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Stefan Schmitzer: liste der künstlichen objekte auf dem mond.

gedicht.
Klagenfurt: Ritter Verlag, 2021.
96 Seiten, broschiert, EUR 14,90.
ISBN: 978-3-85415-626-0.

Stefan Schmitzer

Leseprobe

Der Mond gehört bestimmt zu den präsentesten und mächtigsten Motiven in allen Kunstrichtungen. Kaum ein Gedichtzyklus, Roman, Film, Liederrepertoire oder bildnerisches Gesamtwerk nicht zuletzt in populären oder folkloristischen Gefilden kommt ohne ihn zumindest als Requisite und romantischem Schummerlichtspender oder Topos mit stetiger Klischeegefahr aus: The moon is made of green cheese. Aber es gibt auch zahlreiche Werke, die dieses Mond- und damit Erd- und Menschenbild wieder zurecht- respektive spannend entrücken, als Kunst gestalten und in diese Reihe fügt sich Stefan Schmitzers vorliegendes Langgedicht ganz hervorragend ein. Das Konzept seiner „liste der künstlichen objekte auf dem mond“ ist sehr originell, witzig und innovativ: Alle seit 1959 durch Raumsonden und Landefähren aus der Sowjetunion, den USA, Japan, Europa, Indien, China und Israel auf dem Mond gelandeten oder eingeschlagenen Objekte werden poetisch in den Blick genommen, um flashlightartig Blicke auf die zur jeweiligen Landungszeit bestehenden zeit-, kultur- und alltagsgeschichtlichen Entwicklungen und Zustände auf der Erde zu werfen. „Der Blick des Subjekts der Geschichte“ (S. 6), nicht zuletzt auch als Blick des Eroberers, ist ein grundlegendes und häufig wiederkehrendes Leitmotiv im Langgedicht: „da liegt der blick blöd herum / und das mondlicht liegt auf dem blick“ (S. 6) oder „vom mond zur erde / siehst du subjekt / der blick sieht den blick“ (S. 29). Dabei von besonderem Interesse: Missionen, die scheitern oder beinahe ins Auge gehen wie in „Le Voyage dans la Lune“ des Filmpioniers George Méliès aus dem Jahr 1902, in dem die von einer Kanone zum Mond geschossene Raumkapsel wie ein Dorn im rechten Auge des Mondgesichtes stecken bleibt, die fragmentierten und untergegangenen Objekte sowie nicht zustande gekommene oder stark verzerrte Bildsignale zur Erde oder zum Mond, die genau dadurch für klare poetische Bildverhältnisse sorgen: „der himmel hatte die farbe eines fernsehers der auf einen toten kanal eingestellt ist“ (S. 83).

Wie Stefan Schmitzer selbst bei seiner Lesung (ab 44.58) im Literatursalon des Berufsverbandes österreichischer Schreibpädagog:innen BÖS am 12.06.2021 ausführte, entstand sein Langgedicht ursprünglich als eine Reaktion auf das assyrische Epos von König Etana (2000 v. Chr.), „der Text, in dem zuerst schriftlich von der Vogelperspektive und dem Flug in den Himmel gesprochen wird als Begründung von Herrschaft: Der erste Blick im Himmel ist bereits der Blick des Überwachungssatelliten“ (Stefan Schmitzer). Vom Etana-Epos an sich blieb lediglich der Aspekt der Korrosion und des Verfalls der Tontafeln übrig, im Text simuliert durch die Weglassung von Silben, an deren Stelle Halbhochpunkte, die im Textflow wie Mikromonde wirken, die Lücken markieren. Lückenpoesie, die mit Aussparung und Andeutung poetischen Welt-Raum öffnet, auch als integraler Bestandteil der detaillierten Listenpoesie in den Langgedichtstrophen. Eine Rückbindung an die Antike ist dennoch gegeben. Dies liegt zum einen an den Namen einiger Raumfahrtprogramme, allen voran „Apollo“ oder auch der chinesischen Sonde „Chang’e“: „chang’e war im märchen die liebliche gattin dem lieblichen gatten und er brachte vom jagen den trank der unsterblichkeit heim · etwas geschieht dann und dann · geschieht etwas · chang’e sitzt unsterblich im mond und“ (S. 86). Zum anderen ist die Form des Langgedichts ein Brückenschlag zum antiken Epos, wobei moderne Formen, wie sie Stefan Schmitzer beispielhaft vorführt, natürlich andere und neue Zugänge im Schwebezustand zwischen Lyrik und Prosa erschließen. Die Verschränkung von weit voneinander entfernten Räumen und Zeitaltern ist auch ein gerne genutztes Stilmittel in der Science-Fiction, hingewiesen sei exemplarisch auf die Szene in „2001: A Space Odyssey“ von Stanley Kubrick und Arthur C. Clarke aus dem Jahr 1968, in der ein Urzeitmensch nach einem Kampf einen Knochen in die Luft wirft, von dem auf ein formähnliches Raumschiff im Erdorbit umgeschnitten wird.

