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Arnulf Ploder: Kleider des Himmels.

Leseprobe:

Die Großmutter zeigte ihnen stolz die Fotos vom Skiurlaub in Davos, wo sie mit den Kindern Onkel Elmars, während er mit seiner Frau auf Skiern unterwegs gewesen war, auf dem Hang hinter der Hütte Schlitten gefahren war, und neben der Hütte zuvor Schnee auf einem Hügel angehäuft hatte, damit sie, wenn sie zu viel Schwung bekamen, nicht weiter talwärts sausen, sondern in dem Schneehaufen aufliefen.
Immer schon hatte ein Fotoapparat das Wichtigste in ihrem Leben festgehalten. Das während der Geburt gestorbene Kind, das sie neben sich gebettet hatte und von dessen Anblick sie sich nicht trennen wollte, hatte sie in ihrem weißen Kleidchen von Blumen umkränzt ablichten lassen, auch das Begräbnis ihres Mannes Hermann. In ihrem Auftrag fotografierte der Drogist vom Kirchenfenster den im Hauseingang gegenüber aufgestellten Sarg, die Trauergäste und das anschließende Leichenbegräbnis.
"Habt ihr wohl nicht Wäsche aufgehängt? Das soll man nicht tun, weder am Heiligen Abend, noch in der Silvesternacht", sagte die Großmutter. "Sonst stirbt im nächsten Jahr ein Angehöriger."
Zu ihrem Siebzigsten hatte Onkel Martin dann die passende Idee zu einem gemeinsamen Geschenk für die Großmutter gehabt: einen der neuen leicht zu handhabenden Fotoapparate. Seither fotografierte sie bei jeder Gelegenheit.
Bei künstlichem Licht steckte sie der Kodak-Instamatic einen Blitzwürfel auf, der für eine weitere Aufnahme händisch gedreht werden musste, damit eine unverbrauchte Seite zum Vorschein kam. Im Türrahmen stehend, forderte sie die Anwesenden zum Zusammenrücken auf, wies sie durch Handzeichen zurecht. "So ist es richtig … Ach, hör auf, tu nicht so!" sagte sie, wenn sie, den Apparat schon gehoben, das Silberauge in der Stirn, jemanden ausscheren sah, indem er Gesichter schnitt oder sich zurücklehnte. Hatte sie abgedrückt, ohne dass ein Blitz gestrahlt hatte, deutete sie selbst es durch ein kleines Hüpfen aus dem Stand an, als wäre der Blitz, vom Zeigefinger abgezapft, durch ihre kleine Gestalt gejagt. Sie beugte sich über die handumgedrehte Kamera und betrachtete lange den Blitzwürfel. Dessen Stirnseite war noch frisch, die Blitzbirne hatte nicht funktioniert. "Wieder nichts!", rief der Vater im Halbrund der sekundenlang Verschworenen, schon den einen Ellbogen auf der Kredenz, den anderen auf dem Tisch, um ungeduldig aufzuspringen.
"Bleib sitzen, jetzt, wo die ganze Familie beisammen ist!" beharrte die Großmutter. "Was für eine Familie?" rief der Vater, "dauernd redet sie von einer Familie, die hat nie bestanden. Das hätte sie gerne gehabt. Aber wir sind nie eine gewesen."
"Warum?"
"Ganz einfach: Weil der Vater gefehlt hat. Wenn der Vater nicht da ist, kann man nicht von einer Familie sprechen."
"Also hör jetzt auf so schlimm daherzureden", sagte sie gekränkt. "Tut nur ruhig sitzen bleiben! Und hübsch herschauen!"
"Aber jetzt", sagten sie wie aus einem Munde, als der Würfel Licht spritzte, und mit den Worten: "Es ist genug", schwang der Vater endgültig von seinem Sitz weg.
Die Großmutter spreizte den kleinen Finger der Hand, die die Tasse Kaffee an die Lippen hob. Der Vater klapste mit seinen Fingern darauf. Sie sah ihn befremdet an. "Hör auf damit! Du glaubst, das gehört zu den feinen Manieren, es ist aber nur überkandidelt", versetzte er, "Du spielst eine vornehme Dame. Dabei stammen wir aus einfachsten Verhältnissen."
"Ich bin eine Bürgersfrau."
"Wenn du es schon genau wissen willst, unsere Vorfahren sind Bauern gewesen. Das kannst du nicht leugnen."
Im gekränkten Ton erklärte sie fest: "Ich stamme vom Bauernadel ab!"
"Ja, ja, aber wir waren die Ärmsten im ganzen Ort", sagte der Vater. Die Großmutter wandte ihren Kopf abrupt zur Seite und schloß kurz die Augen. Der Vater hob das Kinn in ihre Richtung. "Das aber will sie nicht hören."
"Lass sie", flüsterte die Mutter. "Nein, nein", meinte er gedämpft, "wir waren ganz sicher die am meisten Notleidenden. Die Ärmsten der Armen im Ort. Aber – insofern hat sie recht – wir haben immer nur die anderen als Arme betrachtet, jene, die in Wirklichkeit mehr gehabt haben als wir. Und weshalb? Weil sie diesen Bauernstolz gehabt hat. Wie auch heute noch. Wir hatten zwar nichts zu essen, aber sie gab uns das Gefühl, etwas Besseres zu sein. Das hat uns auch viel geholfen."
"Ich erinnere mich selbst", sagte die Mutter, "wie meine Mutter meinte, ich würde manches Mal gerne der Frau Gabler etwas geben, aber ich getraue mich nicht, sie anzureden. Wann immer ich ihr begegne, geht sie schnurstracks an mir vorbei, ohne ein Wort, die Arme vor der Brust verschränkt, den Kopf erhoben, sodass ich überlege, sagte meine Mutter, was sie wohl gegen mich haben könnte."
"Einen Stolz und einen unbeirrbaren Willen hat sie gehabt", sagte der Vater. "Ich war fünf Jahre alt, da hat sie über mich schon gesagt: 'Der Martin wird einmal studieren und Doktor sein.' Unsere Verwandten haben sich darüber lustig gemacht, allen voran Onkel Bruno, der dann immer gesagt hat: 'Der wird kein Doktor, sondern ein Tocker.' Dies auch deshalb, weil ich einen Freund gehabt habe, der geistig beeinträchtigt war und dessen Redeweise ich nachahmte, etwa, wenn er in die Luft deutete und sagte: 'Da, da Aeroplan …' Und der zu Omi, die auf ihn schaute und immer wieder mit Essen versorgte, einmal unvermittelt sagt: 'Frau Gabler, wie wär denn das, wenn man mit einer Säge die Eierflachsen, die Hodenflachsen eben, abschneiden tät?' …"

(S. 161 – 163)

© 2020, Bibliothek der Provinz, Weitra

 

 

 

 

 

 

 

 

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