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Jan Kossdorff: Horak am Ende der Welt.

Leseprobe:

12

Marianne und ihre Tochter Amelie, der Junge von der Rezeption und zwei andere Burschen, die sich kurz vorgestellt hatten, saßen mir gegenüber und hörten aufmerksam zu. Mein zweites Bier war beinahe leer, der Garten inzwischen gefüllt mit Urlaubern vom Campingplatz, die bunten Birnen der Lichterkette, die kreuz und quer über den Garten hing, leuchteten vor einem dämmrigen Himmel.
"Herr Lehmann ist super!", sagte einer der Jungs.
Ich deutete der Kellnerin, noch ein Bier zu bringen, und erwiderte: "Ja, ist ein Hammerbuch."
Mariannes Tochter fragte: " Kann man den Film zu deinem Roman irgendwo streamen?"
"Den Film haben sie bedauerlicherweise nie gemacht", sagte ich, "aber das Buch kann ich dir günstig besorgen."
Sie sah mich an, als würde ihr das nicht weiterhelfen, mit derselben Stirnfalte, wie die junge Marianne sie gehabt hatte.
"Ist noch was von dem Geld übrig, das sie damals verdient haben?", fragte ein anderer.
Steckt großteils in der Wohnung meiner Ex-Frau. Aber Tantiemen kommen immer noch rein. Reicht, um das Auto in Schuss zu halten. Oder für einen Thermenbesuch mal."
"Dann war das bei dir ja wie mit ‚Schlafes Bruder‘", sagte Marianne, "so ein einmaliges Riesending!"
"Ich habe einmal ein Treffen von so One-Hit-Wonder-Autoren organisiert, ich dachte mir, das könnte uns alle wieder ein wenig in die Presse bringen. Am Ende bin ich mit Robert Schneider alleine in einem Gasthof in Götzis gesessen, wir haben Schnaps getrunken und uns Fotos von unseren Kindern gezeigt. Es war … eigentlich nett."
"Und sind Sie jetzt noch mit den anderen Autoren von damals befreundet?", fragte mich der Junge von der Rezeption. "Die sind ja alle berühmt geworden!"
"Glavinic gibt mir immer so einen Nackenklatscher, wenn wir uns über den Weg laufen, aber ich glaube nicht, dass er wirklich weiß, wer ich bin. Kehlmann zitiert Macbeth, wenn er mich sieht, vielleicht weil er mich für einen Geist oder einen Untoten des Literaturbetriebs hält, keine Ahnung, und Geiger ist nicht der Allergeselligste. Wolf Haas ist der Netteste von der ganzen Bagage, aber er ruft mich nicht an oder so."
"Und ist dieser Manfred immer noch Ihr Agent?", fragte einer der Jungs.
"Ich habe ihn gefeuert, aber er hört trotzdem nicht auf, für mich zu arbeiten. Er glaubt immer noch, wir rappeln uns noch mal hoch..."
Die jungen Leute hatten genug gehört, sie standen auf, machten Daumen hoch zu mir, sagten "Bis später" und ließen sich bei einer anderen Gruppe ein paar Tische weiter nieder. Marianne und ich blieben sitzen.
"Und dann?", fragte sie.
Ich gab ihr eine kurze Zusammenfassung meines weiteren Lebenswegs, die Versuche, an den Erfolg anzuschließen, meine Eheprobleme, Affäre, Trennung, der Lebensabschnitt danach, plus einen Bonus-Abschnitt über meine medizinischen Wehwechen.
Sie grinste, als käme ihr das alles bekannt vor. Dann fragte sie: "Überlegst du manchmal, was gewesen wäre, wenn dir bei diesem Fest mit dem Bier in der Hand nicht diese Idee für dein Buch gekommen wäre?"
"Ich schätze, dann hätte ich heute drei Kinder statt nur einem, ich würde den Verlag von Franziskas Vater übernommen haben und höchstwahrscheinlich noch verheiratet sein. Und ich würde vermutlich jeden Tag davon träumen, dieses andere Leben zu führen."
"Also gibt es keine richtige Entscheidung, den einen Weg?"
"Sehe ich aus, als sollte man mich bei den großen Lebensfragen als Ratgeber konsultieren?"
"Also ich bewundere dich."
"Wofür?"
"Für deine Gelassenheit."
"Die hab ich nicht."
"Doch. Du bereust ja nichts. Du trauerst nichts nach."
"Weil ich dafür zu unreif bin. Das verspricht ja keinen Spaß!"
"Ich habe jede meiner Entscheidungen eine Million Mal hinterfragt, gedacht, hätte ich bloß oder wäre ich nicht..."
"Du hast doch offensichtlich alles gut gemacht, du hast eine tolle Tochter, lebst an diesem lässigen Ort, du siehst glücklich aus."
Sie biss sich auf die Unterlippe, diese unglaublich hübsche Unterlippe, an der ich die Unterlippen anderer Frauen ein Leben lang maß, und sie schwenkte ihren Kopf abwiegend hin und her.
"Es ist ein Ergebnis aus vielen möglichen..."
"Ein gutes!", sagte ich und dachte, wie bringe ich es fertig, dass wir uns heute küssen.
Ich sah Manfred vor meinem inneren Auge, wie er mich an den Schultern nahm und schüttelte: "Hör auf, alle Frauen zu küssen, die du triffst! Das erschwert mir meine Arbeit!"
Das war irgendwann kurz nach meiner Scheidung gewesen, als ich von Buchparty zu Buchparty zog, eine Schmuserei nach der anderen anzettelte und zu einem Dauer-Gesprächsthema in der WhatsApp-Gruppe 'Frauen der Buchbranche' wurde.
Eine Stunde später hatte ich die Antwort auf die Frage, wie bringe ich es fertig, sie heute zu küssen: Ich musste gar nichts tun, denn sie überfiel mich einfach, als wir uns im Halbdunkel bei dem Toilettenhäuschen begegneten, und ich hatte das Gefühl, die Lust, die sich bei Marianne vor unserem viel zu gut geplanten ersten Mal angestaut hatte, war immer noch unvermindert da, und diesmal würde sie nicht so lange warten wollen.
Fass-Sex konnte locker mit Hotel-Sex mithalten und war Zelt-Sex weit überlegen. Es gab da den einen Moment, wo ich überlegte, wie diese Fässer eigentlich im Boden verankert waren, und ob es passieren konnte, dass sie sich lösten und von ihrem Platz hinunter Richtung Zeltlager rollten…
Nachher lag Marianne in meinem Arm und sah mich lächelnd an.

(S. 153-156)

© 2021 Milena Verlag, Wien

 

 

 

 

 

 

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