Durch die Listung der Gegenstände auf dem Mond in der Reihenfolge ihres Eintreffens wird der Erdtrabant zu einem Archiv der Menschheitsgeschichte nicht nur der letzten sechzig Jahre, sondern auch der in den Objekten eingekapselten Jahrtausende: Der Mond als Datenträger, ein Speichermedium für eine Datenessenz, ein Datenkonzentrat, das wie in einer Blue Box in seinen Konturen und Verzerrungen deutlich sichtbar wird. Der Mond als Fotoplatte für Bildabzüge terrestrischer menschlicher Spuren. Der Mond als Vitrine für zweckfreie Kunstgegenstände. Oder auch der Mond als Spiegel für die Erde, aus Mondaufgang und -untergang wird Erdaufgang und -untergang: „[LUNAR ORBITER 1] das war das ding mit dem aufgang der erde gesehen aus der mondumlaufbahn (…) ab jetzt ist es so, dass du es schwarz auf weiß hast: die erde · ein himmelskörper“ (S. 30 f.). Die einzelnen Abschnitte zu den bis dato 66 Raumsonden könnten mit ihren Namen als Titel durchaus als eigene Gedichte stehen, Stefan Schmitzer fügt sie zusätzlich zu einem homogenen Text-Ganzen zusammen, nicht zuletzt durch seinen rhythmischen Sprachduktus mit Anklängen an Autor:innen der Beat-Generation wie Allen Ginsberg mit seinem ikonischen Langgedicht „Howl“ (1955). Die Textmontage aus Raumfahrttechnik, Historiografie sowie Erinnerungen und Assoziationen des Subjekts lässt eine eindrucksvolle poetische Kartografie des Mondes respektive des irdischen, menschlichen Blickes zum Mond entstehen. Ein akribisches Protokoll der Fahnen und Fanale, mit „Apollo“ auch der Fußabdrücke und Golfbälle, die die Menschen auf dem Mond hinterlassen und ihn zu einem dystopischen Schrottplatz der zur Spitze getriebenen Fortbewegung und Landnahme geraten lassen. Dabei wird auch die Heroisierung der Mondfahrten aufs Korn genommen, besonders die sowjetische („es waren einmal drei raketenstufen“, S. 11) und US-amerikanische („teakholz folksong american ranger“, S. 16) während des Kalten Krieges. Die Mondstaubromantik erweist sich als Schlamm: „wisse die konsistenz des mondstaubs trotz völliger trockenheit sei eher dem irdischen schlamm zu vergleichen nicht staub sondern lehmschlamm am boden von brackwasserständen“ (S. 9).

Stefan Schmitzers „liste der künstlichen objekte auf dem mond“ besticht mit dichterischer Vielschichtigkeit und einem spannenden Konzept, das unterhaltsam zu lesen ist. Sehr empfohlen sei auch das Live-Erlebnis einer rhythmischen Leseperformance des Autors.

Günter Vallaster, 03. 11. 2021

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser/innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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