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Margit Schreiner: Vater. Mutter. Kind. Kriegserklärungen

Über das Private.
Schöffling Verlag, Frankfurt am Main 2021.
222 Seiten; gebunden; EURO 22,70.
ISBN 978-3-89567-283-1.

Margit Schreiner

Leseprobe
 

Fortschreibung der Kindheit

Margit Schreiner hat mit Vater. Mutter. Kind. Kriegserklärungen ein sehr österreichisches Buch geschrieben. Also ein Buch, das sehr in der Tradition der österreichischen Literatur der Siebziger- und Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts steht und das vielen Vorbildern aus jenen Jahren verpflichtet ist; Handkes Wunschloses Unglück oder Thomas Bernhards Kindheitsromane wären zu nennen und einige andere mehr. Es ist ein Österreich aus unvordenklichen Zeiten, ein Österreich vor dem EU-Beitritt und vor den politischen Verwerfungen der Nuller- und Zehner-Jahre des 21. Jahrhunderts. Folgerichtig geht es um eine Fortschreibung der eigenen Kindheit mit anderen Mitteln, Schreiner erinnert sich an ihr Aufwachsen in einer Siedlung der Voest in einem Vorort von Linz.

Klein ist die Welt damals, überschaubar. Die Mütter, die vorwiegend nicht berufstätig sind und daheim auf die Kinder aufpassen, tratschen und tauschen sich aus, über Nachbarn wird gemunkelt, vermutet, manchmal auch gewusst. Mieter oder Inhaber der kleinen Häuschen in der Siedlung ziehen manchmal weg, die meisten aber bleiben. Ihrem Alltag treu und ihren Gewohnheiten, ihrem Beruf, ihrer Siedlung, nicht immer ihren Partnerinnen oder Partnern, die damals fast ausschließlich Ehepartnerinnen und -partner waren, wie für die Zeit üblich.

Margit Schreiner gelingt es, in ihrem von Wiederholungen und Redundanzen geprägten Stil eine Zeit erfahrbar zu machen, in der die Welt noch ein wenig heil war, wenngleich dieses Österreich der Wirtschaftswunderjahre immer wieder gebrochen wird. Schließlich wird aus der Sicht des aufwachsenden Kindes erzählt; naiv, nachvollziehbar, ein wenig altbacken. Ganz so wie die Zeit damals, als es für Kinder schon aufregend war, den abfallenden Schwanz einer Eidechse zu beobachten. Natürlich eskalieren die Spiele der Hofkinder hin und wieder, aber alles in allem ist die Welt überschaubar und in gewisser Weise frei. Im Grunde sind die Kinder sich selbst überlassen, da die Eltern in der Arbeit sind oder den Haushalt besorgen. Die Mädchen und Buben der Siedlung vertreiben sich derweil mit Pinkelspielen die Zeit und schauen derselben beim Vergehen zu.

Das hat man so oder so ähnlich schon in einigen österreichischen Romanen gelesen, aber Margit Schreiner versteht es, diese Erzählrichtung klug zu unterlaufen. Immer wieder mischt sich das heutige Ich der Autorin kommentierend, bewertend ein und fällt rund ein halbes Jahrhundert später ihr literarisches Urteil über dieses Aufwachsen in einfachen Verhältnissen. Das Narrativ der mittlerweile etablierten Autorin fällt oft bissig aus, im besten Fall ironisch. Dabei ist diese Erzählweise ja längst erprobt, etwa in ihren Büchern Haus, Friedens, Bruch oder in Schreibt Thomas Bernhard Frauenliteratur? Es ist ein reflektierendes Kreisen um die eigene Existenz und das eigene Schreiben. Es ist auch ein Spiel mit Anspielungen und Verweisen, Kommentaren und Bemerkungen:

Kein Spiel wird einfach so erfunden und wieder beendet. Weder die Spiele der Kinder noch die der Erwachsenen. Spiele haben wie jeder Krieg Konsequenzen. Man gewinnt oder verliert. Meistens verliert man.
(147–148)

Und dennoch atmen die Kindheitsschilderungen den Mief der Sechzigerjahre, wo Zahnärzte problemlos im Kirchenchor singen und dennoch ihren weiblichen Patientinnen bei der Behandlung die Hand auf die Brust legen konnten. Der Ton dieser Erzählung ist ein wenig melancholisch und bedauernd, manchmal auch zynisch. Eine Abfolge von Enttäuschungen: es geht um Mandeloperationen und die Feststellung, dass statt dem ersehnten Hund eben ein Klavier angeschafft wird. Es geht um die Angst vor Darmverschlüssen und die wechselvollen Beziehungsgeflechte innerhalb der Verwandtschaft; es geht um das Schweigen, das insbesondere im Nachkriegsösterreich der Sechzigerjahre wie eine drückende Schwüle über dem Land gelegen sein muss.

Margit Schreiners Kriegserklärungen, wie es im Titel heißt, sind authentisch, sprachlich versiert und klug. Vielleicht hätten diese Abrechnungen über das Private aber mehr Ressentiment vertragen, bei allem Spott zwischen den Zeilen, denn Schreiner schaut letzten Endes sehr versöhnlich auf ihre eigene Kindheit zurück, die als Blaupause für viele Kindheiten dieser Zeit dienen mag. Wirklich erstaunlich ist daher der letzte Satz des Buches, der den leicht verbitterten Erzählton ein wenig ad absurdum führt: Es war eine schöne Zeit. (222)

Bernd Schuchter, 28.06.2021

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser/innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

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