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Daniel Wisser: Wir bleiben noch.

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Roman.
München: Luchterhand, 2021.
480 Seiten; geb.; Euro 22,70 [A].
ISBN: 978-3-630-87644-3.

Daniel Wisser

Rezension

Leseprobe: Heidelbeeren oder Walderdbeeren

Victor hatte sich vorgenommen, die letzten acht Kilometer von Altenmarkt bis zum Haus langsam zu fahren, die Wiese zu betrachten, auf der er als Kind Skifahren gelernt hatte, das Geburtsthaus des Großvaters nicht zu verpassen und an die Geschichte mit den Heidelbeeren zu denken. Heidelbeeren oder Walderdbeeren?
Von Victors Urgroßvater Josef Sandbichler wurde erzählt, dass er im Sommer um Mitternacht aufstand, um im Wald Beeren zu pflücken. Dass er bei Anbruch des Tages mit einem großen Rucksack vierzig Kilometer zu Fuß nach Wien marschierte, um die Beeren auf dem Markt zu verkaufen. Dass er am selben Tag die vierzig Kilometer wieder zurück nach Heiligenbrunn ging, mit ein wenig Geld in der Tasche, das er eisern für das Haus sparte, das er seiner Tochter Rosi bauen wollte. Immer, wenn Victors Mutter die Geschichte von den Heidelbeeren erzählte, begannen Tante Margarete und sie zu streiten. Die eine sagte: Es waren Walderdbeeren. Die andere: Aber nein, es waren Heidelbeeren.
Victor fuhr noch langsamer. In diesem Moment war alles genau wie früher. Jedes Wochenende war er mit Vater und Mutter ins Haus aufs Land zu den Großeltern gefahren. Nur saß er damals auf dem Rücksitz und seine Mutter fuhr. Der Vater saß auf dem Beifahrersitz, las Zeitung und schimpfte. „Die Nazis haben in diesem Land sogar eine eigene Zeitung. Seit die NSDAP verboten ist, gibt es stattdessen dieses Kleinformat“, hatte Konrad Jarno, Victors Vater, gesagt. Und: „Wozu Kinder in diese Welt setzen? Die Nazis sind schon wieder da. Diesmal kommt die Machtergreifung in Zeiten des Wohlstands.“
„Das sagst du seit Jahren. Warum kaufst du die Zeitung überhaupt?“
„Dein Vater liest es doch auch immer, dieses Revolverblatt.“
Wie recht der Vater gehabt hatte, dachte Victor. Früher hatten Politiker die Boulevardzeitungen gefürchtet. Heute waren diese Zeitungen zu den wahren Machthabern geworden, und die Politiker waren nur noch ihre Marionetten. Sie waren ihnen nicht nur hörig, sondern mussten ihnen jährlich mehrstellige Millionenbeträge an Schmiergeldern liefern. Dafür wurden sie dann von diesen Blättern beworben. Wer sich weigerte, wurde aus dem Amt geschrieben.
Nach ein paar Kurven drängelte ein schwarzer SUV hinter Victor, scherte aus, um zu überholen, überholte aber nicht, sondern betätigte mehrmals die Lichthupe. Victor hasste Mödlinger. Victor hasste SUV. Und besonders hasste er SUV-Fahrer aus Mödling. Als Kind hatte er Autos gemocht: den hellblauen Opel Manta, den der Bimbo fuhr und der innen mit Kies, Moos und Blättern bedeckt war wie ein Waldboden; den weißen Ford Cortina des Großvaters, der vor dem Fahren immer die Lederhandschuhe mit den abgeschnittenen Spitzen aus dem Handschuhfach genommen und übergezogen hatte. (Als Kind hatte Victor geglaubt, der Großvater habe das Wort Handschuhfach selbst erfunden, weil der dort seine Handschuhe verstaut hatte.) Oder der VW-Käfer, den Frau Veit in den 70er-Jahren fuhr und bei dem sich der Kofferraum vorne befand, was Victor als Kind besonders fasziniert hatte. Victor besaß kein Auto. Er nahm Autos von einem Carsharing-Dienst. Wie sie aussahen, kümmerte ihn nicht. Die Autos seiner Kindheit waren elegant gewesen, die heutigen waren viel zu große, hässliche Plastikkisten, aus denen man kaum hinaussehen konnte. Victor brauchte kein eigenes Auto. Und vielleicht war es auch mit einem Kind so: Victor brauchte kein eigenes – Sharing würde reichen.

(S. 26-28)

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