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Elke Steiner: Die Frau im Atelier.


Leseprobe:

Zermahlene Hasenknochen sind es angeblich, Häute und Knorpel von Kleintieren. Vielleicht haben sie auch Katzen genommen, wer weiß das schon. Oder Hunde. Marius steht vor der Leinwand und schüttelt das Glas mit dem Granulat. Er hat Angst, wie er immer Angst hat vor der leeren Leinwand, vor ihren Linien und tausenden Fäden, in die wieder alles hineinfließen wird, die alles aufsaugen und anders herauswachsen lassen wird, als er es gewollt hatte. Er hat Angst vor den ersten Strichen, vor der Farbe, den Proportionen. Er hat Angst, dass sie ihr Gesicht zeigen könnte, und deshalb wird er sie nur von hinten malen, von der Seite vielleicht, aus allen möglichen Perspektiven. Nur nicht von vorne. Nur nicht so, wie er sie zuletzt gesehen hat.
Seit den Morgenstunden steht er hier, geht auf und ab, geht zum Fenster, wieder zurück, nimmt die Mütze ab, streicht die Haare nach vorne, und setzt sie wieder auf. Es ist immer das Gleiche, er findet keinen Anfang. Er braucht einen Espresso. Die verkrustete italienische Kanne hält ihn einige Minuten lang beschäftigt, bis es gluckert und zischt, das aufsteigende Kaffeearoma öffnet ihm die Nasenschleimhäute. Er atmet durch und stellt sich mit der Tasse in der Hand wieder vor die Leinwand. Dieser elende Anfang, das alles hier, es ist wie eine kranke Liebesbeziehung. Ein On-Off-Debakel. Kaum hat er den Anfang gefunden, kommen auch schon die Schmerzen. Es geht dann alles gleichzeitig, so ist es immer. Das Dunkelgold wird ihm unter die Schädeldecke kriechen, bis er sich winden wird und hoffen, dass noch Migränetabletten in der Lade zu finden sind. Aber irgendwann wird sich etwas verändern. Das weiß er. Das hofft er. Dann werden die anderen Erinnerungen hervorkommen, dann kann er Adele so malen, wie er sie gesehen hat, als sie noch Leben in sich hatte. Als ihre Haut noch den Duft von Biskuit hatte und er sich in ihrem Dunkelgold vergraben konnte. Als sie Hand in Hand über Gehsteige gingen und Wiesen, und als er noch geglaubt hatte, das Leben wäre ein einziger Spaziergang an ihrer Hand.

(S. 5f)

© 2021, Edition Keiper, Graz.

 

 

 

 

 

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