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"Aufruf zum Misstrauen" - Neuerscheinungen zum 100. Geburtstag von Ilse Aichinger

„Es begann mit Ilse Aichinger“, schrieb Hans Weigel über die „Wiedergeburtsstunde der österreichischen Literatur nach 1945“ und räumte der Schriftstellerin damit einen zentralen Platz in der Nachkriegsliteratur ein. Aichinger, die am 1.11.1921 mit ihrer Zwillingsschwester Helga als Tochter einer jüdischen Ärztin und eines Lehrers geboren wurde, hatte ihre Kindheit zunächst in Linz verbracht, bevor sie aufgrund der Scheidung ihrer Eltern nach Wien übersiedelte und während der Nazizeit der Verfolgung ausgesetzt war, überlebte jedoch als jüdisches "U-Boot".  Erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs konnte sie ein Studium der Medizin beginnen, welches sie aber bald abbrach, um ihren Roman Die größere Hoffnung zu verfassen. Aichinger, die für den S. Fischer Verlag arbeitete und den Schriftsteller Günter Eich heiratete, lebte in Bayern und ab den 1960er Jahren in Großgmain bei Salzburg. Später wohnte sie in Frankfurt am Main und Wien, verfasste Kolumnen für den „Standard“ und „Die Presse“.

In den Beständen der Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur kann zu Ilse Aichinger vieles entdeckt und vor Ort in der Bibliothek auch gelesen werden, darunter die Erstausgabe von Die grössere Hoffnung (Amsterdam, 1948), aber auch ihre frühesten Veröffentlichungen in den Literaturzeitschriften „PLAN“, wo ihr legendärer „Aufruf zum Misstrauen“ erschien, „Der Turm“, wo mit „Der Kai“ ein Vorabdruck aus ihrem ersten Roman gebracht wurde. Ebenso haben sich ihre Beiträge aus dem „Wiener Kurier“ und – relativ entlegen – mit dem Prosatext „Straßen und Plätze“ aus der italienischen Literaturzeitschrift „Botteghe Oscure“ erhalten. In über einem Dutzend Mappen der Zeitungsausschnittssammlung sind Werk, Biografie, Preise und Würdigungen sowie Aichingers Kolumnen dokumentiert – ebenso wie zahlreiche Rezeptionszeugnisse. Mit ca. 640 Einträgen in der Datenbank des Literaturhauses wird man also nicht nur Primär-, sondern auch Sekundärliteratur vorfinden.

Anlässlich ihres 100. Geburtstags sind zahlreiche Neuerscheinungen von und über Ilse Aichinger erschienen, die von spannenden Briefwechseln mit ihrer Zwillingsschwester Helga und dem „dritten Zwilling“ Ingeborg Bachmann, bis hin zu einem Wörterbuch und einem Porträt der Schriftstellerin reichen. Im folgenden werden die Novitäten kurz vorgestellt. Alle Bücher, die dazu einladen die Schriftstellerin neu oder wiederzuentdecken, finden sich auch in der Bibliothek des Literaturhaus Wien.

Im Band Aufruf zum Mißtrauen (S. Fischer), herausgegeben vom Literaturwissenschaftler Andreas Dittrich, sind Texte Aichingers gesammelt, die zwischen 1946 und 2005 in verschiedenen Anthologien, Literaturzeitschriften oder Tageszeitungen erschienen sind. Jene Publikationen, die zu Lebzeiten keinen Eingang in ihr Werk gefunden haben, lassen eine Autorin sichtbar werden, die in verschiedenen Gattungen unterschiedlichste Formen erprobt hat und deren entscheidendes Motiv das Misstrauen geblieben ist: „Beruhigen Sie sich, armer, bleicher Bürger des XX. Jahrhunderts! Weinen Sie nicht! Sie sollen ja nur geimpft werden“, so steht es – heute durchaus wieder aktuell, wenn auch unter anderen zeitgeschichtlichen Umständen –, in Ilse Aichingers „Aufruf zum Misstrauen“ von 1946. Und weiter: „Sie sollen ein Serum bekommen, damit sie das nächste Mal umso widerstandsfähiger sind! Sie sollen im kleinsten Maß die Krankheit an sich erfahren, damit sie sich im größten nicht wiederhole.“

Während der 1950er Jahre, der Blütezeit des Radios, verfasste Aichinger nicht nur Hörspiele, sondern ebenso umfangreiche Radio-Essays über Autoren, die für sie zentral waren. 1955 zum Bespiel eine Sendung über Adalbert Stifter und 1957 unter dem Titel „Die Frühvollendeten“ eine Reihe über Schriftsteller, die im Ersten und Zweiten Weltkrieg jung gestorben waren, wie Georg Trakl, aber auch über Felix Hartlaub, Wolfgang Borchert und die Geschwister Scholl. Diese Radio-Essays sind nun unter dem Titel Die Frühvollendeten (Edition Korrespondenzen) erschienen.

