Markus Köhle: Zurück in die Herkunft.

Ein Nabelschaulauf zu den Textquellen.
Wien: Sonderzahl, 2021.

210 Seiten; broschiert; EUR 18,-.
ISBN: 978 3 85449 572 7.

Markus Köhle

Leseprobe

Markus Köhle liefert in einer Sammlung von genreübergreifenden Texten das Bild eines Autors, der sich mit ca. 28 zumeist österreichischen Autor/inn/en und Textquellen befasst, die ihn inspiriert haben. Das hat scheinbar den Gestus eines Outings.
Die Beschäftigung mit den Texten anderer meint hier zweierlei. Zum einen handelt es sich um Hommagen in Form von Fanpost-Briefen an zumeist verstorbene Autoren und Autorinnen. Die Briefe sind kurzweilig und halten Anekdoten über die reflektierte Gedankenwelt des zuweilen noch heranwachsenden und studierenden schreibenden Subjekts und über seine Meister/innen parat.
Die Textsammlung ist aber mehr als das. Sie bietet formale Hommagen in Form von stilistischen Überwürfen, Nachdichtungen, Verfremdungen auf der syntaktischen Ebene. Der neue Sinn formt sich selbst und ist klugerweise keine simple Anverwandlung oder Aneignung. Mutig allerdings sind Köhles vier mal 44 gesampelte und zu vier Gedichten arrangierte 44 Zeilen von Reinhard Priessnitz.

Das Outing ließe den Schluss zu: ein bekennender Epigone, einer, der seinen Fan-atismus gegenüber den geschätzten Meister/inne/n ausdrücklich mimen möchte und dessen Ehrlichkeit spätestens dann als charmant rüberkommt, wenn man die von Gerhard Rühm inspirierten Blumen-Vierzeiler liest. Diese Auslegung wäre aber tückisch. Nicht nur, weil seit Bekanntheit von Intertextualitätstheorien jeder/jede Literaturwissenschaftler/in weiß, dass Originalität Quellenarbeit ist, Schreiben ohne Bezüge auf Erlesenes und Erworbenes unmöglich ist. Nun, es kommt auf die Absichten und die Steuerung des Umgangs mit Fremdmaterial an, um selbst noch als "originell genug" zu gelten. Köhle, der seine Originalität als Poetry Slammer und Autor längst bewiesen hat, bezeichnet sich auch als Sprachinstallateur; eine Bezeichnung, die partiell auf den vorliegenden Band zutrifft. Und so unterwürfig seine Fanpost sich auch geriert, dahinter steht Kalkül. Nämlich zwischen den Zeilen: Das kann ich auch.

Die literarische Qualität des Buches liegt in seiner essayistischen Raffinesse. Das literarische Subjekt geriert sich mäandernd, beweglich, "flüssig", trotzdem nicht ohne politische Positionierung. Es behauptet somit nicht nur aus Quellen zu sprechen – es versteckt sich nicht irgendwo, um einfältig den Hahn aufzudrehen und sich zu inszenieren – es sprudelt wie ein Fisch mit heraus. So sehr sich das Buch permanent mit anderen beschäftigt, so sehr also auch mit dem schreibenden Subjekt selbst. Programmatisch enthält der an den Anfang gestellte Text "Stallgeruchsverkennung" ein sinnreiches Wortspiel mit dem Präfix "Kunft" und seinen semantischen Spielarten. Die Gedichte "Der hohen Minne tiefer Fall" sind Liebespoesie unserer Zeit; die Flexionen der Liebesfälle herrliche Sprachspiele mit Tiefgang, so locker sie auch daherkommen: "Wir sind mehr als ein temporäres Kopulationskonglomerat mit Wechselwirkung / Wir sind Textstrom / Wir sind Gleichstrom widerstandslos".
Insgesamt ein Remix des Eigenen als Künftiges; zuweilen weniger denn mehr, aber doch auch des Fremden.

Marietta Böning, 28. 06. 2021

Originalbeitrag
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