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Stephan Eibel: decke weg

Gedichte.
Innsbruck: Limbus Verlag, 2021.
96 Seiten; gebunden; EUR 15,-.
ISBN 978-3-99039-201-0.

Stephan Eibel

Leseprobe


Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt

Bundeskanzler, Expertinnen oder Hausärztinnen: ihre Worte wecken Erwartungen in uns – seien es gute oder schlechte. In Erwartungen steckt auch die Hoffnung. Und wo Hoffnung ist, da sind Enttäuschungen nicht fern. In seinem Gedichtband decke weg spielt der österreichische Dichter Stephan Eibel mit unseren Erwartungen.

In knapp 90 Gedichten gibt er Einblicke in seine Gedanken, gewinnt unser Vertrauen und verwirrt uns – und man liebt ihn dafür. Wie man sich das vorstellen darf? Am besten mithilfe eines Gedichts, wie etwa stimmungswechsel: "wenn ich / aufwach / frisch mich fühl / nach dem ersten kaffee // mich nichts aufregt / ich mich nicht ärger / keinen impuls hab / halt! zu rufen // brauch ich nur / die nachrichten hören / und schon / ist alles anders".

Wie bereits unter einem himmel (2016) und breaking poems (2018) ist auch Eibels insgesamt siebter Gedichtband bei Limbus erschienen. Jedoch irritieren nicht bloß die Zeilen des neuesten Bands, sondern auch das Cover. Denn der Erzberg ist aus Eibels Namen verschwunden. Ein Berg, der nicht nur für die das steirische Eisenerz – Eibels Heimatstadt – stand, sondern auch für eine gewisse Last, die sich der Dichter selbst aufgebürdet hatte. Diese Schwere ist nun fort auch in Eibels Lyrik, wie etwa im Gedicht leichter: "die ersten fünf etagen / vom erzberg / hab ich vor jahrzehnten / schon abgetragen // die nächsten zehn ein bissl später // und die restlichen hab ich / mit allergrößter anstrengung seit / 1995 einzeln abgetragen". Die neue Vitalität in Eibels Lyrik ist wohl auch seinen zwei Herzinfarkten geschuldet.

Die meisten Gedichte sind kurz gefasst, allerdings wartet das Buch auch mit dem ein oder anderen längeren Gedicht auf – Eibel glänzt trotz, oder gerade wegen der teils neuen Länge mit noch mehr Wortwitz. Dass die Pandemie das Enfant terrible der österreichischen Literaturszene auf verschiedene Arten kalt erwischt, ahnt man nach dem Lesen von 2020:

jänner / schreiben in venedig
februar / herzinfarkt in wien / reha in bad ischl
märz / flucht vorm virus nach eisenerz / mit schutzmaske
april / oberhalb der schutzmaske / wächst tränensack - links
mai / oberhalb der schutzmaske / wächst tränensack - rechts
juni / ober halb der schutzmaske / wachsen beide tränensäcke weiter
juli / familienferien in gallipoli
august / urlaub mit bettina in dubrovnik
september / urlaub mit bettina auf santorini
oktober / tränensäcke wachsen weiter
november / schwimmen mit bettina auf sizilien
dezember / weihnachten mit schutzmaske / und tränensäcke erster klasse


Falsch!

Spontanität sprüht aus jeder Zeile – doch Vorsicht. Eibel schreibt zwar aus vollem Herzen, doch kopflos sind die Verse nicht: Verslänge, Wörter und Buchstaben sind nicht nur präzise formuliert, sondern auch montiert. Nach den ersten Zeilen des neuen Gedichtbands glaubt man, da hat jemand mit der Welt abgeschlossen. Falsch gedacht!

Eibel sucht keine neue Welt, ein fester Halt in dieser Welt reicht ihm schon – sei es in Mundart oder dem Standarddeutsch. Doch was für eine Welt ist das überhaupt? Und was machen wir mit ihr? Dazu schreibt Eibel in seinem Gedicht wer: "der mensch / der mensch / zerstört die welt // und wie / zerstört sie / der mindestpensionär // und wie / zerstört sie / die obdachlose // wie / die verhungernden / kinder?"

In einem anderen Gedicht heißt es, das Leben sei eine Welle in der "andere dasaufn". Wird hier dem Pessimismus gefrönt? Nein! Eibel ist mit seinem neuesten Werk in keiner bösen Mission unterwegs. Ja, er blickt auf die Schatten des Menschseins, aber er holt uns – und sich selbst – auf den Boden der Tatsachen.


Erkan Osmanovic, 31.12.2021

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser/innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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