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Fanny Opitz: Literarische Journalisten | Journalistische Literaten. Autorschaft und Inszenierungspraktiken bei Joseph Roth und Tom Wolfe. Bielefeld: transcript / lettre, 2021, 315 S., brosch., € 44,99 ISBN 978-3-8376-5460-8.

https://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-5460-8/literarische-journalisten-journalistische-literaten/

In dieser Arbeit fällt viel Licht auf Roths journalistisches Schreiben, und das ist immer gut so, unterschätzt, wie es lange war. Es wird aber nicht per se untersucht, sondern als Rollenspiel zwischen den beiden Aufgabenbereichen, für die Zeitung zu schreiben versus fürs Buch zu schreiben, inklusive Roths privater Aussagen zu seiner Arbeit wie zu seinen Funktionen als Autor und Berichtender in den frühen Romanen. Wir, als heute retrospektiv Lesende können durchaus sagen: Die Auffassung, entweder „für den Tag“ oder „für die Ewigkeit“ zu schreiben war ein Trugschluß. Wer sich der Zeitreise hingibt, zum Vergnügen ein Blatt in ANNO anzusehen oder Roth in der neuen Joseph Roth Edition, erkennt rasch, wieviel es an Unterhaltendem gibt, aber wie stark viele Texte eben auch heute als gegenwartsbezogen-interessante soziale Beobachtungen verstanden werden können.

Zwei sehr verschiedene Schriftsteller werden da von Opitz vorgestellt – einer mit extravaganten Star-Allüren, die er in der schrillen Auffälligkeit der Kleidung manifestiert, der andere mit betont höflichen Manieren, nur im gestischen, im dezent militärisch-altmodischen Habitus, aber nicht mit teurer Kleidung, auf die er – mit Ausnahme der Krawatten – wenig Wert legte, und der oft nur einen Anzug besaß.

In der Radikalität des Schreibens waren sie einander schon eher verwandt. Es ist wohl der Zeit und der Erziehung geschuldet, daß Roth auch in den grundsätzlichen, radikalen Aufsätzen nicht glatt aggressiv, sondern mit Ironie seine Argumente vorbrachte – nur in privaten Äußerungen eindeutig, herb und scharf werden konnte. Was davon übrig ist an Briefen erklärt Hintergründe, oft Widersprüche oder Auseinandersetzungen mit lascheren Meinungen anderer, und hilft uns, deutlicher zu erkennen, wie Roths Gradlinigkeit beschaffen war; wie sein Denken funktionierte, das mit gutem Gedächtnis wie mit ausschweifender Erinnerungskonstitution bestückt war.

Roths immens intensives journalistisches Schreiben (in den Jahren 1920 bis 1923, seiner Karriere vor der Frankfurter Zeitung: alle zwei bis drei Tage ein publizierter Text) zeigte ihm überaus deutlich die Grenzen einer solchen Arbeit: hunderte Einzelbeobachtungen, die zwar jede für sich gesellschaftlich wirksam waren, aber doch nur im engen, täglich neu gefüllten Rahmen des Feuilletons, der literarischen Misch- und Auflockerungsform der Zeitungen. Daher versuchte er sehr bald, seine Beobachtungen in größeren, „effizienteren“ Texten zusammenzufassen: In Romanen ist es möglich, von der oft recht statischen journalistischen Momentaufnahme abzugehen und Entwicklungen, Tendenzen aufzuzeigen, zum Beispiel die Probleme der Gegenwart oder der jüngeren Vergangenheit symptomatisch darzustellen (siehe Das Spinnennetz). Ganz logisch kommt man so zu einem Junktim beider Interessen – und hätte Roth nicht so ein verschwenderisches Leben geführt, hätte seine Einkommenssituation ihm erlaubt, bald von der Zeitungsarbeit unabhängig zu werden. Es ist Ehrgeiz dahinter, auch der Wunsch „sich einen Namen zu machen“ (also aus der großen Zahl von Schriftstellern gleicher Bestrebungen durch besondere Leistungen, Erkenntnisse, Avantgarde aufzufallen). Aber bei Roth stand nicht das eitle Ego dahinter, er war nicht extrovertiert, wie mir das bei Wolfe stärker ausgeprägt scheint, sondern der Drang, Zusammenhänge im geschriebenen Wort aufzuzeigen, Warnungen in literarischen Formen, also in Gleichnissen auszusprechen.

Darin wieder werden sich Roth und Wolfe ähnlich; das haben sie aber auch mit den meisten ihrer Kollegen gemein.

