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Sarah Kuratle: Greta und Jannis.

Leseprobe:

Der Sage nach, weihte Greta Jannis in Tante Severines Erzählung von früher ein, starb der letzte wilde Steinbock in unseren Bergen im Obstgarten vor unserem Hof. Ein Luchs, werde in ihrer Familie erzählt, habe das angeschossene Tier in die Kehle gebissen und gefressen. Vögel, Bienen und Schnecken aus dem Wald hätten die Reste verzehrt, sogar seine Hörner. Sie wären eine Verbindung eingegangen, alle starben an Ort und Stelle. Im Jahr darauf erblickte ein Baum das Licht der Welt, mit Ästen aus Horn, acht Jahre später mit Äpfeln wie aus Gold. Seitdem gebe es im Gebirge sonderbare Wesen, Feuervögel, Windbienen, Schneeluchse und Erdschnecken mit harten Hörnern an ihren Köpfen, Gold an Gefieder, Fell und Schale. Die Leute begannen nach dem Steinbock jetzt diese Tiere zu jagen, in Käfigen zu halten. Mit ihren Federn, Flügeln, Pinselohren und Häusern, vor allem mit ihren Hörnern schmücken sie bis heute ihre Hüte. Jannis unterbrach sie, sag, der Hut in der Holzschindelhütte. Greta nickte, das ist so ein Hut, im letzten Dorf dürfen ihn bloß Erstgeborene tragen. Wundersam seien diese Hüte wirklich, voller Musik und Tanz, duftend, eindrucksvoll wirken seine Träger, selbstbewusst, es ist wahr, Jannis, glaub mir, sie erlebte es selbst an einem heißen Sommertag vor gut acht Jahren. Jannis nickte, ich glaube dir, mir ging es nicht anders. Ohne diesen Hut hätte ich mich viel später erst getraut, dir, du weißt schon, so nahe zu sein.

Der Steinbock, knüpfte Greta wieder an die Sage an, lebt fort im Baum und in den anderen Tieren, Schneeluchs, Feuervogel, Erdschnecke, Windbiene, sie hält kurz inne, und im Königreich gibt es die letzte Kolonie von Steinböcken. Von ebendort schmuggelten Greta und Jannis ihre ersten Zigaretten über den Berg, unter Bergdohlen wanderten sie, wir haben uns verliebt und zu viel geraucht. Als spürten sich Zungen und Finger an den geteilten Zigaretten, es schmeckt noch immer anders mit dir Greta, mit ihr rieche er den Rauch gar nicht. Ohne dich rauche ich eigentlich fast nie, Jannis, aber den Geruch nach Rauch von ihren Treffen trage sie, trage ich manchmal tage- und nächtelang mit mir.

(S.112–114)

© 2021 Otto Müller Verlag, Salzburg

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