiedlichen Erzählperspektiven präsentiert: Da wäre zunächst ihre Studienkollegin und große (jedoch unerfüllte) Liebe Mona, die sich zwischen ihrer "kleinbürgerlichen Erziehung" (56) und dem extravaganten Künstlerdasein aufreibt; dann Julies Galeristin Ann, die die Kunst der Selbstausbeutung und Selbstdarstellung perfektioniert hat und als Workaholic vom Geschäft mit Kunstwerken lebt; und schließlich Julies Halbbruder Robert, der als Philosophiedozent den intellektuellen Part des Dreigestirns abgibt und trotz seiner Beziehungsunfähigkeit eine besondere Verbindung zu seiner Halbschwester bewahrt.

Kaleidoskopartig entsteht aus diesen drei Blinkwinkeln, die auch jeweils eine andere Beziehungsebene mit Julie offenbaren, das Bild einer faszinierenden Figur, der es gelingt, alle in ihren Bann zu ziehen. Raffiniert ist dabei die Verschränkung von Zeit und Raum, dieselben Geschehnisse werden aus unterschiedlichen Perspektiven nacheinander erzählt und erschließen sich dem Lesepublikum erst nach und nach. Das Spiel mit Erwartungshaltungen und Leerstellen, die dem Wissen bzw. Nicht-Wissen der Romanfiguren entsprechen, überträgt sich so auf den/die Leser/in und macht einen großen Reiz bei der Lektüre aus. Neben der raffinierten Erzähltechnik sind Mahler aber auch die Figurenzeichnungen wunderbar gelungen: Hinter der selbstbewussten Fassade ihrer polyglotten Thirtysomethings, die zwischen New York, London, Paris und Wien jetten und auf Vernissagen und Partys weder Drogen noch Sexualpartner auslassen, zeigt die Autorin glaubwürdig deren Nöte und Sehnsüchte. Julie ist, genau wie Mona, Ann und Robert, auf der Suche nach Liebe und Anerkennung; ihre Kompromisslosigkeit steht ihr dabei oft im Weg, so wie z. B. in der Beziehung mit Mona, der sie erst Jahre später ihre Liebe gestehen kann, oder im teilweise inzestuösen Verhältnis zu Robert, der ihr am Ende ihres Lebens noch einmal Kraftquelle wird.
Bei aller Drastik bleibt Mahler aber immer sprachlich unaufgeregt und verliert nie ihren präzisen analysierenden Blick, so hat sie mit Julie Leyroux ein vielschichtiges und tiefsinniges Tableau geschaffen, dessen Wirkung man sich nur schwer entziehen kann.

Veronika Hofeneder, 26. 04. 2021

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser/innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

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