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Katharina Tiwald: Mit Elfriede durch die Hölle.

Roman.
Wien: Milena Verlag, 2021.
234 Seiten, Hardcover, Euro 23,-.
ISBN 978-3-903184-76-3.

Katharina Tiwald

Leseprobe


Die "Mitzüchter des denkenden Menschen"

Katharina Tiwald gehört zu den seltenen Autorinnen, die mit vollem Klarnamen in ihren eigenen Werken auftauchen. Sie reflektiert über sich selbst, das Schreiben, die österreichische Kunstszene und die Politik. Das war schon in ihrem letzten Roman "Macbeth Melania" (2020) der Fall, der nur ein Jahr vor ihrem jüngsten Band "Mit Elfriede durch die Hölle" erschien.
In "Macbeth Melania" macht sich die Autorin Katharina Tiwald, genannt "die Tiwald", die gerade an einem Theaterstück arbeitet, das von einem Politikberater inszeniert wird, auf die Suche nach der Gattin des damaligen US-Präsidenten Donald Trump, der titelgebenden Melania Trump, die aus dem benachbarten Slowenien stammt.
In "Mit Elfriede durch die Hölle" wird die Autorin und Ich-Erzählerin Katharina Tiwald von der Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek durch eine Hölle geführt, in der österreichische und internationale Politiker, Potentaten und Verbrecher schmoren.

Tiwalds Romane sind wirklichkeitsgesättigt. Und sie haben Tempo. Sie sind so eloquent wie rotzig-derb, aber sie setzen eine Menge Wissen voraus, denn es hagelt in jedem Absatz nur so von Anspielungen. Bezogen sich diese in "Macbeth Melania" vor allem auf die österreichische Politik- und Kulturszene, so setzt der neue Roman "Mit Elfriede durch die Hölle" – und das macht ihn um einiges anspruchsvoller – auch eine gewisse Kenntnis der Autorin Elfriede Jelinek und ihrer Werke sowie der "Göttlichen Komödie" von Dante Alighieri voraus, verfasst vor beinahe 700 Jahren. (Der Autor starb am 14. September 1321.)
Um eventuelle Bildungslücken seitens der Leserschaft zu füllen, befindet sich im Anhang des Romans eine launige Zusammenfassung der einzelnen "Cantos" der "Göttlichen Komödie", die zu kennen ohnehin keinem literarisch Interessierten schaden kann.
Nach deren Lektüre sowie einer kurzen Einführung in Dantes Verskunst zu Beginn des Textes macht man sich an den eigentlichen Roman, dessen Erzählidee in einer Neuinterpretation der 34 Cantos besteht. Ein ambitioniertes Unterfangen, das Tiwald allerdings mit Witz und Einfallsreichtum meistert. Sprich: Statt Bildungsballast bietet der Roman eine burleske Anverwandlung an, die die Kontinuität der menschlichen Dummheit, Bosheit und Lächerlichkeit anschaulich macht.

Katharina Tiwald hat keine Scheu, auch die aktuellsten gesellschaftspolitischen Entwicklungen in Literatur zu verwandeln. Und so befinden wir uns tatsächlich im Zeitalter der Covid-19-Pandemie, die Menschen tragen Masken und sind gezeichnet von den "Entbehrungen des Lockdowns".
Die Hölle befindet sich am Flughafen Wien-Schwechat. Die Autorin Katharina Tiwald, so der Plot, hat ein "Durch-die-Hölle-gehen-Stipendium", "quasi eine Fortbildung" gewonnen, geleitet wird sie samt Romanmanuskript im Rollkoffer von der bewunderten Autorin Elfriede Jelinek. "In Verehrung Elfriede Jelinek zum 75. Geburtstag", lautet das Motto des Romans. "Ich sah sie von der Seite an, diese eigentlich zarte, eigentlich schöne Person, die mindestens eine Generation der Österreicher so leicht erkannte wie, sagen wir, die Mona Lisa."
Danach wird die meistgehasste und gleichzeitig am meisten respektierte Autorin Österreichs aber nicht mehr mit Samthandschuhen angefasst. Die Damen nennen sich beim Nachnamen. Zu ihnen gesellt sich Alex*, mit einem Sternchen geschrieben, weil "er* ein Mensch ist, in dessen Körper zur Kindszeit mit Operationsinstrumentarium herumgedoktert wurde, um aus einem Beinahe-Buben, der halt nicht ins Schnittmuster passte, ein hundertprozentiges, gutes, sozusagen rostfreies Mädchen zu machen".
Auch das heiße Genderthema lässt Katharina Tiwald also nicht aus. Das Befreiende an ihrem Zugang liegt darin, dass sie keine Message hat, sondern den Leserinnen und Lesern, mit und ohne Sternchen, eine Möglichkeit bietet, aus dem gewissen Abstand, den die Verfrachtung der Realität in Literatur nun einmal bedeutet, auf die aktuellen und umstrittenen Themen der Jetztzeit zu schauen.