Kleinteilig, in übersichtlichen, kurzen Kapiteln stellt die Verfasserin ihr Sujet dar. Zuerst, naheliegend, die journalistische Arbeit Roths (nach dem glücklichen Anfang in Wien als rasch Lernender bei primär einer Zeitung, dem Neuen Tag):

a) bei vielen verschiedenen Blättern in Berlin / von Berlin aus und

b) mit einer atemberaubenden Vielseitigkeit in Sujets und Blickwinkeln.

Opitz schreibt im präsens, was manchmal die Dynamik von Entwicklungen verschleiert; etwa die Frage, wie weit war Roths Karriere geplant oder von Zufällen gesteuert? Wie kam Roth mit dem Schreiben für mehrere Zeitungen gleichzeitig zu Rande, was bedeutete sein häufiges Wechseln von einem primären Blatt zum nächsten? Dem Gleichzeitig und dem Hintereinander in Roths Karriereschritten kommt die punktuelle Analyse in der Untersuchung entgegen, der Blick auf Entwicklungen kommt dabei vielleicht etwas zu kurz.

Freilich gibt es für die ersten Jahre wenig „schreib-theoretische“ Äußerungen; Roth distanzierte sich nur (in zwei Briefen im September 1922) von Berliner Börsen Courier wortreich und ein wenig plakativ – aber immerhin, die Ablösung vom Sonntagsschreiber zum politischen Warner gelang ihm für eine Zeit lang, vor allem durch die Möglichkeit des Wirkens in mehreren sozialdemokratischen Blättern gleichzeitig (Vorwärts, Lachen Links; Der Drache), bevor ihn die großbürgerliche Frankfurter Zeitung einfing – gegen deren Spartendenken er von Anfang an revoltierte.

Opitz kommt rasch zum Reichtum an Argumenten im Briefwechsel Roths mit seinem Vorgesetzten, dem Leiter des Feuilletons der Frankfurter Zeitung, und seinen zwei Hauptthemen: die Rolle des Feuilletons als Schmuck für Schmöcke und das Bedürfnis Roths, nicht nur im kleinen, sondern auch im großen Format Wirkung und literarischen Erfolg zu haben. Was hätte er günstigeres haben können, als einen solchen Einstieg, wie die FZ ihm bot: Nach einigen Probe-Artikeln 1922 und 1923 erreichte Roth den gut honorierten Vorabdruck eines Romans Anfang 1924, kaum daß er ständiger Berichterstatter des FZ-Feuilletons aus Berlin geworden war! Von da bis zum ganz großen Erfolg als Journalist war es ein kurzer Weg von zwei Jahren; der des Romanciers dauerte acht Jahre – in denen sich eine Ermüdung von Roths Arbeitskraft auf beiden Ebenen zeigte. Roth ließ sich seine autoritative Stimme teuer abkaufen, argumentierte in der Kollegenschaft heftig und wortreich, was in Briefen und in etlichen Grundsatz-Artikeln bestens dokumentiert ist. Das läßt Opitz schwelgen und gibt ihr viel Raum zum Analysieren und zu vielen Vergleichen mit Zeitgenossen Roths, die ähnliche Probleme hatten. Womit genug verdienen, wofür mehr Zeit investieren, wie seine Fähigkeiten als externer Mitarbeiter und Mitdenker (Roth war nie „Redakteur“, also interner Teil der Redaktion, nie Angestellter eines Blatts im heutigen Sinn) ins gewünschte Licht setzen? Die Zeit war nicht gut dafür; zwei enorme finanzielle Krisen in Deutschland beeinträchtigten so manche journalistische Karriere in den 1920er Jahren, bei allerdings oft sehr weitem Entgegenkommen von Buch- und Zeitungsverlegern. Beide Klaviere konnte Roth formidabel spielen, wie Opitz sehr anregend darlegt.

Auch Roth wich gelegentlich auf Zeitschriften aus, die ihm aber nur scheinbar mehr Denkfreiheit boten, weil sie mit anderen Rücksichten und Grenzen agierten. Erst im Exil nutzte Roth alle Publikationsmöglichkeiten voll aus, wie sie sich ihm boten.

Wolfe hatte andere, deutlich weiter entwickelte Markt-Gegebenheiten vor sich und konnte sich bald weg vom Redaktions-Geschäft auf ein selbständiges, aufs Polemisieren, konzentrieren, und spielte da, unter gänzlich anderen Vorzeichen, den großen Polterer.

Heinz Lunzer

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