Mit Ich schreib für Dich und jedes Wort aus Liebe (Edition Korrespondenzen) ist der berührende Briefwechsel zwischen Ilse und ihrer Schwester Helga, der die Zeit von von 1939 bis 1947 umfasst, publiziert worden. Helga konnte als 17-jährige mit einem der allerletzten Kindertransporte nach England emigrieren, aufgrund des Kriegsausbruchs vergingen acht Jahre bis zum Wiedersehen. In diesem Zeitraum wird Aichinger auch ihren Roman schreiben, über die Arbeit daran erfährt man vor allem in den Briefen ab 1945 viel. Die Edition umfasst neben den erhalten gebliebenen Briefen auch jene Texte, die Ilse Aichinger den Schreiben beilegte, wie Gedichte, aber auch Prosatexte und zwei Vorarbeiten zu ihrem Roman.

Ein literaturgeschichtlich spannendes Dokument ist im Rahmen der Salzburger Bachmann Edition mit dem Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann, Ilse Aichinger und Günter Eich erschienen. Im Band "halten wir einander fest und halten wir alles fest!" (Suhrkamp/Piper), herausgegeben von Roland Berbig und Irene Fußl, dokumentiert sich die Freundschaft zweier zentraler Schriftstellerinnen der Nachkriegszeit, die trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft und fundamental verschiedener Erfahrungen während der NS-Zeit und unvermeidlicher literarischer Konkurrenzsituation über viele Jahre eine Freundschaft aufrecht erhalten konnten. In den gut 100 sorgfältig edierten Briefen, welche die Jahre von 1949 bis 1962 umfassen, lässt sich das Verhältnis Bachmanns als „dritter Zwilling“ Aichingers und „kleine Schwester“ Eichs nachlesen.

Mit "Wie nur ein Haifisch trösten kann" (AvivA) legt die Schriftstellerin Jutta Sauer einen biografischen Essay zu Ilse Aichinger vor, der nicht nur die zentralen lebensgeschichtlichen Stationen nachzeichnet, sondern auch im unmittelbaren Dialoge mit dem Werk der Schriftstellerin und den Ereignissen der Kultur- und Zeitgeschichte steht. Sauers Porträt macht Aichinger als Frau mit unbeirrbarer Haltung ebenso greifbar, wie als anarchische Flanuerin, deren einzigartige Literatur auch für die Gegenwart von zentraler Bedeutung ist.

Im Ilse Aichinger Wörterbuch (Wallstein), das von den Literaturwissenschaftlerinnen Birgit Erdle und Annegret Pelz herausgegeben wurde, sind ca. 70 Kurzessays von mehr als 60 Autor*innen versammelt, die sich auf die Spuren von Querverbindungen und zeithistorische Kontexte im Werk Aichingers begeben. Dabei machen Wörter wie u. a. „Atlantik“, „Beerensuchen“, „Der dritte Mann“, „Europa von Osten her“, „Großmutter“, „Hasen“, „Lumpen“, „Misstrauen“, „Rand / Ränder“, „Schnee“, „Verschwinden“, „Untergänge“ oder „zwei / Zwilling“ Bezugspunkte sichtbar, die, so die Herausgeberinnen, „wie eine geografische Karte offen für unvorhergesehene Lektürepfade durch Aichingers Werk“ sind.

Die Literaturwissenschaftler Thomas Wild und Rüdiger Görner legen jeweils aufschlussreiche Sekundärliteratur zum Werk und zur Person Aichingers vor. In Wilds Band ununterbrochen mit niemandem reden (Fischer) sind feinsinnige Lektüren des Werks Aichingers enthalten, wobei Wild bislang unbekanntes Archivmaterial einarbeitet und auch den Briefwechsel mit ihrer Schwester Helga rezipiert; seine Lektüren offenaren eine überraschend aktuelle Poetik der Vielsprachigkeit und der Gastfreundschaft. Görners Die versprochene Sprache (Löcker), erschienenen in der "edition pen", versammelt zehn sowohl unpublizierte als auch publizierte Aufsätze, darunter u. a. einen Vergleich zwischen Georg Büchner und Aichinger, zur poetischen Reflexivität in ihrem Werk und eine Interpretationen ihres  Gedichts Triest“.

Teresa Präauer hat am 9. November 2021 anlässlich des Festaktes zu Aichingers 100. Geburtstag im Wiener Rathaus die Festrede gehalten. Diese Rede, welche sich den poetisch verdichteten Beobachtungen und dem von Aichinger stets hochgehaltenen Anspruch an sprachliche Sorgfalt widmet, ist nun unter dem Titel Über Ilse Aichinger, ergänzt um ein Vorwort von Julia Danielczyk, im Mandelbaum Verlag in der Reihe "Autorinnen feiern Autorinnen" nachzulesen.


Kontakt: Stefan Maurer
s.m3jba2aureerbuhr@owlitk+pxheraturhekauirvs.at


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