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Margit Schreiner: Mütter. Väter. Männer. Klassenkämpfe

Über das Private.
Frankfurt am Main: Schöffling & Co., 2022.
216 Seiten; geb.; EUR 22,70 (A).
ISBN: 978-3-89561-284-8.

Margit Schreiner

Leseprobe

Nach "Vater. Mutter. Kind. Kriegserklärungen" ist nun der zweite Teil ihres Erinnerungsprojekts erschienen. Margit Schreiner erzählt in "Mütter. Väter. Männer. Klassenkämpfe" von ihrer Jugend oder besser formuliert: von der Jugend. Liefert dieses Buch doch keine gänzlich individuelle Geschichte, sondern viel mehr ein Stück gemeinschaftliches Erleben.

So wie sich Margit Schreiner zu Beginn der Geschichte "Vater. Mutter. Kind. Kriegserklärungen" der Pubertät zuwendet, nur um sich dann von ihr zu distanzieren und die Kindheit in den Fokus zu stellen, so reißt sie gleich zu Beginn von "Mütter. Väter. Männer. Klassenkämpfe" einen feministischen Diskurs an, nur um ihn in der darauffolgenden Zeile auf später zu verschieben. Stattdessen widmet sie sich – dieses Mal wirklich – der Pubertät. Jene wird vorwiegend als Zumutung beschrieben, die mit zahlreichen peinlichen Erlebnissen verbunden ist. Wer das besagte vorhergehende Buch gelesen hat, könnte sich jedoch fragen, ob das nicht auch auf die Kindheit zutrifft. Man denke nur an den Besuch in der Arztpraxis, als das Kind vortäuscht, einen plötzlichen Drang zu verspüren, dem unverzügliche Erleichterung zu folgen hat. Tatsächlich ist die Ursache eine andere, die der Arzt errät, obwohl das Kind sie ebenfalls lieber so lange wie möglich zurückgehalten hätte. Und tatsächlich erscheint auch am Anfang des neuen Buchs von Margit Schreiner kein grundsätzliches Umdenken zwischen Kindheit und Pubertät stattgefunden zu haben. Die Fantasie bleibt ein attraktiver Rückzugsort der Protagonistin und die Abenteuer, die sie in anderen Welten erlebt, erlauben ihr Rückschlüsse auf die Wirklichkeit, vor der sie flüchtet. So kommt sie beispielsweise zu dem Schluss, dass ein erfundener Maharadscha sie mehr liebt als ihre eigenen Eltern. Eine Konklusion, die kindlicher kaum sein könnte. Nur zieht die Sprache leider wieder nicht richtig mit. Es ist die Sprache einer Erwachsenen, die die Leserinnen und Leser des Buches vorfinden. Dass sich daran wahrscheinlich kaum jemand stört, ist dem einzigartigen Humor der Autorin sowie ihrer pointierten Erzählweise zu verdanken. In dem Text finden sich zahlreiche Passagen, die die Leserinnen und Leser zum Innehalten und – in Folge dessen – zur erneuten Rezeption auffordern, kann man die Genialität des vorgetragenen Gedankens doch nicht im Zuge von nur einem Lektüredurchgang erfassen. Man muss es sich regelrecht auf der Zunge zergehen lassen, handelt es sich doch häufig um fein geschnittene, in Humor eingewickelte, gesellschaftskritische Rouladen: "Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie lange der Mensch schon gegen seine Natur kämpft. Allein der Entschluss zum aufrechten Gang war eine krasse Fehlentscheidung. Sie hat durch die Länge der Wirbelsäule zwangsläufig zum Verlust aller Würde geführt." (11)

Und diesen Verlust spürt vor allem die junge Frau, ist sie doch ständig Aufdringlichkeiten ausgeliefert. Nicht, dass die gleichaltrigen Burschen keine ähnlichen Erfahrungen machen würden, doch gibt Margit Schreiner deutlich zu verstehen, dass die Gesellschaft vor allem der Frau das Leben schwer macht, indem sie beispielsweise Mode bewirbt, die nicht nur unpraktisch ist, sondern die Frau in aller Öffentlichkeit demütigen kann. So rutschen beispielsweise die klebenden Strümpfe der Erzählerin und auch ihre Mutter berichtet davon, dass ein Rock zugelassen habe, dass ihr eine zu weite Unterhose in der Öffentlichkeit die Beine hinab geglitten sei. Zudem scheint das gesamte Umfeld der jungen Frau die Befugnis zu haben, sich in ihr Privatleben einzumischen. Die Eltern durchsuchen ihr Zimmer, nachdem sie einen auffälligen Brief erhalten hat, und die Stiefschwester vereinbart nicht nur einen Termin bei einem Gynäkologen, sondern folgt der jungen Frau auch dorthin und führt im Anschluss das Gespräch mit dem Arzt. Margit erlebt das Erwachsenwerden demnach als Leben im Korsett der Weiblichkeit und schreibt: "Ich hatte es ja schon in meiner Kindheit geahnt, dass die Tatsache, eine Frau zu sein, mit ununterbrochenen Demütigungen einhergehen würde. Aber dass es so weit gehen würde, dass man einem völlig fremden Mann das eigene Geschlecht praktisch vor die Nase halten müsse, war nicht vorauszusehen gewesen." (192)

Im Großen und Ganzen scheint die junge Margit aber einen doch sehr lebensbejahenden, abenteuerlustigen Charakter zu haben, der von einem kritischen Geist angeführt wird. Sie beschäftigt sich mit Marx, beteiligt sich an Demonstrationen, macht Matura und verdreht nebenbei der Männerwelt den Kopf. Das Buch "Mütter. Väter. Männer." zeigt eine Generation, die Revolution wollte und so Politik machte. Eine Generation, die man nur bewundern kann.

Rezension von: Christina Vettorazzi, 21. 03. 2022

Originalbeitrag.
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser/innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

 

 

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