Kuriositäten der heimischen Kultur bekommen dabei dieselbe Beachtung wie Missstände und Gräuel. Dazu gehört für Tiwald, auch sich selbst durch eine liebevoll-satirische Brille zu sehen, von der "im Kleinbürgerlichen wurzelnden Behütetheit" bis zu einem (nicht gänzlich ironischen) Glaubensbekenntnis an den christlichen Gott und das "umfassende Gute".
Durch die Tiwald’schen Assoziationsketten ist alles mit allem verbunden oder vielmehr alle mit allen. Man könnte es Name-Dropping nennen, aber der Begriff passt nicht, denn Tiwald macht sich mit solcherlei Nennungen nicht wichtig, sondern versucht die heimische Wirklichkeit abzubilden.
Außer ihr selbst und der Nobelpreisträgerin Jelinek tauchen etwa auf: die Autorin Marlene Streeruwitz, Manfred Müller von der Österreichischen Gesellschaft für Literatur, Milena-Verlegerin Vanessa Wieser, der Philosoph Robert Pfaller, der TV-Macher und Energy-Drink-Milliardär Dietrich Mateschitz, Falter-Chefredakteur Florian Klenk, der wegen Inzest verurteilte Josef Fritzl, der russische Dissident Alexei Nawalny, Model- und Casting-Show-Ikone Heidi Klum sowie eine lange Reihe von Politikern, die nicht immer beim Namen genannt werden, weil die Kenntnis ihrer Geschichte vorausgesetzt wird.
Neben der Frage nach der Halbwertszeit einer derart anspielungsreichen Literatur selbst für gelernte Österreicherinnen und Österreicher stellt sich zudem diejenige, ob auch die bundesdeutsche oder Schweizer Leserschaft damit etwas anfangen kann, die vermutlich schon mit den Dialektpassagen zu kämpfen haben wird. Aber das würde Katharina Tiwald wohl nur mit einem Schulterzucken quittieren. Denn sie steht Wohlfühlliteratur kritisch gegenüber.
"Ja, wir wollen quälen, wir müssen der Stachel im Fleisch sein, der Dorn in der Pranke des guten Lebens, die Prise Abführmittel im Chai Latte", schreibt sie an einer Stelle über die Aufgabe der Literatur und der Literaten. "Wir sind die Mitzüchter des denkenden Menschen." "Womöglich dachte ich zu viel, aber ich denke nun einmal ganz gerne", gesteht die Ich-Erzählerin an einer Stelle.

Fazit: Man muss dieses höllische Panoptikum oder vielmehr Pandämonium jetzt genießen. Zukünftige Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftler, mit und ohne Sternchen, werden dann einen umfangreichen Anmerkungsapparat erstellen müssen. In diesem könnten sie dann gleichzeitig auch die genaueren Bezüge zur "Göttlichen Komödie" erklären.

Kirstin Breitenfellner
06. Dezember 2021

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser/inn/en verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinungen der Redaktion wieder.

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